The Bauer of Love
San Marco, Venedig. Klick. Die Braut, inklusive Blumenstrauß, ganz in Weiß. Klick, klick. Und auch der Himmel strahlt im Dresscode, trägt zartes Blau mit weißen Einsprengseln. Dann die Umarmung, der Kuss. Klick, klick, klick. Eine Frau und ein Mann, der ganz große Kick und ab sofort nur noch ein Namen: jener des Mannes. Claudia Plakolm aus der kleinen Mühlviertler Gemeinde Walding – ausgezogen, um Karriere zu machen, aufgestiegen bis zur Ministerin und in Wiener Polit- und Medienkreisen sogar schon als potenzielle Nachfolgerin für ÖVP-Chef Christian Stocker gehandelt – hat sich also trotz ultraliberalem Namensrecht für die traditionellste Form aller Eheschließungen entschieden. Konzentrierte Italo-Romantik inklusive. Obwohl Plakolm, der Name, längst eine etablierte Marke war, hat sich Plakolm, die Frau, in Claudia Bauer umbenannt. Ein Jawort, das Jahrzehnte von Feminismus und Emanzipation verneint?
Patriarchat durch die Hintertür. „Bei der Namenswahl wird immer noch das Patriarchat gelebt“, hält die Historikerin und Sprachforscherin Anne Rosar nüchtern fest. „Männer erleben den Namenswechsel eher als Verlust“, bestätigt Eva-Maria Schmidt vom Österreichischen Institut für Familienforschung. Und: „Dass hier ein Umdenken stattfindet, geht eher von den Frauen aus.“ Denn: „Mit der Hochzeit haben sie auch die identitätsstiftende Wirkung eines Nachnamens aufgegeben.“ Ein Opfer für die Liebe, ein gestriges Symbol der Unterwerfung? „Nein“, sagt Claudia Bauer, Ministerin für Europa, Integration und Familie, spricht von „modernem, bürgerlichem Feminismus“ – und beruft sich dabei auf eine Art übergeordnete Pragmatik: „Meinen neuen Nachnamen muss ich niemandem mehr mühsam buchstabieren.“ Und das ist in der Welt der Meinl-Reisingers und Rendi-Wagners, der Heinisch-Hoseks und Mikl-Leitners, in der Bauer performt, ein klarer Kontrapunkt.
Das Dogma kippte spät. Dabei ist das Frauenrecht auf namentliche Selbstbestimmung eine relativ junge Errungenschaft. „Die Gattin erhält den Namen des Mannes“, hält das Allgemeine Bürgerliche Gesetzbuch (ABGB) im Jahr 1811 fest. Doch was kaum wer weiß: Endgültig gekippt wurde das männliche Namensdogma erst 1976 im Rahmen von Kreiskys groß angelegter Familienrechtsreform. Seit gerade einmal fünf Jahrzehnten ist es Österreichs Frauen also erlaubt, einen Doppelnamen zu tragen. Die endgültige, allumfassende Liberalisierung dann im Jahr 1995, also erst vor gut drei Jahrzehnten, kraft Namensrechts-Änderungsgesetz. Seither ist alles erlaubt: Verlobte können bei Eheschließung einen gemeinsamen Familiennamen bestimmen, den der Frau oder den des Mannes; sie können einen gemeinsamen Familiennamen festlegen und einer der Partner fügt seinen Geburtsnamen als Teil eines Doppelnamens hinzu; oder sie behalten einfach beide die Geburtsnamen und führen auch vor Gott und Standesamt vereint getrennte Nachnamen.
