Body Neutrality: Ich bin wie ich bin!

 

Der Begriff „jolie laide“ – also „schön unschön“ – bezeichnet in Frankreich jene Art von Schönheit, die sich erst durch einen „Makel“ auszeichnet und letztendlich geht es dabei um die besondere Ausstrahlung, die jemand besitzt. Aber wer bleibt tatsächlich cool und selbstbewusst, wenn einem pausenlos makellose Promis präsentiert werden. Wissen Sie, was Menschen sagen, die ein vollkommen intaktes Körperbild von sich haben? Sie sagen so einfache Dinge wie: „Wen interessiert‘s, sehe ich halt nicht aus wie ein Topmodel.“

Luxusprobleme oder Wahn?

Dennoch will jede zweite Frau abnehmen – und das, obwohl wir in Zeiten von Female Empowerment und Body Positivity leben. „Mode für Frauen jeglicher Figur“ kreiert der gefeierte Designer Juergen Christian Hoerl aus Wien schon lange. „Wir haben alle nicht Größe 38 oder Größe 48, sondern wir sind alle unterschiedlich und wir sind alle individuell und das ist natürlich schön, das auch zu zeigen“, meint Hoerl, der aufgrund seines eigenen Körpergewichts auch schon so seine Erfahrungen gemacht hat. Der Couturier appelliert auch an die Achtsamkeit, gerade im Umgang mit sich selbst. Ein Umdenken sollte stattfinden, was man zu sich nimmt, was einem guttut. Aber warum sieht man auf den internationalen Laufstegen fast ausschließlich ganz dünne Models, höchstens mal ein Curvy-Model mit Größe 42, also eine „Quoten-Dicke“? Ein Riesenthema, ist man versucht zu meinen. „Gerade in der Modeszene sind wir Designer diejenigen, die als Erstes verteufelt werden, weil wir nur dünne Models nehmen. Und das hat eigentlich einen ganz banalen Grund: Es ist viel einfacher, so eine Kollektion zu erstellen, auf den Laufsteg zu bringen, um die Idee zu zeigen, wie man sich eine Saison vorstellt.“ Tja, leider gibt es nicht für alles so klare Erklärungen. Wer auf Google die Suchanfrage „Beach Body“ stellt, erhält Trefferanzeigen im sechsstelligen Bereich, aber keine einzige springt auf mit Begriffen wie Selbstliebe oder Akzeptanz. Die kommende Sommerzeit mit aktuellen Bademoden wirft wieder bei vielen Frauen die Frage auf: Ist mein Körper überhaupt schön genug?

Falsche Komplimente

Aufgrund der zunehmenden Kommerzialisierung von Body Positivity haben Aktivistinnen wie Jes Baker die Begriffe „Body Neutrality“ und „Body Liberation“ geprägt, um sich auf die Grundwerte von Body Positivity zurückzubesinnen. Was leider auch dringend notwendig ist, da sich der Boulevard nach wie vor um Themen reißt, bei denen es darum geht, wie viel Kilo ein Popstar oder eine Schauspielerin abgenommen haben oder nicht. Adele hat abgenommen. „Wow, was für eine Verwandlung!“ Das wurde in der Yellow Press über die britische Sängerin berichtet und man hat auch gleich das „Programm“ nachgereicht, mit dem die Künstlerin so toll „abgespeckt“ hat. Das war nicht anders zu erwarten und hat nur bestätigt, dass wir in einer Gesellschaft leben, die Dünnsein idealisiert und Gewichtsverlust als positiv bewertet. Die zugrunde liegende Voraussetzung für die Reaktionen auf Adeles Gewichtsveränderung war die Annahme, dass ihr alter Körper falsch war und sie jetzt den richtigen hat. Das ist jedoch nichts anderes als eine Form des Bodyshamings, getarnt als Kompliment.

Die Haut, in der ich stecke

Eine dauerhaft positive Einstellung klingt verlockend, ich vermute aber, dass sich für viele Menschen das eventuell sogar erzwungen anfühlt. Body Neutrality bricht unseren Körper auf das herunter, was er ist, unsere Hülle. Wir müssen sie nicht lieben, lediglich akzeptieren, dass wir in ihr stecken und wertschätzen, was sie für uns leistet und wozu sie uns befähigt. Wir dürfen unseren Körper unschön oder schön finden, er definiert uns aber nicht. Erst unser Charakter zeichnet uns tatsächlich aus. Body Neutrality bedeutet, dass wir Sport machen, weil es sich gut anfühlt, wir uns bewegen wollen und nicht, weil wir um jeden Preis fitter aussehen wollen. Body Neutrality meint beispielsweise auch, dass wir beim Sex nicht zu viel darüber nachdenken sollen, was gerade passiert, sondern uns einfach nur den Moment der Intimität genießen lassen. Ich würde mir wünschen, dass wir irgendwann an den Punkt kommen, an dem das Aussehen in unserer Gesellschaft komplett in den Hintergrund tritt. Wir sollten uns lieber darauf konzentrieren, wer wir sind, was wir machen, wofür wir stehen – Eigenschaften fernab von unserem Körper, die wir selbst bestimmen können.

Autor: Friederike Ploechl, 04.02.2021