Online Gaming-Verbot in China: Was dahintersteckt

China gehört neben Indien und Europa zu den größten Märkten weltweit für die Gaming-Industrie. Chinesische Spielefirmen wie Tencent und Netease machen jährlich Milliardenumsätze und das vor allem dank ihrer Hauptkundschaft, den 12- bis 16-Jährigen.

Daten über Jugendliche

Spielfirmen investieren teures Geld in die Erfassung und Auswertung des Spielverhaltens ihrer jugendlichen Nutzer. Die erhobenen Daten machen sie sich wiederum für die Entwicklung neuer Games zunutze. Nicht ohne Folgen für Chinas Jugend.

Asiatisches Mädchen sitzt über ihr Smartphone gebeugt | Credit: iStock.com/show999

Die Abhängigkeit steigt

In China spielen circa zwei Drittel der zwischen 10- bis 18-Jährigen regelmäßig und mehrmals pro Woche Online-Spiele, sowohl am Computer als auch am Smartphone. Etwa 15 Prozent gelten als spielsüchtig. Die Grenze zwischen intensiver Beschäftigung mit einem Spiel und Sucht ist dabei fließend. Kritisch wird es, wenn sich die Spielewelt auf Schlaf-, Ess- und Lernverhalten auswirkt und Jugendliche sich emotional an ihre Bildschirmhelden binden.

Jugendlichen droht Geldverlust

Für das Online-Gaming setzen viele Jugendliche nicht nur Zeit, Gesundheit und schulischen Erfolg aufs Spiel, sondern investieren auch Unsummen an Geld, das sie meistens gar nicht besitzen. Loot-Box-Features zum Beispiel sind Schatztruhen innerhalb eines Spiels, die gegen echtes Geld erworben werden können. Der enthaltene Gewinn ist jedoch unbekannt. In diesen befinden sich besondere Kostüme, Waffen oder andere Gegenstände, die mit Blick auf das Game von Wert sein können bzw. sogar gegen echtes Geld weiterverkauft werden. Viele Ländern, wie etwa Belgien und die Niederlande, haben diesem System mittlerweile einen Riegel vorgeschoben.

Junge mit Kopfhörern spielt ein Computerspiel | Credit: iStock.com/Nestea06

China und seine Strategie

Bereits 2019 hat China die Spielzeit für Jugendliche auf 1,5 Stunden pro Tag reduziert. Ende August dieses Jahres verkündete die Nachrichtenagentur Xinhua die neuen Regeln. Demnach sind Online-Spiele für alle unter 18 Jahren zukünftig maximal zwischen Freitag und Sonntag sowie an Feiertagen für je eine Stunde (20 - 21 Uhr) erlaubt. Anmeldungen bei Spielen müssen in Zukunft mit echtem Namen und Passnummer geschehen. Um dem Betrug mit falschen Pässen von Großeltern oder älteren Geschwistern vorzubeugen, sollen zusätzlich Gesichtserkennungsprogramme zum Einsatz kommen. Die Regelung gilt bislang nur für Online-Spiele.

Die chinesische Regierung und ihr Medien-Verwaltungsapparat NPPA (National Press and Publication Administration) begründen die neuen Maßnahmen mit der Sorge um die mentale und körperliche Gesundheit ihrer Jugend und die Zukunft des Landes. Laut chinesischen Medien kommt der Staat damit auch dem Wunsch zahlreicher Eltern nach. Denn kaum jemand unter ihnen hat die nötige Zeit und Energie, neben Beruf und Haushalt das Spielverhalten der Sprösslinge zu kontrollieren. Experten vermuten dahinter auch einen geschickten wirtschaftspolitischen Schachzug, um den zunehmenden Einfluss der Spielfirmen auf die chinesische Wirtschaft zu reduzieren. Offenbar mit Erfolg. Denn unmittelbar, nachdem die neuen Regeln für Online-Games verkündet wurden, brachen die Aktienkurse von Tencent und Netease, die an der Hongkonger Börse notieren, kurzfristig ein.

Obwohl Online-Spiele von der chinesischen Führung als „Opium für den Geist“ bezeichnet werden, hat auch sie deren Vorteile durchaus erkannt. Ihr zufolge sollten mehr Spiele mit Lerncharakter entwickelt werden - Sport-Games, Programmier-Spiele oder Schach etwa. Nicht zuletzt zur Förderung von Problemlösungskompetenz, Durchhaltevermögen und Teamfähigkeit.

Junges Mädchen mit Virtual Reality-Brille | Credit: iStock.com/Sitthiphong

Anti-Online-Gaming im Vormarsch

Kurz nach Veröffentlichung der Maßnahmen explodierten die Beiträge auf der Social-Media Platform Weibo, der chinesischen Antwort auf Twitter. Mit über 500 Millionen Beiträgen (!) wurde gegen Online-Spiel-Sucht geworben. Auch sonst tut sich so einiges im asiatischen Raum, um der zunehmenden Videospiel-Abhängigkeit entgegenzutreten: Singapur etwa hat für junge Menschen ein niederschwelliges Beratungstool bei Online-Spielsucht eingerichtet. In Vietnam, Südkorea und China haben Spielfirmen Tools (z.B. Anti-Addiction Timers) auf den Markt gebracht, mit denen man sich Zeitlimits setzen und so die Nutzungsdauer in den Griff bekommen kann. Notgedrungene Zugeständnisse an Politik und Kunden, um marktfähig zu bleiben.

Jugendliche sitzen nebeneinander vor ihren Computern | Credit: iStock.com/RyanKing999

Wer löst das Problem?

Ob die Restriktionen Chinas helfen, das Übel an der Wurzel zu packen, bleibt abzuwarten. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Sucht laut dem Experten Maté Gaborim Grunde nur Ausdruck unerfüllter Bedürfnisse sind. Der Westen ist hier nicht im Vorteil: Zahlen aus Österreich, Deutschland und anderen westlichen Ländern zeigen, dass Spielsucht unter Jugendlichen auch hier ein zunehmendes Problem darstellt. Vergleichbare Maßnahmen wie in China würden allerdings bei uns hohe Wellen schlagen, als massiver Eingriff in die Privatsphäre auf breite Ablehnung stoßen. In China nimmt die Bevölkerung die Einschränkungen ohne sichtlichen Widerstand an. Wohl nicht aus kritikloser Ergebenheit allein, sondern aus Sorge, mit einer abweichenden Meinung aus der Reihe zu tanzen. Ob nach chinesischer Manier oder unseren Maßstäben: Eine Lösung ist erforderlich. Ob damit ein neues Wettrennen zwischen Ost und West eröffnet ist, wer dem Problem schneller beikommen wird?

Zur Autorin

Sie schwärmen für Asien? Dann haben Sie etwas mit Passion Author Barbara Kluibenschädl gemeinsam. Die Tirolerin hat ein Faible für asiatische Kultur und Kulinarik, von denen auch ihre Texte, mit denen sie www.weekend.at bereichert, überwiegend handeln.

Autor: Barbara Kluibenschädl, 14.10.2021