Darf man in Wien „Grüß Gott“ sagen?

ÖVP und SPÖ zanken sich jetzt schon um eine Grußformel. Das zeugt vom tiefen Zerwürfnis zwischen den Parteien.
Autor: Gert Damberger, 06.12.2022 um 14:11 Uhr

Mittwoch, vor einer Woche, im ÖVP-Korruptions-U-Ausschuss:  Nach Kanzler Karl Nehammer ist der Landesgeschäftsführer der ÖVP-Niederösterreich, Bernhard Ebner, vorgeladen. Er kommt herein und sagt „Grüß Gott“. Dann geschieht Unerhörtes. Kai Jan Kramer, SPÖ-Fraktionsführers im U-Ausschuss, weist ihn mit diesen Worten zurecht: „In Wien heißt das nicht Grüß Gott, sondern Guten Tag“.

Die ÖVP schießt zurück

Bernhard Ebner dürfte ziemlich baff gewesen sein. Jede Gemeinheit aus der Sozen-Ecke hätte er erwartet, aber keinen derartigen Schlag unter alle Gürtellinien, noch bevor der Fight überhaupt begonnen hat. Die ÖVP verbreitete per APA-Originaltextservice schließlich einen geharnischten Protest gegen den Ausritt, der sich folgendermaßen las: „Dass SPÖ-Fraktionsführer Kai Jan Krainer nun offenbar allen Menschen in Wien die Grußformel ‚Grüß Gott‘ verbieten will (…), zeigt, wie abgehoben die SPÖ agiert. Krainer hat kein Gespür für dieses Land und seine Menschen. Diese Bevormundung ist vollumfänglich abzulehnen und muss dazu führen, dass sich die noch verbliebenen vernünftigen Kräfte in der SPÖ von ihrem Parteifreund distanzieren“. 

Michael Ludwig beendet die Diskussion

Hat Kramer recht mit seiner Meinung, zwischen der Stadt Wien und dem niederösterreichischen Umland bestehe eine Art unsichtbare Grüß Gott-Schranke, die zu respektieren ist? Die Antwort lieferte ausgerechnet Wiens SPÖ-Bürgermeister Michael Ludwig, der die ORF-Pressestunde mit einem herzhaften – man errät es fast – „Grüß Gott“ einläutete.

Die SPÖ war mal sehr antiklerikal

„Grüß Gott“ ist eine generell im süddeutschen, katholisch geprägten Raum übliche Grußformel, die eigentlich „Gott grüße dich“ bedeutet. Sie kann, muss aber nicht davon zeugen, dass der Grüßende ein Kirchgänger ist oder die ÖVP wählt. Genauso wie ein „Guten Tag“ ein Beweis dafür sein kann, dass der Grüßende Atheist oder Agnostiker ist, aber nicht sein muss. Es gab einmal eine Zeit, in der ein aufrechter Linker mit Sicherheit kein „Grüß Gott“ aussprach oder schrieb. Das war die Zeit des Kulturkampfs in der Zwischenkriegszeit. Das Parteilogo der SPÖ war ein Kreis, der von drei Pfeilen durchbohrt war. Diese verkörperten die Feinde der Sozialdemokratie, die da hießen Aristokratie, Bürgertum und Klerus. Das ist freilich lang vorbei. Seit den Zeiten des Kardinal König befindet sich die SPÖ im schönsten Frieden mit der Kirche, der nur manchmal durch antiklerikale Aufwallungen der Parteijugend gestört wird.

Nur mehr bei 18 Prozent in Gebrauch

Das „Grüß Gott“ ist auf dem Rückzug, aber eher aus kulturellen Gründen als aus Gründen der Religionskritik. Schon 2009 stellte man in einer Umfrage zum Sprachwandel fest, dass im Schnitt nur mehr 18 Prozent der Österreicher/-innen so zu grüßen pflegten und dass die unter 50-jährigen stark zum formlosen „Hallo“, „Serwas“ oder „Hi“ tendierten. Der Trend zu schulterklopfenden Grußformeln dürfte sich seit damals noch verstärkt haben. Nur ist man halt nicht immer im hierarchischen Flachland unterwegs. Wenn man beispielsweise vor einem U-Ausschuss aussagen soll oder als Beschuldigter vor Gericht steht. Auch ein Exekutivorgan bei einer Verkehrskontrolle mit „Serwas“ anzureden, empfiehlt sich nicht unbedingt. Für viele Ohren klingt das „Guten Tag“ noch immer zu künstlich, zu sehr aus Norddeutschland importiert. Und weil man noch nichts besseres erfunden hat, bleibt’s halt oft beim „Grüß Gott“, das weniger klerikal als vielmehr typisch österreichisch ist. Soweit, so klar, Kai-Jan?