Worauf man bei Durchstartmanövern achten muss

„Kein Vogel kann auf dem Schnabel landen“, sagte einer der Fluglotsen am Flugplatz neulich zu mir. Dieser ist übrigens kein Controller, wie man ihn an den internationalen Flughäfen vorfindet. Da er keine offiziellen Anweisungen erteilen darf, beschränkt er sich auf gute Ratschläge. Weise Worte, wie ich aus meiner Erfahrung als angehende Pilotin nur bestätigen kann.

Landung richtig einleiten

Denn für Vögel mit Flügeln wie auch jene, die drei Räder, zwei Tragflächen und einen Propeller haben, gilt gleichermaßen, nicht zu spät aus der schrägen Lage im Sinkflug in eine horizontale Fluglage zu wechseln. Gesagt hatte der Fluglotse es, weil ich aus einem viel zu steilen Winkel zur Piste zur Landung angesetzt hatte. Sie gelang mir in diesem Falle tatsächlich nicht (fairerweise muss ich sagen, dass ich ungünstigen Rückenwind hatte). Eine Situation, die ein Durchstartmanöver erfordert. Als Passagier auf einem Flug nach Innsbruck - bedingt durch die zahlreichen geografisch sowie meteorologischen Eigenheiten auf dieser Strecke - haben Sie ein solches vermutlich schon einmal miterlebt.

Wann ist ein Durchstartmanöver erforderlich?

Nicht nur ungünstiger Rückenwind oder ein schlecht gewählter Anflugwinkel können ein Durchstartmanöver erforderlich machen. Beispielsweise ist es auch dann vonnöten, wenn die vorhergehende Maschine - aus welchen Gründen immer - nicht rechtzeitig starten kann und noch die Piste blockiert, während man sich selbst schon im sogenannten Endanflug - also kurz vor der Landung - befindet.

In den meisten Fällen liegt es im Ermessen der Piloten, die Notwendigkeit eines solchen - nicht ganz einfachen, aber dennoch unerlässlichen - Manövers abzuschätzen, das jeder Pilot beherrschen muss. Es kann auch vorkommen, dass der Controller gezielt den Befehl erteilt: „Starten Sie durch!“.

In beiden Fällen heißt es dann: Anflug abbrechen, Vollgas rein, Vergaserheizung aus, Klappen Schritt für Schritt einfahren und in den Steigflug wechseln.

Kleinmotoriges Flugzeug vor Start | Credit: iStock.com/Leo Malsam

Risiken bei Landung

Wie dem auch sei, eine Landung auf dem „Schnabel“ ist in jedem Falle unsanft und keinesfalls zu empfehlen. Nicht nur zahlreiche Schäden am Flieger werden durch ein im wahrsten Sinne des Wortes „Einstechen“ in den Erdboden verursacht, was sogar noch das harmlosere Szenario wäre. In den schlimmsten (und meisten) Fällen kommt es zum sogenannten „Bouncing“. Dabei federt das Luftfahrzeug wieder nach oben. Anders als vielleicht vermutet nimmt die Amplitude aber nicht nach und nach ab (ähnlich einem Basketball, der irgendwann einfach liegen bleibt), sondern wird verdoppelt.

Schlussendlich führt das, sofern der Luftfahrzeugführer nichts unternimmt, zum „Herunterfallen“ aus einer relativ starken Höhe. Zwar immer noch besser, als wenn die Aktion in einem Vorwärts-Salto endet, aber die Maschine wird nach solchen Missgeschicken, die glücklicherweise die Ausnahme bleiben, in jedem Falle erstmal „gegroundet“ (bis zur Kontrolle verpflichtet, am Boden zu bleiben), und der Pilot in vielen Fällen zur Nachschulung verdonnert.

Vögel - Meister des Durchstartmanövers

Wer bei einem Linienflug aufmerksam Start und Landung verfolgt, wird bemerken, welche große Rolle die Neigung und die Länge der Piste bzw. die geografischen Gegebenheiten und meteorologischen Faktoren spielen. Bedenkt man, was alles bei einer Landung schiefgehen kann, und dass ein Durchstartmanöver häufig der einzige Ausweg aus brenzligen Situationen ist, so ist es umso bemerkenswerter, dass am Ende so viele Vögel in der Lage sind, sich nur wenige Zentimeter über dem Boden - aus dem in voller Blüte stehenden Sturzflug - abzufangen. Die Luftfahrt mag in vielerlei Hinsicht den Tieren nahekommen, doch solch eine Ästhetik und Perfektion - wie wir sie in der Natur vorfinden - wird sie wohl nie erzielen. Tröstlich ist, dass weder Vögel noch Flugzeuge "auf dem Schnabel landen" können.

Zur Autorin

Als Philosophie-Absolventin weiß Passion Author Julia Deutschmann, wie es sich anfühlt, gedanklich abzuheben und die Welt von oben zu betrachten. Seit sie ihre Leidenschaft fürs Fliegen entdeckt hat, hat das Wort „abheben“ für sie eine neue Dimension erreicht. Auf www.weekend.at erzählt sie von ihren Flugabenteuern. Alles anschnallen bitte!

 

Autor: Julia Deutschmann, 28.07.2021