Achtsam zum Höhepunkt

Achtsamkeit ist das Gebot der Stunde, denn mittlerweile haben wir es etabliert, unseren Alltag bewusster zu gestalten und auf unseren Körper und Geist zu hören. Wir entwickeln morgendliche Routinen, lernen, was uns guttut, und sagen auch mal „Nein“ statt „Ja“. Kein Wunder, dass sich im letzten Jahr ein neuer Sex-Trend entwickelt hat: Beim „Mindful Sex“ dreht sich alles um das bewusste Wahrnehmen. Statt dem Motto „schneller, härter, wilder“ zu folgen, wird beim Mindful Sex ein Gang, oder gleich mehrere, zurückgeschaltet. Partner nehmen sich aktiv Zeit, um miteinander zu schlafen.

Lustkiller Stress

Das mag anfänglich komisch und esoterisch angehaucht klingen, es kann aber zu einer neuen Form der Sinnlichkeit führen. Denn Hand aufs Herz: Das körperliche Miteinander geht in stressigen Zeiten immer als Erstes verloren. Frust, Anspannung und Unzufriedenheit, bei beiden Partnern, sind die Folge. Dem soll Mindful Sex entgegenwirken. Gleichzeitig wird darauf abgezielt, den eigenen Körper und den des Partners erneut kennenzulernen und ihn zu entdecken. Und da­rin zu versinken. Damit sich der Austausch von Zärtlichkeiten nicht auf müde Versuche in den letzten fünf Minuten vor dem Schlafengehen beschränkt.

Slow hands

Aber wie funktioniert es? Zuallererst müssen sich beide Partner freimachen, und zwar terminlich gesehen. Der Sex und die innige Zeit zu zweit haben Priorität, alles andere darf warten. Wer To-do-­Listen und Alltagsprobleme im Kopf hat, wird sich schwer fallen lassen können. Und genau darum geht es – um das Fallenlassen. Kopf aus, Lust an. Mit Küssen und Streicheleien wird der Partner liebkost. Das Vorspiel darf so lange dauern, bis die Leidenschaft an Überhand gewinnt. Aber selbst beim Hauptakt gilt es, die Sache langsam anzugehen, um den Höhepunkt möglichst in die Länge zu ziehen. Und statt direkt danach aufzuspringen und sich anzuziehen, verweilen beide im Bett, kuscheln und genießen das Danach. Achtsam zu sein, bedeutet nichts anderes, als im Moment zu leben und das Hier und Jetzt zu genießen. 

Mit Meditation zum Orgasmus

Fällt es schwer, die Gedanken ziehen zu lassen, kann Meditation helfen. Achtsamkeitsübungen trainieren das Gehirn. Ängste und Stress können besser kontrolliert, der Geist schneller entspannt werden. Beim Mindful Sex wird dies sogar auf Basis von wissenschaftlichen Erkenntnissen empfohlen. Wer öfter meditiert, erlebt intensivere Orgasmen. Der Grund dafür liegt in einer kleinen Einsenkung in der Großhirnrinde, die sich Insula nennt. Durch Meditationen entstehen mehr Faltungen im Bereich dieses Gehirns und Forscher haben durch Studien herausgefunden, dass Frauen mit mehr Insula-Falten besser  und schneller zum Höhepunkt kommen. Ergo sind das die ersten Falten, die wir gerne hätten.

Erlebnis Sex

Doch der Orgasmus sollte nicht das Hauptziel sein. Vielmehr geht es darum, die Empfindungen während des Sex mit allen Sinnen wahrzunehmen und sie nicht zu bewerten oder zu hinterfragen. Inneres Verurteilen und negative Gefühle haben hier keinen Platz. Mindful Sex eignet sich ideal für alle, die sich nach verbundenen Momenten mit dem Partner und eine Auszeit aus dem Alltag sehnen. „Dirty Sex“ heizt unser Liebesleben so richtig an, aber hin und wieder tut Entschleunigung sehr gut. Und hebt das sexuelle Erleben auf ein neues Level.

Tipps zu mehr Achtsamkeit:

1.) Es klingt komisch, aber es hilft: Der Sex sollte im Kalender eingeplant sein. Natürlich spricht nichts gegen einen schnellen Quickie, aber um wirklich achtsam miteinander umzugehen, braucht es Zeit. Und das können auch gerne ein paar Stunden sein.

2.) Der „sinnliche Fokus“ legt das Augenmerk auf Berührungen. Abwechselnd berühren sich beide Partner sexuell und nicht-sexuell. Wie fühlt es sich an? Was wird dabei gedacht? Der kommunikative Austausch zwischen den Partnern ist sehr wichtig.

3.) Fällt es schwer, während des Sex konzentriert zu bleiben und gedanklich nicht abzudriften, kann diese Methode helfen: Beim Einatmen versucht man, alle Empfindungen aufzunehmen. Beim Ausatmen öffnet man sich für Neues.

4.) Masturbation hilft, den eigenen Körper und seine Bedürfnisse wahrzunehmen und kennenzulernen.

5.) Zahlreiche Firmen, beispielsweise Amorelie, bieten auch Sex-Boxen an, von denen sich jede mit einem anderen Thema beschäftigt. Im Package befinden sich kleine Achtsamkeits-Übungen, Toys, ausführliche Anleitungen und Tipps und Tricks.

6.) Der Body Scan ist eine Übung aus dem Yoga- und Meditationsbereich. Begonnen wird am Scheitel, dann wird der gesamte Körper bis zu den Zehen „gescannt“. Man konzentriert sich auf jedes Körperteil und fragt: Wie erlebe ich es gerade? Wie fühlt sich dieser Teil meines Körpers an? Bin ich entspannt oder eher unentspannt?

Autor: Cornelia Scheucher, 10.05.2021