Hikikomori: Japans Pandemie der Einsamkeit

Neueste Erhebungen in Japan bringen Erschreckendes zu Tage. Das Land zählt aktuell 600.000 Hikikomori. Die Dunkelziffer dürfte deutlich größer sein. Hikikomori werden all jene Japaner genannt, die sich für mindestens sechs Monate in ihre vier Wände zurückziehen, weder soziale Kontakte pflegen, noch zur Arbeit oder in die Schule gehen. Manche sogar Jahre oder Jahrzehnte hindurch. Je länger es andauert, desto mehr werden die eigenen vier Wände zu  einem Gefängnis. Viele wollen Freunde und eine Partnerschaft haben, sind aber wie gelähmt von ihren sozialen Ängsten.

Seit wann gibt es Hikikomori?

Mit dem Platzen der Wirtschaftsblase in den 1980ern trat das Phänomen erstmalig in größerer Zahl auf. Eine gute Ausbildung garantierte mit einem Mal keinen sicheren Arbeitsplatz mehr. Befristete Dienstverhältnisse und der Verlust von Jobs sorgten unter jungen Menschen für große Unsicherheit. Mit dem darauf folgenden wirtschaftlichen Wachstum und der zunehmenden Vereinzelung rasselte das Land in eine Sinnkrise. Alte Systeme und Dogmen verloren ihre Wirksamkeit und neue, bisher unbekannte Phänomene wie die Klimakrise haben die Lebenswirklichkeit von Grund auf verändert. Dieser wachsenden Hilflosigkeit begegnen immer mehr Menschen mit totalem Rückzug. Die weltweite Corona-Pandemie hat ihr Übriges getan und manche erst so richtig auf den Geschmack gebracht, ohne berufliche und gesellschaftliche Verpflichtungen zu leben.

Wer sind Hikikomori?

Das japanische Wort Hikikomori bedeutet so viel wie „sich zurückziehen“ oder „sich einsperren“. Niemand zwingt die hauptsächlich männlichen Betroffenen, dieses Leben zu führen. Jährlich steigt nicht nur ihre Anzahl, sondern auch das Durchschnittsalter. Waren in den 1980er-Jahren, als das Phänomen das erste Mal von Tamaki Saitō, einem japanischen Psychologen, erforscht worden ist, Hikikomori durchschnittlich noch 20 bis 25 Jahre alt, reicht die durchschnittliche Altersspanne mittlerweile schon bis 39 Jahren.

Menschenmassen in Tokioter U-Bahn-Station | Credit: iStock.com/voyata

Wie leben Hikikomori?

Durch Dokumentationen und Initiativen wurde die Aufmerksamkeit auf die Hikikomori gelenkt. Ihr Alltag besteht vor allem aus Lesen oder Videospielen. Digitale Geräte erleichtern es, den Alltag von zu Hause aus zu organisieren. Einkäufe werden in der Nacht erledigt. Die meisten leiden unter Angstzuständen, Depressionen oder Essstörungen. Viele beschreiben, dass sich jeder Tag gleich anfühlt, ähnlich dem französischen Begriff „lundimanche“ (zu deutsch: „Somontag“), der das Gefühl der absoluten Strukturlosigkeit der Wochentage während des Lockdowns beschreibt.

Die jungen Männer leben meist bei ihren Eltern, da sie üblicherweise bis zur Heirat nicht ausziehen. Ein klassischer Rausschmiss ist in Japan undenkbar, bedingt durch das enge Familiensystem - auch „Amae“ genannt. Häufig kommt es vor, dass unter den wachsenden Spannungen Söhne gegen ihre Eltern gewalttätig werden oder umgekehrt. Aus Scham halten viele Familien geheim, dass das eigene Kind das Leben eines Hikikomori führt. Aus diesem Grund kommt Hilfe häufig zu spät.

Wie reagiert die Gesellschaft auf die Hikikomori?

Aus westlicher Sicht ist es nur schwer nachvollziehbar, warum dieser Generation, die mit derart schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen leben muss, kein Mitgefühl und Verständnis von Seiten der japanischen Gesellschaft entgegengebracht wird. Vielmehr werden die Hikikomori für „ihr Versagen“ stigmatisiert. Das wiederum deshalb, weil das „Sekentei“ - also das öffentliche Ansehen - in Japan über allem steht. Mit Errungenschaften in Beruf und Privatleben macht besonders der älteste Sohn seiner Familie Ehre. Der einzelne ist sein ganzes Leben von der Bewertung durch die Familie als Keimzelle der Gesellschaft abhängig.

Leere U-Bahn in Tokio | Credit: iStock.com/Михаил Руденко

Wie hilft man Hikikomori?

Eltern verstärken das Problem eher als es zu lösen. Vieles von dem, was ihre Kinder praktizieren, haben sie vorgelebt, mit dem entscheidenden Unterschied, dass sie einer geregelten Arbeit nachgehen. Die Kluft zu Gleichaltrigen, Freunden und ehemaligen Schulkollegen wird mit der Zeit immer größer, sodass auch hier keine Hilfe zu erwarten ist.

Längst gibt es in Japan mehrere Initiativen, die versuchen zu helfen. New Start ist eine von mehreren Organisationen, die sogenannte „Verleihschwestern“ oder „Verleihbrüder“ stellen, die versuchen, die Hikikomori wieder in ein normales Leben zurückzuführen. Dies beginnt beim Kontaktaufbau durch die Zimmertür, manchmal auch nur in schriftlicher Form. Damit diese Arbeit möglich ist, müssen Eltern - je nach Betreuungsaufwand - bis zu 2.500 Euro im Monat an die Organisation bezahlen.

Gruppentreffs wie die „Ibasho", helfen Hikikomori im geschützten Rahmen bei ihrer Rückkehr in das gesellschaftliche Leben. Bis es für Betroffene überhaupt möglich ist, das eigene Heim zu verlassen, vergehen häufig Monate. Selbsthilfegruppen, eine verbesserte Kommunikation mit den Eltern, zeitweilige medikamentöse Behandlungen und spezielle Online-Zeitschriften für Hikikomori - etwa „Shimbun“ - sind eine weitere Hilfe. Auch gab es schon Versuche, das Phänomen in Animes zu verarbeiten, um sie noch besser zu erreichen.

Da Hikikomori meistens aus Familien der mittleren und oberen Mittelschicht kommen, gibt es natürlich auch fragwürdige Angebote, die für gutes Geld in Anspruch genommen werden können. Berichtet wurde unter anderem von einer Firma, die in das Zimmer der Hikikomori eindringen, ihnen eine ordentliche Standpauke hielten und sie anschließend in ein Wohnheim zwangsrekrutierten. Ob diese Methode wirklich wirksam ist, darf bezweifelt werden.

Armut und Elend

Die wohl größte Herausforderung - das „8050 - Problem“ - kommt wohl erst noch auf die Hikikomori und Japan zu. Bislang gibt es immer noch Eltern, die ihre Kinder finanziell versorgen. Sollten sie im Falles ihres Todes nicht große Ersparnisse hinterlassen können, drohen den Betroffenen Armut und Elend.

Zur Autorin

Sie schwärmen für Asien? Dann haben Sie etwas mit Passion Author Barbara Kluibenschädl gemeinsam. Die Tirolerin hat ein Faible für asiatische Kultur und Kulinarik, von denen auch ihre Texte, mit denen sie www.weekend.at bereichert, überwiegend handeln.

Autor: Barbara Kluibenschädl, 31.01.2022