Tech-Blog-Test: LG Velvet - das Schöne ohne Biest!

LG war vor geraumer Zeit ein Top-Player am heimischen Smartphonemarkt und wurde in einem Atemzug mit Samsung und Apple genannt. Dann kamen die Chinesen, vor allem Huawei, und knabberten den Koreanern immer mehr Marktanteile weg. Vor allem im Bereich der Kamera konnte LG nicht mehr mithalten und geriet ins Hintertreffen. 2020 wurde dann eine Neuausrichtung der Strategie beschlossen. Das traditionelle Flaggschiff der ersten Jahreshälfte - die "G-Serie" wurde gestrichen. Kurios, denn eigentlich war diese Serie für den damaligen Erfolg verantwortlich und ist einigen ehemaligen LG-Freunden, darunter mir, ein besserer Begriff als die "V-Serie" die traditionell in der zweiten Jahreshälfte kommt. Aber seis drum, "G" ist Geschichte und Velvet soll es jetzt richten. Vom Konzept ist das Velvet allerdings ein anderes Gerät, es setzt auf einen Mittelklasseprozessor und einen günstigeren Preis. Ob das gelingt?

 

Design - richtig stark von LG!

Beginnen möchte ich meine Review bei der größten Stärke des Gerät - dem Design. Schon beim Auspacken des Testsamples war ich positiv angetan. Das "Arc-Design" erinnerte mich ein wenig an die legendär designten Sony-Ericsson Smartphones von damals. Das etwas eckigere Design gefällt mir persönlich sehr gut. Durch die abgerundeten Displayränder und dem abgerundeten Glas auf der Rückseite ist das Velvet auch ein wahrer Handschmeichler. Die Hauptkamera auf der Rückseite steht nur etwas aus dem Gerät heraus, kein gigantischer Kamerahubbel wie bei anderen Marken mittlerweile. Die restlichen Kameras samt Blitz sind plan in die Rückseite integriert. Trotz 4.300 mAh Akku ist das Velvet nur rund 180 Gramm "schwer". Im Gegensatz zu manch anderen Smartphones aus 2020 ein wahres Leichtgewicht, hat sich mittlerweile doch schon ein Gewicht von rund 200g+ eher etabliert. Selten hat mich das Design eines Smartphones in letzter Zeit so begeistert. Ein wirklich schönes und gelungenes Gerät. Aber es zählen für mich natürlich auch die inneren Werte.

Technik - nicht alles Gold was glänzt!

Unter der Haube gibt es erstmals in der ersten Jahreshälfte ein Downgrade bei den Koreanern. Statt des Top-Prozessors Snapdragon 865 kommt ein Snapdragon 765G zum Einsatz. Dieser Prozessor ist ein solider Vertreter der Mittelklasse mit eingebautem 5G-Modem. Zur Seite stehen ihm 6GB RAM und 128 GB UFS 2.1 Speicher (erweiterbar per microSD). Das 6,8-Zoll große, sehr helle P-OLED Display kommt mit einer Auflösung von 2460x1080 und einer Pixeldichte von guten 395 ppi. Die restliche Ausstattung ist in dieser Klasse hervorragend: Neben Bluetooth 5.1 mit aptX, 3,5mm Kopfhöreranschluss und einem FM-Radio bietet das Velvet auch eine IP68-Zertifizierung und Fast-Wireless-Charging mit bis zu 9 Watt. Das ist in dieser Klasse nicht selbstverständlich! Dazu gibt es hervorragende Stereo-Lautsprecher die guten Sound erzeugen. Der Fingerabdrucksensor ist optisch und ins Display integriert. Er ist sehr zuverlässig, allerdings gibt es schnellere Vertreter seiner Gattung. Bei der Ausstattung lässt sich LG nicht lumpen, das treibt aber auch den Preis in die Höhe - dazu später mehr!

Die Prozessorwahl halte ich nicht für absolut gelungen. In synthetischen Benchmarks erreicht der SD 765G rund die Hälfte der Punkte des Topmodells SD 865. Zwar wirken sich diese Benchmarks wenig auf die alltägliche Bedienung aus, allerdings merkt man den Unterschied sehr wohl. Apps öffnen langsamer, durch die 6GB RAM fallen Apps auch schneller aus dem Zwischenspeicher und müssen nachgeladen werden. Installationen sind langsamer als bei den Top-Geräten. Die LG-Software ist nicht schlecht und erweitert Stock-Android um viele Funktionen, fühlt sich aber nicht so schnell an wie manch andere Vertreter. Das alles hinterlässt einen etwas gemischten Eindruck. Auch, weil das LG Velvet mit einem 60 Hz-Display auskommen muss. Selbst in der Mittelklasse ist mittlerweile oft 90 Hz zu finden und die schnellere Bildwiederholrate merkt man deutlich bei der Bedienung der Geräte.

