Im russischen TV wird mit Atomkrieg gedroht

Die deutsch-ukrainische Publizistin Marina Weisband appelliert an den Westen, die Propaganda der Staatsmedien in Russland ernst zu nehmen.
Autor: Gert Damberger, 14.04.2022 um 12:19 Uhr

Marina Weisband ist in Kiew geboren, hat Russisch als Muttersprache und heute neben der deutschen auch die ukrainische Staatsbürgerschaft. Die ehemalige Piraten-Politikerin ist Mitglied der Deutschen Grünen und berät die Partei in netzpolitischen Fragen. Weisband, deren Familie noch in Kiew lebt, informiert sich mehrsprachig über den Konflikt in der Ukraine und konsumiert auch russische Medien, um „die verschiedenen Perspektiven zusammenzubringen und einzuordnen“.

Marina Weisband | Credit: FABRIZIO BENSCH / REUTERS / picturedesk.com

Staatsmedien seit langem auf Kriegskurs

In einem vor kurzem veröffentlichten Interview mit dem Sender n-tv erinnerte Weisband daran, dass sich russische Sender seit 2013 offen auf Kriegskurs befänden. „Es ist in den vergangenen Jahren völlig normal gewesen, abends in einer Talkshow zu diskutieren, wie man das Baltikum einnehmen könnte oder wie ein Atomkrieg ablaufen könnte“, berichtet Weisband. In der Tat – vor drei Wochen skizzierte der russische Politikwissenschafter Sergej Michejew in einer Talkshow des Russischen Staatsfernsehens „Rossija 1“ das Drohszenario eines russischen Erstschlags mit taktischen Atomwaffen.

„Euer Warschau wird verschwinden“

Michejew, der als großrussischer Hardliner gilt, sagte: „Europa sollte eine einfache Sache klargemacht werden: Es wird einen Angriff mit Atomwaffen erleben, wenn es sich entscheidet, NATO-Friedenstruppen aufzustellen und in Marsch zu setzen. Tapfere Polen, euer Warschau wird binnen einer Sekunde verschwinden!“ Auch einen mit Gewalt erstrittenen Korridor zur russischen Exklave Kaliningrad malte sich der Putin-treue Politologe aus, verbunden mit Drohungen gegen Polen und Litauen. „Die Polen und die Litauer haben sich zu schlecht verhalten. Sie verstehen nicht, dass wir mit ihnen viel schneller fertig werden als mit der Ukraine.“

Russisches Staats-TV | Credit: Erik Romanenko / Tass / picturedesk.com

Diktatoren sollte man besser glauben

Derartige Aussagen seien im Einklang mit der Linie des Kremls, sagt Weisband. Sie plädiert dafür, sie unbedingt ernst zu nehmen. „Wir müssen einfach lernen, Diktatoren zu glauben, wenn sie so etwas sagen. Das heißt: Putin wird in Moldawien einmarschieren, er wird in Georgien einmarschieren. Dann werden grüne Männer, die offiziell nicht zu Russland gehören, aber tatsächlich natürlich schon, in Polen und im Baltikum stehen."