Fliegen bei Wind: Darauf kommt es für Piloten an

Welche Herausforderungen starke Windverhältnisse mit sich bringen und wie Piloten Flüge unter diesen Gegebenheiten meistern.
Autor: Julia Deutschmann, 23.08.2021 um 13:56 Uhr

„Die besten Dinge im Leben sind wild und frei.“ Das gilt nicht zuletzt für "Herrn Wind", der für uns Piloten von besonderer Bedeutung ist. An manchen Orten zeigt er sich außergewöhnlich stark, wie beispielsweise im Inntal. "Frau Föhn", eine nahe Verwandte, hat das Wunder vollbracht, dass eine eigene Abflugroute nach ihr benannt wurde. Auf der sogenannten „Jeppesen Chart“ von LOWI (Flughafen Innsbruck) erfolgt die sogenannte „Föhn Departure-Route“ direkt über der Piste 08, relative nahe und knapp an der Berg-Nordseite, raus Richtung Osten.

Was macht die Föhn Departure-Route so besonders?

Jeder der schon mal im Inntal gewesen ist, hat vermutlich bemerkt, dass die Berge im Verhältnis relativ nahe und eng zueinander stehen. Gerät man in eine ordentliche Föhn-Böe, wird das Flugzeug nicht nur abrupt seitlich versetzt, sondern man riskiert auch, näher als es einem lieb ist, an die schroffen und steilen Felswände heranzukommen.

Der Trick bei der Föhn-Departure, also der Abflugroute bei Föhn, ist erstaunlicherweise, gerade diese Nähe selbst und aus eigener Kraft zu suchen, die vermutlich bei einem Flug mittig im Tal durch den Wind unkontrolliert entstehen würde. Man fliegt also möglichst nahe an der nördlichen Bergwand entlang. Schlichtweg, weil der Föhn, der in der Regel aus Süden kommt, über die südliche Talseite nach unten Fahrt aufnimmt, in der Mitte des Tales am stärksten ist, und beim Weg nach oben auf der anderen Talseite, bereits wieder mehr und mehr an Kraft verliert. Somit ist es an der Hang-Nordseite des Tales am sichersten.

Bitte anschnallen!

Daher heißt es bei unruhigem Wetter umbedingt: Bitte anschnallen. Vor allem in den Kleinflugzeugen, wie etwa der Cessna 152, mit der auch ich fliege. Der Beckengurt sollte möglichst eng sitzen. Man stelle sich nur die Kettenreaktion vor, die in Gang gesetzt werden würde, stieße sich der Pilot bei einer heftigen Windböe den Kopf im Cockpit, weil der Beckengürtel zu locker sitzt. Er würde ohnmächtig und „kippt“ auf den Steuerhahn nach vorne. Das Höhenruder schlägt nach unten aus, die Nase des Fliegers geht nach unten ... den Rest kann sich jeder ausmalen.

Flug durchs Wolkenmeer | Credit: iStock.com/jaochainoi

Wie man als Passagier die Windverhältnisse vorhersagen kann

Beobachten Sie beim nächsten Linienflug den Windsack, der an jedem Flughafen sowie Flugplatz angebracht ist. Ändert sich dieser schnell? Dreht sich der Wind oder lässt er vor dem Start nach? Sofern Sie sehen, dass ein stabiler Ostwind geht (Windsack auf circa 90 Grad) und die Pisten-Ausrichtung wie in Innsbruck 26 und 08 ist, so lässt sich mit ziemlicher Sicherheit sagen: Sie werden die 08 bekommen. (Gestartet wird in der Regel immer gegen den Wind.) Nachdem man Winde immer danach bezeichnet, woher sie kommen, und nicht, wohin sie wehen, kommt der Ost-Wind von Osten. Gestartet wird also in Richtung Osten. Erst einmal in luftigen Höhen tun es Piloten den Vögeln gleich, die sich oft nur von der Luftströmung treiben lassen statt gegen sie anzufliegen. Denn kaum eine Kraft lässt sich weniger zähmen als der Wind, dessen Energie und Dynamik gerade durch das Fliegen erst so richtig erlebbar wird.

Zur Autorin

Als Philosophie-Absolventin weiß Passion Author Julia Deutschmann, wie es sich anfühlt, gedanklich abzuheben und die Welt von oben zu betrachten. Seit sie ihre Leidenschaft fürs Fliegen entdeckt hat, hat das Wort „abheben“ für sie eine neue Dimension erreicht. Auf www.weekend.at erzählt sie von ihren Flugabenteuern. Alles anschnallen bitte!