"Populismus ist nichts als heiße Luft"

weekend: Wem nützt es, wenn Menschen sich vermehrt fürchten?
Peter Filzmaier: Das kommt darauf an. Es kann jedem von uns viel nützen, Angst zu haben. Denn deshalb verhalte ich mich ja vorsichtig und gehe im Alltag keine unnötigen Risiken ein. Menschen können aber auch die Angst anderer Menschen ausnützen. Das gilt genauso in der Politik. Der Soziologe Max Weber hat Macht als die Chance bezeichnet, dass Befehle Gehorsam finden, also befolgt werden. Angst kann diese Chance erhöhen, also von nicht demokratischen Politikern missbraucht werden.

weekend: Wird Politik aktuell vermehrt mit der Angst gemacht?
Peter Filzmaier: Natürlich ist die Coronapandemie eine Ausnahmesituation, in der Angst eine natürliche Emotion ist. Doch ich halte es für ein Schönreden der Vergangenheit, dass früher nicht beispielsweise in Wahlkämpfen mindestens genauso viel Angst gemacht worden. Berühmt-berüchtigt wurde etwa in den sechziger Jahren in der Daisy Girl-Fernsehspot. Da pflückt ein kleines Mädchen ein Gänseblümchen – bis im Hintergrund eine Atombombe explodiert. Das soll weniger Angst machend gewesen sein?

weekend: Populisten spielen Ängste in die Karten. Wie gut funktioniert das aktuell?
Peter Filzmaier: Es funktioniert in einer immer komplizierteren und komplexeren Welt immer besser. Denn wenn wir Zusammenhänge nicht oder nur teilweise verstehen, macht uns das Angst. Da steigt die Sehnsucht nach scheinbar einfachen Lösungen. Diese verkünden Populisten, wenn sie zum Beispiel sagen, man kann sich mit viel Zeit an der frischen Lust ausreichend vor Corona schützen. Oder dass jeder einen Job und ein höheres Einkommen hätte, wenn die „Ausländer raus“ wären. Dass ein solches Gerede des Populismus nichts als heiße Luft ist, das merken viele erst viel später als schmerzvolle Erfahrung.

weekend: Stichwort Fakenews: Welche Bedeutung haben diese inzwischen für unser Weltbild bzw. wie sehr lehren sie die Gesellschaft das Fürchten?
Peter Filzmaier: Facebook, Twitter & Co sind nicht schuld an den Falschnachrichten, doch können diese dadurch häufiger und schneller verbreitet werden. Zudem prüfen in seriösen Medien Journalisten Nachrichten auf ihren Wahrheitsgehalt, in sozialen Medien checkt kaum jemand angstmachende Fake News auf ihre Richtigkeit. Im Gegenteil: Man ist ja mit „Friends“ und „Follower“ – also quasi mit Freunden und Gefolgsleuten, die ähnlicher Meinung sind -unter sich und bestätigt sich laufend gegenseitig, dass der größte Unsinn wahr wäre. Wer da von außen die Unsinnigkeit aufzeigt, wird im Umkehrschluss als Feind oder Abtrünniger gesehen, und es glaubt ihm keiner.

weekend: Und gibt es Grenzen dessen, wie sehr sich Menschen in die Furcht jagen lassen?
Peter Filzmaier: Eindeutig ja. Furchterregende Kommunikation funktioniert nur beschränkt. Niemand hält es aus, dauernd Schreckensbilder zu sehen, wir verweigern uns dem Thema dann erst recht. Das Ergebnis ist, dass viele nicht nur die Panikmache ausblenden, sondern auch gut gemeinten Warnungen nicht mehr zuhören. Ob das nun der Hinweis ist nicht zu rauchen oder nicht mit dem Auto zu rasen oder sich an die Coronaregeln wie Abstand halten, Hände waschen und an bestimmten Orten Masken tragen zu halten. Wer zu viel Angst hat, hört da leider genauso wenig hin wie jemand, der dummerweise gar keine Angst hat.

weekend: Leben wir in einer bedrohlicheren Welt?
Peter Filzmaier: Ich bin 54 Jahre alt, also zur Zeit des Kalten Krieges aufgewachsen. Mit wenigen Knopfdrücken hätte die gesamte Welt unzählige Male vernichtet werden können, was ein durchaus reales Bedrohungsszenario war. War das etwa weniger bedrohlich als heutige Terrorgefahren? Nein. Bei Corona funktionieren aber unsere Verdrängungsmechanismen nicht mehr. Anders als bei Ebola und Co. passiert das nicht irgendwo in Afrika oder Asien. Und wir mussten uns von der Illusion verabschieden, dass Krisen menschlich beherrschbar sind.

Autor: Alexandra Nagiller, 14.09.2021