Slow Travel: als zahlender Passagier auf dem Frachtschiff

Ein paar Wochen Ruhe

Bevor das Fliegen für die breiten Massen erschwinglich wurde, fuhren Reisende mit allen Arten von Schiffen – auch mit Handelsschiffen. War der Passagierdampfer ausgebucht, nahm man halt den Frachter für die Fahrt nach Rio, Kairo oder Hongkong. Seit einigen Jahrzehnten werden Frachtschiffpassagen wieder vermehrt nachgefragt. Es gibt Menschen, die den Aufenthalt auf See jenem im Flugzeug vorziehen und auch auf das bunte Treiben und die künstlichen Welten auf Kreuzfahrschiffen gerne verzichten können. Es sind Seefahrtfans, technisch Interessierte oder auch Naturfreaks, die diese langsame Art der Fortbewegung schätzen. Oder auch Leute, die einfach nur ein paar Woche ihre Ruhe und keinen Handyempfang haben wollen.

Spezial-Reisebüros

Frachtschiffreisen (das Mitfahren auf Tankern oder Chemieschiffen ist nicht erlaubt) werden auf allen Handelsrouten der Welt angeboten. Möglich sind Reisen von einigen Tagen bis zu vielen Wochen und gebucht werden sie über spezielle Reisebüros oder auch über die Reedereien selbst. Nicht möglich ist es, sich direkt am Hafen um eine Mitfahrgelegenheit zu bemühen, da Containerterminals von Betriebsfremden nicht betreten werden dürfen. 

Meist teurer als fliegen

Die Kosten liegen in etwa zwischen 80 und 150 Euro pro Tag bei voller Verpflegung. Günstiger als Flugtickets sind Seereisen also nicht unbedingt. Aber darum geht’s ja auch gar nicht. Eine Schiffreise vermittelt nicht nur ein beeindruckendes Naturerlebnis, sondern auch einen Einblick in die Organisation der globalen Warenströme und einen ungeschminkten Blick auf das Arbeitsleben der Mannschaft an Bord eines großen Schiffes. Übrigens: Arbeiten an Bord ist als Passagier nicht möglich.

SeemaSeemann auf Frachtschiff | Credit: Igor Kardasov/Anbieter: Getty Images/iStockphoto

Frühbuchen ist unabdingbar

Vermietet werden Offiziers- oder auch Mannschaftskabinen, die dank fortschreitender Standarisierung und Automatisierung zwar mal vorgesehen waren, aber heute nicht mehr für’s Personal gebraucht werden. Mehr als zehn zahlende Gäste werden aber in der Regel nicht mitgenommen, weil das Schiff sonst rechtlich als Kreuzfahrtschiff gilt. Aus den niedrigen Passagierkapazitäten folgt, dass man seine Mitfahrten möglichst früh buchen sollte. Auf der anderen Seite muss man unter Umständen damit rechnen, dass das Schiff zum vereinbarten Termin noch nicht am Pier bereitsteht, weil es unterwegs aufgehalten wurde. Jeder Frachtschiff-Passagier muss sich im klaren darüber sein, dass nicht er, sondern die Ladung im Mittelpunkt steht. Kein Frachter wartet auch nur eine Minute auf einen Passagier, der sich beim Landgang verspätet hat. Aber das tut ein Kreuzfahrtschiff üblicherweise auch nicht.  

Containerschiff | Credit: nightman1965/iStockfoto
Autor: Gert Damberger, 28.09.2021