Es braucht mehr Skin Reality

Haut darf in ihrer natürlichen Form vor allem eins sein: unperfekt. Wie es gelingen kann, die eigenen, vermeintlichen Makel anzunehmen und sich mit den wirklich wichtigen Dingen des Lebens auseinanderzusetzen.
Autor: Yvonne Bernhard, 25.11.2021 um 14:43 Uhr

Die Beauty-Industrie lebt von den Unsicherheiten der Menschen. Unzählige Beauty-Standards, die über soziale Medien propagiert werden,  setzen vor allem junge Frauen unter Druck und erwecken in vielen den Wunsch, in einen Rahmen, eine unrealistische Form zu passen. Aber: Neben dem Ende der Diet Culture ist auch ein Ende der überfilterten Beauties in Sicht. Skin Positivity und Skin Neutrality zeugen von einer Gegenbewegung für ein gesundes Selbstbild.Ausgangspunkt der Gegenbewegung zu den gängigen Schönheitsidealen ist Social Media wohl  auch deshalb, weil hier der Perfektionismus lange über die Maßen zelebriert wurde. Der virtuelle Rahmen wurde mit AR-Filtern und Apps wie Facetune quasi überschwemmt; einige Mutige trauten sich, „Haut“ zu zeigen, und eroberten damit die Herzen ihrer Follower. Reality wins.

Inzwischen gehört es zum öffentlichen Diskurs, frei über neue Schönheitsideale fern vom Mainstrem zu sprechen. Skin Neutrality geht sogar noch einen Schritt weiter und befasst sich damit, dass die Thematisierung des Hautbildes eigentlich schon überflüssig ist. Selbstliebe soll und darf mit Akzeptanz anfangen; wichtigere Dinge als das Aussehen rücken wieder ins Zentrum. Zu Recht, wie wir finden! In der Beauty Branche, die von den Unsicherheiten der Menschen profitiert, braucht es  also definitiv auch ein Umdenken. Wir haben mit der Make-up-Artistin, Katja Huber, über die Herausforderungen gesprochen.

Du hebst bei deinen Kreationen gerne das individuell schöne Hautbild hervor: Warum legst du darauf so großen Wert?

In deiner Frage stecken zwei wunderschöne Schlagwörter, nämlich „individuell & schön“. Ich sehe in jeder Person etwas einzigartig Schönes. Make-up ist ein sehr kraftvolles Instrument, mit dem wir im Gesicht die Vorzüge hervorheben und für mehr Leuchtkraft sorgen, aber auch Makel kaschieren oder komplett verschwinden lassen. Egal um welchen Job es sich handelt, ob Profi Model, Promi oder Hausfrau … mein Job ist es, das Hautbild zu optimieren und vor mir sitzt immer ein individueller Mensch, dessen Vorzüge und Besonderheiten ich am besten hervorholen und betonen möchte.

Was steckt hinter der Skin-Positivity-Bewegung für dich?

Eine sehr wichtige Message, vor allem für die junge Generation. Viele Influencer normalisieren „Hautprobleme“, indem sie ungefilterte Bilder von sich mit Akne-Narben, Pigmentflecken, Falten posten und sich zeigen, wie sie sind. Sehr mutig und wertvoll, weil es um Akzeptanz und mehr Realität geht, und jenen Mut spendet, die es brauchen. Niemand sollte sich für sich selbst schämen.

Make-up kann das Selbstbewusstsein der Trägerin unterstreichen, sagt man. Warum eigentlich?

Alles, wodurch wir uns besser fühlen, hebt unser Selbstbewusstsein. Ein neues Kleid, tolles Make-up und dann noch frisch vom Friseur. Von äußeren Faktoren abgesehen kommt wahres Selbstbewusstsein allerdings, wie das Wort schon beinhaltet, davon, sich seiner SELBST BEWUSST zu sein. Mit sich im Reinen sein, seine Stärken und Schwächen kennen. Wertschätzung und Vertrauen zu sich selbst haben.

Mit welchen Beauty-Mythen willst du aufräumen?

Das wäre für mich auf jeden Fall der Mythos von porenfreier, makelloser Haut und perfekten Menschen, wie wir sie aus der Werbung kennen. Werbung ist das Ergebnis vieler talentierter kreativer Menschen, die das Ziel haben, einen bereits „schönen“ Menschen perfekt in Szene zu setzen und ins rechte  Licht zu rücken. Werbung ist Kunst und sollte kein Maßstab für unser eigenes Verständnis von Schönheit sein.

Und zum Schluss: Minimalistisches Make-up im Alltag oder No-Make-up-Look?

Ich liebe natürliche Looks. Ob man seine Basic-Produkte auf wenige  beschränkt und den bewussten Konsum als wichtig betrachtet oder ob man den immer alltagstauglichen Nude Look bevorzugt: Das Make-up beginnt immer bei der Pflege, die Haut soll frisch und gesund aussehen mit etwas Glow.

Welchen Tipp möchtest du unseren Lesern mitgeben?

Sei, wie du bist, und fühle dich wohl mit dir. Versuche, auch die Bad Skin Days anzunehmen. Make-up soll Freude machen, probier einfach mal etwas aus. Bleib dir dabei aber immer treu und konzentriere dich auf deine Vorzüge, denn davon gibt es ausreichend!