Im Namen der Herren. Wie Studien belegen, dominiert hierzulande trotz totaler Demokratie noch immer der Namen der Herren. Das Online-Partnerschaftsinstitut Parship befragte repräsentativ 1.510 Österreicherinnen und Österreicher im Alter zwischen 18 und 75 Jahren. Dabei antworteten 76 Prozent aller Ehemänner mit: „Wir haben meinen Namen angenommen.“ Das sind satte drei Viertel! Zum Vergleich: Bei den Ehefrauen waren es gerade einmal neun Prozent. Markant: Weniger als fünf Prozent aller Eheleute entschieden sich für einen Doppelnamen. Allerdings existiert bei der Namenswahl ein merkliches Altersgefälle: Immerhin 15 Prozent aller Hochzeitspaare unter 30 Jahren behalten ihren jeweiligen Nachnamen bei, bis der Tod oder der Richter sie scheidet. Immerhin 17 Prozent der U-30-Hochzeiterinnen und Hochzeiter entschließen sich für einen Doppelnamen. Claudia Bauer ist über 30, wenn auch nur knapp ein Jahr. Und doch erwiesenermaßen frühreif: Wie sie auf Instagram mitteilt, weist ihr Hörverhalten auf Spotify ein angenommenes Alter von 39 aus. Musikalisch unterlegt wird der Post von „Sašo Avsenik & seine Oberkrainer“: „Hallo kleine Maus, komm ein Stück zu mir nach Haus, und dann machen wir Hoooch-zeit …“ Ein Mindset aus örtlicher Blasmusik, wo sie nach wie vor die Posaune bläst, und Bierzelt-Bangern, zu denen sie bei Festen nach wie vor in der Krachledernen ausschenkt, dürften da das melodische Alter anheben. Und „kleine Maus“ und Doppelnamen – gefühlt geht das irgendwie überhaupt nicht zusammen.
Die Marschmusik der Macht. Und dennoch, die Power-Bauer aus dem Mühlviertel passt trotz Brauchtums-Faible in kein Kochschürzen-Dirndl-Weibchenschema. Eher hat man den Eindruck, dass da eine Frau am Werk ist, die zwar dem katholisch-patriarchalen Bauerntum entstammt und weltanschaulich auf Vater-Mutter-Kind-Kreuze-im-Klassenzimmer-Basis denkt, aber dennoch unerschrocken aus ihrer konservativen Herkunftswelt nach Wien gegangen ist, um den Herren der Schöpfung an den Schalthebeln der Macht den Marsch zu blasen. „Feminismus heißt nicht, Tradition abzulehnen“, sagt sie. Und auch nicht „Männer zu bekämpfen“. Sanft, aber dennoch nachdrücklich, bestimmt, aber dennoch charmant, dominant, aber doch irgendwie mütterlich, jedenfalls aber gnadenlos selbstbewusst: So könnte man den Konsi-Feminismus der Claudia Bauer, den Feminismus made in OÖ, wohl schlüssig zusammenfassen. Beispielgebend dafür ist ein Staatsbesuch, den der eher steif und blässlich wirkende deutsche Digitalisierungs-Staatssekretär Philipp Amthor (CDU) so schnell nicht vergessen wird.
Piefke-Saga reloaded. Begrüßung unten vor dem Kanzleramt. Bauer zu Amthor: „Herzlich willkommen am Tor – des Kanzleramtes!“ Dann Arbeit und Protokollarisches, Amthor schwadroniert von „Gen-Z-Sprache“ und „Social-Media-probat“. Doch da ist er selbst schon mittendrin, in Bauers bunter Welt der Insta-Clips: „Philipp, was sogst, gemma jetzt no zum Leberkas-Pepi?“ Noch ehe der exakt gescheitelte Germane zum Luftholen kommt, steht er auch schon vor der Theke, ordert, ganz blutiger Anfänger, „klassischen Leberkäse“. „Klassisches Fleisch von toten Tieren“, kommentiert Bauer, ordert für sich „Chili-Cheese“ und dazu „zwa Seidln“. Ist das hier der weibliche Markus Söder, mag sich der schmächtige Ossi denken und stemmt tapfer sein Seidel, aus dem wie durch Wunderhand ein Krügerl wurde – das muss er jetzt schlucken, ob er will oder nicht. Denn OÖ-Feminismus ist, wenn sie die Wahlfreiheit hat. Und zwar die ultimative: egal, welcher Name, egal, welcher Job, egal, welches Weltbild. Selbstverständlich, und jetzt wird es für Alice Schwarzer wirklich bitter, auch inklusive des Wunsches, „einfach nur“ Hausfrau und Mutter zu sein. „Wir Frauen machen uns viel zu oft einen Kopf darüber, ob wir etwas können – und nehmen Kritik schwerer als nötig“, sagt Claudia Bauer. „Mein Rat lautet daher: Einfach Ja sagen und den Mut haben, Verantwortung zu übernehmen.“ Einfach Ja. Als ob das Leben eine Hochzeit in Venedig wäre …