Abnehmen extrem - Südkorea zeigt, wie es geht!

Wenn es um's Abnehmen geht, könnte man Asterix abwandeln und sagen: "Die spinnen, die Südkoreaner." Denn extrem sind ihre Ziele, und noch extremer ist der Weg dorthin.
Artikel von Passion-Autor: Barbara Kluibenschädl, 03.12.2022 um 21:33 Uhr

Dünn zu sein gilt in nahezu allen "Überflussgesellschaften" als Statussymbol. Südkorea setzt diesem Trend noch eines drauf: Längst hat das Streben nach dem idealen Körper und der idealen Optik den gesunden Bereich verlassen. Begründen Menschen in westlichen Ländern ihre Diäten noch damit, etwas für ihre Gesundheit tun zu wollen, scheuen Südkoreaner nicht, für das Traumgewicht ihre Gesundheit zu opfern.

Diät-Kultur in Südkorea

So ist es in Südkorea ganz selbstverständlich an der Tagesordnung, sein Gewicht zu reduzieren und Diät zu halten. Es ist durchaus nicht unüblich, dass einen Arbeitskollegen oder Freunde auf eine Gewichtszunahme ansprechen - sowohl bei Frauen als auch bei Männern.

Eine südkoreanische Bloggerin begründet ihre Entscheidung, abzunehmen, wie folgt: "Schweinchen ist wohl ein süßer Spitznamen, aber es fühlt sich nicht gut an, wenn jemand dich so bezeichnet." Zu denken gibt: Dass sie so bezeichnet wird, scheint sie nicht einmal als unhöflich zu empfinden. Vielmehr zeigt sie Verständnis für ihre Kritiker und gibt sich die Schuld für ihr, wie sie meint, "nicht akzeptables Gewicht".

Bei einer durchschnittlichen Körpergröße von 1,69 cm in Südkorea wünschen sich die meisten Frauen ein Gewicht unter 50 Kilogramm. Es ist unschwer zu erkennen, dass dieser Wert deutlich unter der empfohlenen medizinischen Untergrenze liegt und damit ein hohes gesundheitliches Risiko in sich birgt. Dieses ist Südkoreanern durchaus bewusst. Oft wird betont, man wolle bewusst von einer normalen Körperstatur hin zu einer sehr schlanken - gegen jede Vernunft.

Um das bedenkliche Gewichtsziel zu rechtfertigen, wird manchmal auch auf den Unterschied zur durchschnittlichen westlichen Figur hingewiesen. Der durchschnittliche asiatische Körpertypus, so eine Studie einer koreanischen Textilfirma, habe eine rechteckige Form, an dem Fettanlagerungen schneller unvorteilhaft wirken können. Auch bei einer Straßenumfrage des YouTube-Kanals Asian Boss wird schnell klar, dass die meisten wissen, welches Gewicht tatsächlich gesund ist. Doch ist der Wunsch, untergewichtig zu sein, ist offenbar größer als die Angst vor möglichen Folgen.

Junge Asiatin bei einem Herbstspaziergang durch den Park | Credit: iStock.com/tawatchaiprakobkit

K-Pop als Brandbeschleuniger

Mit verantwortlich für die zweifelhaften südkoreanischen Traummaße sind Vorbilder aus der koreanischen Musikszene. Sängerinnen und Sänger werden angehalten, möglichst dünn zu sein. Dies hat einen immensen Vorteil bei Film- und Fotoaufnahmen von Bühnenshows oder Live-Auftritten. Die Idole sehen mit leichtem Untergewicht deutlich vorteilhafter aus.

Das liegt an den unterschiedlichen Brennweiten und Belichtungsoptionen von Kameras. Je nach Einstellung kann man tatsächlich auf Fotos mehrere Kilos schwerer aussehen, und das ist absolut nicht erwünscht. Die Firmen hinter den K-Pop-Bands wollen ihre Stars absolut makellos darstellen. Ihre Aufgabe ist es, aus Menschen unerreichbare Idole zu machen, zu denen die Fans ehrfürchtig aufblicken sollen.