Der Akku ist mit 4.300 mAh sehr großzügig dimensioniert und brachte mich einigermaßen gut durch den Tag, mehr aber auch nicht. Für Leute die das Gerät weniger stark nutzen sind sicher auch zwei Tage drin. Power-User müssen täglich anstecken. Auch hier darf LG gerne noch per Software optimieren.

Die 48-Megapixel Kamera macht sehr gute Fotos bei Tageslicht, bei dunkleren Lichtbedingungen fällt die Qualität jedoch leider etwas ab. Auch das Ultraweitwinkelobjektiv und der Tiefensensor, die zum Dreifach-Setup beitragen, sind solide aber lösen keine Begeisterungsstürme aus. Für die Mittelklasse aber ein durchaus gelungenes Setup - Chapeau!

Und noch ein Thema muss ich ansprechen: 5G! Das Velvet wird als 5G-Gerät vermarktet, auch auf der Verpackung steht es groß drauf. Es ist auch im freien Verkauf erhältlich. Allerdings konnte ich kein 5G-Netz damit nutzen (mein Vertrag ist 5G-fähig und das Netz ist in Linz vorhanden!). Auch in den Einstellungen des Geräts fand sich kein Button für 5G. Auf Nachfrage bei LG wurde mit bestätigt, dass das Velvet derzeit exklusiv mit dem 5G-Netz von A1 funktioniert. Nutzer anderer Netze gehen derzeit noch leer aus. Schade!

Fazit - Gelungen! Aber zu teuer?

LG hat mit dem Velvet wirklich ein solides Mittelklassegerät abgeliefert ohne nennenswerte Schwächen. Ja der Prozessor ist nicht mit einem Topprozessor auf selber Höhe und das Display leistet "nur" 60 Hz, ich habe das Velvet trotzdem gerne benutzt und das Design ist vielen anderen Geräten meiner Meinung nach überlegen. Aber es kostet 599 Euro UVP. 

Damit ist es um rund 200 Euro teurer als ein OnePlus Nord mit ähnlicher Ausstattung (kein IP68 Wasserschutz und kein Wireless Charging, aber mit 90 Hz Display und 8GB RAM) und um fast 300 Euro teurer als ein ähnlich ausgestattetes Xiaomi Mi 10 Lite 5G. Gerade in dieser Klasse suchen die Käufer nach guten Geräten um wenig Geld und Features wie Wireless-Charging oder IP-Zertifizierung sind nicht Top-Priorität. Was noch dazu kommt ist, dass es in dieser Preisklasse mittlerweile Geräte mit dem besseren SD865, schnellerem Speicher und mehr RAM gibt. Das Xiaomi Poco F2 Pro 5G und das Realme X50 5G sind teilweise sogar billiger als die UVP des Velvet.

Damit und mit der Limitierung der 5G-Funktionalität auf A1 wird es das Gerät im freien Verkauf nicht so leicht haben. Man bekommt jedoch ein tolles Gesamtpaket in wirklich schöner Verpackung! Das Velvet bekommt von mir den Tech-Blog-Award für das gelungenste Design 2020 und 7 von 10 Bewertungspunkten.

Bis zum nächsten Mal!

Anbei weitere Fotos des Geräts:

Hinweis: Das Testgerät wurde mir von LG Austria für einen begrenzten Zeitraum zur Verfügung gestellt. Der Testbericht entsteht unabhängig und wird vor Veröffentlichung nicht an LG zur Freigabe gesendet.

Weekend-Redakteur Lukas Steinberger-Weiß ist ein Technik-Freak sondergleichen. Wobei ihn die Bezeichnung „Nerd“ nicht beleidigt, sondern ehrt. Er saugt alle Neuheiten in sich auf und ist immer am neuesten Stand, liebt Computerspiele, beschäftigt sich ausführlich mit den neuesten Smartphones und den dazugehörigen Gadgets und ist ein Experte für Unterhaltungselektronik. In seinem Blog testet er Spiele, Konsolen, Smartphones, Gadgets und vieles mehr und lässt die Leser an seiner Faszination für die spannende Technik-Welt teilhaben.

Autor: Lukas Steinberger-Weiß , 24.08.2020