Dark Tourism: Tschernobyl statt Paris

Während es viele Menschen in die angesagtesten Städte oder an die schillerndsten Traumstrände der Welt zieht, verbringen andere ihre freien Tage lieber damit, gefährliche Orte zu erkunden. Was es mit dem Dark Tourism auf sich hat.
Autor: Helene Schweinberger, 15.01.2022 um 06:15 Uhr

„Dark Tourists“ (Dunkel- oder Katastrophentouristen) besuchen gezielt Städte, Gegenden oder Bauwerke mit einer düsteren Vergangenheit, an denen sich Katastrophen oder schauerliche Dramen ereignet haben. Beliebt sind auch historisch relevante Orte, die zu Lehrzwecken umgestaltet wurden, etwa Gedenkstätten und Museen wie das 9/11 Memorial.

Warum zieht es Menschen an Katastrophenstätten?

Gefängnisse, Nervenheilanstalten, Konzentrationslager, Slums: Orte, die man eigentlich nicht mit Urlaub verbindet. Nichtsdestotrotz ist Dark Tourism nichts Ungewöhnliches mehr. Die Gründe, warum man sich freiwillig in diese tragischen, schaurigen Gegenden begibt, sind vielfältig: Einerseits zeigen Menschen damit ein grundsätzliches Interesse an deren geschichtlichem Hintergrund. So stellt der Katastrophentourismus in gewissem Sinn eine andere Form des Bildungstourismus dar. Andererseits spielen auch emotionale Aspekte eine wichtige Rolle: Befindet man sich an einem solchen Ort, erhält man die einmalige Chance, in die Vergangenheit einzutauchen und ganz für sich selbst die gewonnenen Eindrücke wahrzunehmen sowie zu verarbeiten. Leider darf nicht außer Acht gelassen werden, dass auch die reine Sensationsgier ein Grund für den Besuch erschütternder Orte sein kann.

Dunkeltourismus in Europa

Auf der ganzen Welt gibt es Gegenden, die wegen ihrer bewegten Geschichte Berühmtheit erlangt haben – darunter auch einige in Europa. In Deutschland wird zum Beispiel häufig das ehemalige Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen in Berlin besucht. Führungen werden unter anderem von ehemaligen Häftlingen übernommen, um den Interessenten einen möglichst realitätsnahen Einblick in die Spitzel-Maschinerie der Stasi zu bieten.

Bekannt ist auch die aus Bunkern bestehende Maginot-Linie in Frankreich, ein Verteidigungssystem entlang der Grenze zu Deutschland, Luxemburg, Italien und Belgien. 1969 wurde sie stillgelegt, die stark befestigten Überbleibsel blieben wie Geister in den elsässischen Wäldern stehen.

In Wien zählt der Narrenturm – die erste Psychiatrische Klinik Kontinentaleuropas – am Gelände des Alten AKHs ebenso zu den düsteren Zielorten, obwohl sich heutzutage das pathologisch-anatomische Bundesmuseum in dem runden Gebäude befindet.

Einige der düstersten Reiseziele der Geschichte finden historisch Interessierte wie auch Dark Tourists in Polen in den einstigen Konzentrationslagern Auschwitz, Majdanek, Belzec oder Treblinka vor.

Wiener Narrenturm | Credit: iStock.com/bririemoments

Dark Tourism: Popularität durch Netflix-Serie

Obwohl der Ausdruck Dark Tourism mittlerweile geläufig ist, mag es doch noch den ein oder anderen geben, der sich bislang nicht viel darunter vorstellen konnte. Die neuseeländische Netflix-Serie „Dark Tourist“ aus dem Jahr 2018 dürfte das Ihre zur Verbreitung und Popularisierung des Themas beigetragen haben. Der Journalist David Farrier präsentiert in acht Episoden besonders schaurige Sehenswürdigkeiten rund um den Globus. Dabei zieht es ihn unter anderem nach Medellín in Kolumbien, um sich auf die Spuren von Pablo Escobar zu machen. Später trifft er sich sogar mit Escobars ehemaligem Auftragskiller Jhon Jairo Velásquez Vásquez, kurz „JJ“ oder „Popeye“ genannt, im Gefängnis La Catedral.