Inzwischen kommen aber auch aus dieser Branche kritische Stimmen. Viele geben zu, dass sie vor Videodrehs und öffentlichen Auftritten spezielle Crash-Diäten einhalten müssen, um kurzzeitig das von ihrem Management gewünschte Gewicht zu erreichen. Meist lässt sich dieses nur zwei bis drei Wochen halten, ohne körperlich und seelisch an Substanz zu verlieren.

Junge asiatische Mädchen führen öffentlich einen Tanz vor | Credit: iStock.com/estherpoon

Der Weg zum Traumgewicht

Bei skurrilen Diäten wie der Bananendiät oder der Süßkartoffeldiät, bei der nichts anderes als Bananen bzw. Süßkartoffeln gegessen werden dürfen, geht es am Ende darum, möglichst wenig zu essen und so viele Kalorien als möglich zu verbrennen. Heiß begehrt sind Tricks, wie man dabei Hungergefühl, Schwächegefühle und Nervenzusammenbrüche vermeidet.

Ein Mitglied der bekannten K-Pop Gruppe BTS schildert, es habe schlicht nichts gegessen, bis es "sein" Wunschgewicht für einen öffentlichen Auftritt erreicht habe. Andere beschreiben, wie sie es schaffen, ihren Hunger zu ignorieren, welche Elektrolytlösungen gegen Benommenheit wirken und welche Hindernisse es zu überwinden gibt. Auch wird öffentlich gerne über die Opfer gesprochen, die für eine gute Figur erbracht werden. Ungewöhnlich ehrlich und offenherzig? Für westliche Länder ja, für Südkorea, nein. Hier wird nicht erwartet, seine Diäten verschämt zu verschweigen - im Gegenteil, es wird bewundert oder zumindest verständnisvoll zur Kenntnis genommen, dazu zu stehen.

Diet-Vlogging als öffentliches Abnehm-Tagebuch

Kaum ein YouTube-Format ist beliebter in Korea wie das Diet-Vlogging. Die eigene Diät wird öffentlich dokumentiert, es werden Tipps weitergegeben und Resultate stolz präsentiert. Viele setzen sich ein bestimmtes Gewichtsziel in einem festgesetzten Zeitraum; beliebt ist dabei die 100 Tage-Challenge. Am Ende steht ein "Body Profile-Shoot" an, ein Fotoshooting, bei dem die hart erkämpfte Figur stolz präsentiert wird.

Dabei lassen Südkoreaner ihre Landsleute hautnah an ihren Erfahrungen teilhaben - schonungslos ehrlich. Offenherzig wird darüber berichtet, wie zu- und abgenommen wird, welche Fehler man nicht machen sollte, und welche Tricks man anwendet, um seine Ziele zu erreichen. Dafür ernten die Blogger Bewunderung, Dank und Lob. Als wäre man Teil einer Gruppe, die alle für das gleiche Ziel einstehen - ein Leben lang gemeinsam dünn zu sein.

Nüchtern betrachtet ist es im Grunde nichts anderes als eine kollektive Essstörung. Videos mit Aufnahmen aus dem Krankenhaus, die zeigen, wie stark untergewichtige Menschen am Tropf hängen, werden mit den Worten, man müsse eben auf eine gesunde Balance achten, abgetan.

Junge Koreanerin mit einem Snack in der Hand | Credit: iStock.com/SAHACHAT

Kein Ende in Sicht?

Langsam ist aber auch in Korea ein Silberstreifen am Horizont erkennbar. Plus-Size Models wie Taylor T wagen es, sich gegen die Masse zu stellen. Zunehmend gibt es mehr Läden, die Übergrößen führen - bis vor wenigen Jahren in Südkorea ein Ding der Unmöglichkeit. Vielmehr ist "Freesize" und "Onesize" Standard, das heißt, Kleidung in nur einer Größe, die meist einer europäischen XS oder S entspricht. Durch das Internet verbreiten sich langsam auch in Südkorea Body Acceptance-Bewegungen aus den USA und Europa, die neue Wege aufzeigen, schlank zu sein, ohne seine Gesundheit zu gefährden.

Zur Autorin

Sie schwärmen für Asien? Dann haben Sie etwas mit Passion Author Barbara Kluibenschädl gemeinsam. Die Tirolerin hat ein Faible für asiatische Kultur und Kulinarik, von denen auch ihre Texte, mit denen sie www.weekend.at bereichert, überwiegend handeln.