Wenn Angst unsere Lebensfreude frisst

SEELENLEID. Gerade in Zeiten großer Unsicherheit in vielen Bereichen des täglichen Lebens ist es für viele Menschen sehr schwierig, emotionale Sicherheit und Resilienz zu stärken. Wie uns Krisen sogar zu (Selbst-)Sicherheit verhelfen können und wie wir unsere Kinder dabei unterstützen können, verraten die Gründerinnen der Initiative „our patterns“ im Interview.
Autor: Friederike Ploechl, 10.03.2022 um 11:46 Uhr

Sorgen und Ängste stellen uns gerade in Corona-Zeiten vor große Herausforderungen. Ist durch Corona das Risiko für Depressionen gestiegen?

Unser Bewusstsein reagiert auf anhaltende, massive Unsicherheit, die weder im Innen noch von außen natürlich stabilisiert werden kann, ganz individuell. Depression, Rückzug und Überforderung können mögliche Reaktionen darauf sein. Dazu kommt aktuell das Social Distancing – durch das zwischenmenschliche Abstandnehmen fehlt der „Abgleich“, bisherige (unbewusste) Un - sicherheiten werden verstärkt und wir rutschen in die Einsamkeit. Und da ist die Depression zuhause: Wir fühlen uns abgeschnitten, ängstlich und verlassen, ohne Hoffnung auf Unterstützung oder ein Ende des Zustands. Mit jeder enttäuschten Versprechung der politischen Entscheidungsträger oder Änderung der Corona-Maßnahmen glauben wir stärker, dass das jetzt „für immer so un sicher ist“ – der perfekte Nährboden für Depressionen.

Die Anzahl der Kinder und Jugendlichen mit psychischen Problemen ist erschreckend hoch und die Pandemie hat das Problem verschärft. Wie erklären Sie sich diese Zunahme?

Das kindliche Gehirn kopiert in den ersten Lebensjahren die Verhaltensmuster der wichtigsten Bezugspersonen eins zu eins ab, um Zugehörigkeit und somit das physische Überleben zu garantieren. Und dann, nachdem wir unglaublich viel kopiert haben, geschieht etwas Faszinierendes: Wir wagen uns – meist in der Pubertät – aus der Behaglichkeit unseres warmen Nests heraus, um uns selbst als unabhängiges Individuum zu spüren. In dieser Phase versucht unser Unterbewusstsein, eine eigene Position zu finden, Regeln zu ignorieren und andere Spielarten und Perspektiven einzunehmen, um wirklich eigene Bedeutungen, einen eigenen Sinn im Dasein zu schaffen.

Das gelingt uns allerdings nur, wenn das Nest, aus dem wir uns entwickeln wollen, uns jederzeit wieder Stabilität und Rückzug ins „Sichere“ ermöglicht. Wenn dieses Nest jetzt plötzlich von einer Pandemie gebeutelt wird, verlieren wir diese sichere Basis und fühlen uns innerlich instabil. Und je nachdem, welche Verhaltensmuster wir bislang kopiert haben, tendieren wir dann zu Depression, Selbstverletzung, Essstörungen oder schauen apathisch stundenlang ins Handy oder greifen ins Chips-Sackerl, um uns zu betäuben.

Wie kann ich als Elternteil oder Bezugsperson in Zeiten von großer Unsicherheit mein Kind dabei unterstützen, „gut aus der Sache rauszukommen“?

Wenn wir merken, dass unser Kind sich plötzlich (oder schleichend!) anders verhält, als wir es von ihm gewohnt sind, ist das oft ein Zeichen für eine solche Veränderung. Und dann geht es nicht um gute Ratschläge, sondern um eine gelebte Praxis: Niemand bringt uns bei, wie wir unsere Emotionen selbst regulieren können, also mit emotional schwierigen Situationen klarkommen, außer unsere Bezugspersonen. Wenn wir Erwachsene vorleben, wie wir mit den Wellen des Lebens umgehen, werden unsere Kinder dieses Muster kopieren (auch wenn sie vielleicht eine eigene Variante davon umsetzen) und gar nicht erst komplett abrutschen. Durch Inspiration zur Selbstregulation* (siehe Ratgeber) können wir unsere Kinder unterstützen, sich selbst wieder zu stabilisieren. Damit schenken wir ihnen eine unglaublich wertvolle Ressource, die sie ihr Leben lang begleiten wird: ein Werkzeug, sich auch in unsicheren Zeiten selbst zu helfen.

Und wenn ich selbst nicht mehr kann? Was passiert, wenn (alleinerziehende) Eltern oder Bezugspersonen von einem Tag auf den a nderen einfach nicht mehr so funktionieren können, wie es die Alltagssituation erfordert?

Dann stoßen wir individuell an die Grenzen unserer kulturellen Prägung. Konkret heißt das: Wir haben alle vom ersten Lebensjahr an gelernt zu funktionieren. Das ist ein sogenanntes „kollektives Verhaltensmuster“, das im Zuge der Industrialisierung entstanden ist, damit viele Menschen in engen Ballungsgebieten (halbwegs) friedlich miteinander auskommen. Dieses verhindert, dass Menschen das Überschreiten von physischen oder emotionalen Grenzen, das in dichten Lebensräumen ständig passiert, impulsiv austragen. Wenn die zwischenmenschlichen Regeln binnen kurzer Zeit – wie z. B. durch eine Pandemie – allerdings komplett in Frage gestellt werden, hat unser Unterbewusstsein keine Chance mehr, der Emotionskontrolle nachzukommen. Und auch hier zahlt sich eine regelmäßige Praxis der Selbstregulation aus.

Wenn ich auf eine Routine zurückgreifen kann, die mich beruhigt, dann werde ich das in Krisenzeiten intuitiv öfter tun. Und wenn ich rechtzeitig merke, dass meine Kraft weniger wird, kann ich mir Unterstützung suchen, um eine für mich selbst passende Routine zur Selbstregulation aufzubauen.

OUR Patterns

Was ist die Chance dabei, wenn wir uns den aktuellen Herausforderungen stellen? Was können wir aus der Pandemie lernen?

Sobald wir uns die eigenen Ängste und Unsicherheiten eingestehen, sind wir uns selbst und einem authentischen Umgang mit unseren Emotionen deutlich näher und können die Selbstregulation dafür einsetzen, um wieder mehr Handlungsspielraum zu bekommen. Und wir tensmuster“, zeiten Emotionskontrolle vs. Emotionsintegration. Wenn alles zu viel wird, brauchen wir neue Methoden. können lernen, dass wir durchaus einen positiveren Bewusstseinszustand (= Emotion + Gedanken) wählen können, als unser Umfeld uns gerade anbietet. Wenn also alle um uns herum sich Sorgen machen, bedeutet das nicht, dass wir auf diese Unsicherheit unbedingt einsteigen müssen.

Im Gegenteil: Wenn wir ganz bewusst neugierig und optimistisch bleiben, hilft das nicht nur uns selbst, sondern auch den Menschen um uns herum. Wichtig ist, dass wir dabei empathisch bleiben für andere Meinungen und Lebensentwürfe, also nicht sagen: „Ich bin besser als Du, denn ich bin optimistisch“, sondern: „Ich spüre und verstehe, dass Du unsicher bist. Mir gibt gerade Hoffnung, dass es gut wird. Kannst Du das auch fühlen?“ Damit übernehmen wir Verantwortung – nicht nur für uns selbst, sondern auch für das große Ganze.