Ikone im Kampf gegen Femizide

Bereits neun Frauen wurden allein bis Mai 2021 in Österreich von ihren Partnern oder Ex-Partnern ermordet. Damit ist Österreich eines der EU-Länder, in denen am meisten Frauen ermordet werden. Ein Aufschrei ging durch die Medien – und plötzlich war das Wort Femizid, die Tötung einer Frau aufgrund ihres Geschlechts, in aller Munde. Mit eindringlichen Appellen wird die Regierung dazu aufgefordert, Maßnahmen zu ergreifen, da die häusliche Gewalt steigt – besonders in Zeiten des Lockdowns. Vielen sind die Reaktionen der Regierung zu langsam, zu zögerlich. Der Schutz der Frauen muss stärker vorangetrieben werden.

Dieser Meinung ist auch die französische Frauenrechtlerin Marguerite Stern. Sie begann bereits im Jahr 2019, Namen und Todestag von ermordeten Frauen auf die Häuserwände von Marseille zu schreiben und trat damit eine Welle los.

Collagen gegen Femizide

Marguerite Stern, deren Name ein Pseudonym ist, war 28 Jahre alt, als sie 2019 damit begann, ihre Stimme zu erheben. Gegen häusliche Gewalt, gegen Femizide, gegen eine Regierung, die Frauen nur ungenügend schützt. Zuerst noch als Einzelkämpferin schrieb sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion auf eine Marseiller Hauswand: „Julie wurde von ihrem Ex am 3.3.2019 getötet. Sie hatte ihn fünfmal angezeigt.“ Mit dieser Collage begann alles und Stern löste eine wahre Bewegung aus.

Marguerite Stern ging nach Paris, wo die junge Frau mit den blond gefärbten Haaren mit blauen Spitzen schnell Mitstreiterinnen fand. Im Schutz der Nacht brachte sie gemeinsam mit etwa 100 Gleichgesinnten die Namen der Frauen, die in Frankreich von ihrem Partner oder Ex-Partner umgebracht worden waren, an Hauswänden an. Femizid-Collagen nennt Stern diese Art des Protestes.

Allein im ersten Jahr waren es 146 Femizid-Collagen, die Stern und ihre Mitstreiterinnen für jede in Frankreich im Jahr 2019 ermordete Frau an Hauswänden anbrachten. Mittlerweile wurden in ganz Frankreich verteilt etwa 500 Collagen angebracht.

Femen – feministische Gruppe mit provokanten Aktionen

Für ihre Überzeugung und den Kampf für Frauenrechte geht Stern sogar ins Gefängnis. Mehrmals sitzt sie, weil sie sich an provokanten Aktionen der Gruppe „Femen“ beteiligte. Bereits mit Anfang 20 schloss sich Stern dieser bekannten feministischen Gruppe an.

Femen wurde 2008 in der Ukraine gegründet und agiert mittlerweile weltweit. Besonders bekannt wurde die Gruppierung durch ihre Oben-ohne-Aktionen, bei denen Frauen ihre nackten Oberkörper mit Sprüchen bemalen. Stern war einige Jahre lang Mitglied dieser Vereinigung, bis sie mit ihren Femizid-Collagen ihren eigenen Weg ging.

Nachahmer in der ganzen Welt

Nicht nur in Frankreich fand Marguerite Stern schnell Anhängerinnen – ihre provokanten Femizid-Collagen wurden im deutschsprachigen Raum, in Italien, Portugal, Belgien, Spanien, Polen, Kanada, und sogar in der Türkei und Syrien nachgeahmt. Untertags werden die Plakate gemalt, abends werden sie an Hauswänden angebracht. Die Reaktion vieler Männer? Sie reißen die Collagen ab und verweigern sich ihnen so, wie Stern in einem Interview erzählt.

Femizide sind kein Familiendrama

Weltweit ist jede dritte Frau von Gewalt betroffen, in Österreich jede fünfte Frau nach dem 16. Lebensjahr. „Man tötet niemals aus Liebe“ – dieser einprägende Schriftzug ist durch die mühevolle Arbeit von Marguerite Stern in Paris zu lesen. Wichtig, denn nur allzu oft werden Femizide in den Medien als Eifersuchts- oder Familiendrama verharmlost.

Dabei seien Femizide alles andere als spontane Handlungen, sondern geplante und reflektierte Taten, bestätigt die britische Kriminologin Jane Mockton-Smith, die in einer groß angelegten Studie mehrere hundert Femizide analysierte. Es ist also dringend ein Umdenken nötig, um Frauen besser vor Gewalt schützen zu können.

Buchempfehlungen zum Thema

Femizide sind ein Problem unserer Gesellschaft, das gehört und gesehen werden muss. Marguerite Stern machte durch ihre Collagen auf der Straße auf das Problem aufmerksam. Mit Erfolg, denn das Interesse vieler Menschen wurde erfolgreich geweckt.

Die folgenden Bücher geben einen tieferen Einblick in die Materie, um besser verstehen zu können, welche Bedingungen und Risikofaktoren zu einer derart erschreckend hohen Zahl an Femiziden führt und welche Präventionsmaßnahmen weitere Femizide verhindern könnten.

Marguerite Stern
„Héroïnes de la rue“
Paris, 2020

In ihrem Buch erzählt Stern wie sie auf die Idee mit den Femizid-Collagen kam und wie daraus eine globale Bewegung wurde.

Laura Backes und Margherita Bettoni
„Alle drei Tage. Warum Männer Frauen töten und was wir dagegen tun müssen“
München, 2021

In diesem frisch erschienenen Buch sprechen die Autorinnen mit Überlebenden und Experten und analysieren die Umstände und Motive, die zu einem Femizid führen.

Zur Person

Die aus Südtirol stammende Schriftstellerin Isabel Folie ist Mitglied des intermedialen Kunstkollektiv Grauer Greif. Im September erscheint ihr erster Lyrikband. Als "Passion Author" für www.weekend.at schreibt sie regelmäßig über Frauen in der heutigen Gesellschaft.

Autor: Isabel Folie, 21.05.2021