In Mexico City begibt er sich auf die Spuren des Kults um die Schutzpatronin Santa Muerte (Heilige Frau Tod) und erlebt hautnah einen exorzistischen Akt mit. Ein Großteil ihrer Anhänger, die sie in Pilgerstätten sowie Gebetshäusern um Hilfe bitten, entstammen dem kriminellen Milieu.

In einer anderen Episode nimmt der Neuseeländer in Kalifornien an einer schaurigen Tour rund um die Manson Family Morde im Jahr 1969 teil. Zweifelhafte Berühmtheit erlangte die kultartige Gruppe rund um Anführer Charles Manson, als sie innerhalb von zwei Nächten sieben Morde verübte, unter anderem an der hochschwangeren Verlobten des Regisseurs Roman Polanski, Sharon Tate. Die Teilnehmer der Tour besuchen die Schauplätze der grausamen Verbrechen und erfahren abstoßende Details zu den blutigen Taten.

Suizidwald in Japan | Credit: iStock.com/Collin Arts

Dark Tourism: Der Suizidwald

Eine der berühmt-berüchtigsten Dark Tourism-Destinationen befindet sich in der japanischen Präfektur Yamanashi. Der Aokigahara-Wald am Fuße des Vulkans Fuji mag auf den ersten Blick wunderschön und ruhig erscheinen. Berühmt wurde der unter dem Namen "Suicide Forest" berühmt gewordene Hain jedoch der vielen Selbstmorde wegen, die hier jährlich verübt werden. Um wie viele Personen es sich tatsächlich handelt, ist schwer zu sagen, denn die japanischen Behörden veröffentlichten seit 2003 keine Zahlen mehr. Diese sollen jedoch jährlich im dreistelligen Bereich liegen. Auch in der oben genannten Netflix-Show "Dark Tourist" begibt sich das Drehteam in die Tiefen des Waldes, um mehr über die Hintergründe zu erfahren. Dem japanischen Volksmund nach soll man im Aokigahara-Jukai den Geistern sehr nahe sein und sich damit an einem spirituellen Hotspot befinden. Ein möglicher Grund für Menschen, sich gerade an diesem Ort das Leben zu nehmen und nicht anderswo.

Auch Touristen, Wanderer oder Angler, die in den nahegelegenen Seen auf Fischsuche gehen möchten, finden übrigens ihren Weg in das „Meer der Bäume“, wie das Gebiet außerdem genannt wird. Schließlich ist der Wald, abgesehen von seiner düsteren Anziehung, ein märchenhaftes Stück Land. Nichtsdestotrotz strömen Dark Tourists in Massen in den Forst, um sich selbst ein Bild zu machen und die dunkle Atmosphäre hautnah zu erleben. Makaber: Einige Touristen begeben sich auf der Jagd nach Fotomotiven auf die Suche nach Leichen. Nicht zuletzt, seit 2018 der amerikanische YouTube-Star und „Comedian“ Logan Paul nach der Wanderung durch den "Selbstmordwald" ein Video veröffentlichte, das den Leichnam eines jungen Mannes zeigt.

Dark Tourists: Sensationsgier oder berechtigtes Interesse?

Nicht zuletzt dieser Beispiele wegen stellt sich die Frage: Ist Dark Tourism verwerflich? Auf den ersten Blick vielleicht. Die Netflix-Serie "Dark Tourist" zeigt jedoch eindrucksvoll, dass mehr dahinter steckt, als nur die Absicht, möglichst großen Profit durch das Leid anderer Personen zu erzielen. Reisen zu besonders leidvollen Schauplätzen werden in den meisten Fällen tatsächlich aus historischem Interesse unternommen, wenn auch die Faszination am Tabu, morbide Neugierde und der dazugehörige Nervenkitzel dabei eine Rolle spielen. Solange dabei gewährleistet ist, dass Dark Tourists den Orten und ihren Menschen den nötigen Respekt entgegenbringen, den sie verdienen, und Abstand halten, hat der Dunkeltourismus seine Berechtigung nicht verspielt.

Zur Autorin

Kulinarik, Reisen, Film & Musik, Psychologie und kreative Hobbys - nur eine kleine Auswahl an Dingen, die Passion Author Helene Schweinberger aus Niederösterreich zu ihren vielfältigen und informativen Textbeiträgen für www.weekend.at inspirieren.