Honig - schlechter als sein Ruf?

Er gilt als extrem gesund, so steht es in unzähligen Büchern und Artikeln geschrieben. Aber was ist dran an den Vorschusslorbeeren für Honig? Und vor allem: Was ist wirklich drin?
Artikel von Passion-Autor: Lily Winter, 04.08.2022 um 21:47 Uhr

Aus der Geschichte der Ernährung ist Honig nicht wegzudenken: Schon vor 8.000 Jahren begannen die Menschen, Bienen gezielt für seine Produktion zu züchten. Seit diesem Zeitpunkt diente er als Süßungsmittel, lange, bevor der Zucker entdeckt wurde.

Wie Honig entsteht

Allein, wie Honig entsteht, liest sich faszinierend:

  • Bienen nehmen Nektarsäfte und Blütenpollen in ihre Honigblase auf, wo sie mit Speichel und Enzymen vermengt werden
  • Die Biene gibt das Gemisch in den Bienenstock ab, wo es eindickt und reift
  • Um einen Teelöffel Honig zu produzieren, dazu brauchen 12 Arbeiterbienen ihr ganzes Leben
  • Je nachdem, von welchen Pflanzenblüten Nektar und Pollen stammen, können Konsistenz, Färbung und Geschmack des Endprodukts stark variieren

Übrigens: Honigtau stammt nicht von Bienen, sondern ist das Ausscheidungsprodukt von Insekten, beispielsweise von Blattläusen.

Honig als Alternative zu Zucker?

Ein bekömmliches Naturprodukt mit heilender Wirkung - so nehmen wir Honig im Allgemeinen wahr. Aber ist er deshalb auch gesünder? Fakt ist: Wir ernähren uns im Durchschnitt zu ungesund, essen zu wenig Obst, Gemüse und Vollkorn, konsumieren jedoch gleichzeitig im Schnitt zu viel Zucker und Fett. Das zu ändern sind immer mehr Menschen bestrebt - nicht von ungefähr ist der Trend zur zuckerreduzierten bzw. -freien Ernährung seit Jahren ungebrochen. Ob Honig eine Alternative zu Zucker sein kann, ist zweifelhaft, wirft man einen Blick auf seine Zusammensetzung.

Wie Honig zusammengesetzt ist

Honig besteht zu 77 Prozent aus Zucker (davon 38 Prozent Fructose, 32 Prozent Glucose und 7 Prozent Maltose bzw. andere Zuckerarten). 17 Prozent macht der Wasseranteil aus. Wertvolle Inhaltsstoffe sind im Honig schon zu finden, allerdings in nicht nennenswerten Mengen - so machen Enzyme 0,3 Prozent und Mineralstoffe 0,2 Prozent aus; Vitamine sind nur noch in Spuren nachweisbar.

Am Ende ist Honig ein Zuckersirup, der durch seinen Wasseranteil zwar etwas weniger Kalorien pro 100 Gramm als Haushaltszucker enthält, dafür aber nicht so süß ist. Trotzdem kann er gleichermaßen Karies wie herkömmlicher Zucker verursachen. In dieser Hinsicht ist Honig zwar naturbelassener als raffinierter Zucker, aber keineswegs gesünder.

Geöffnetes Honigglas neben Bienenwaben und gebündeltem Lavendel | Credit: iStock.com/tashka2000

Achtung bei Säuglingen, Kleinkindern und Allergikern

Auch, wenn Honig nicht gesund ist, ist er für Erwachsene zumindest nicht gesundheitsschädlich. Anders als für Säuglinge und Kleinkinder! So kann er aufgrund eines Toxins im Bakterium Clostridium botulinum bei Kindern unter einem Jahr, deren Immunsystem noch nicht ausreichend ausgebildet ist, zu Säuglingsbotulismus und im schlimmsten Fall zum Tod führen.

Allergikerinnen und Allergiker sollten Honig aufgrund seines Pollengehalts ebenfalls meiden, da der Verzehr Juckreiz, Heuschnupfen und Atemwegsbeschwerden auslösen kann.

Bedenkliche Inhaltsstoffe?

Hinzu kommt, dass in Honig immer wieder Pestizidrückstände wie etwa Glyphosate gefunden werden, die durch den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln auf Blüten landen und über die Bienen auch in unseren Nahrungskreislauf gelangen. Selbst bei Bio-Honig können Imker nicht vollständig kontrollieren, wo die Bienen hinfliegen, oder wie sehr die jeweilige Region belastet ist, auch wenn für sie eigentlich die Auflage gilt, dass innerhalb "von drei Kilometern keine nennenswerten Beeinträchtigungen der Bienenprodukte durch landwirtschaftliche und nicht landwirtschaftliche Verunreinigungen" zu erwarten sind.

Weiters finden sich in Pollen und Honig die sekundären Pflanzenstoffe Pyrrolizidinalkoide (kurz PA). Diese können laut Studien das Erbgut schädigen und Krebs verursachen. Vor diesem Hintergrund fordern Expertinnen und Experten, dass Honig verstärkt darauf kontrollliert wird.

Auch wenn es Imkereien in der EU untersagt ist, Antibiotika einzusetzen, werden in Proben immer wieder Rückstände nachgewiesen. Vorsicht ist daher bei importiertem Honig geboten – immerhin stammen rund 70 Prozent der im Handel erhältlichen Produkte aus dem Ausland.

Ein Glas Honig  vor der Kulisse einer blühenden Sommerwiese | Credit: iStock.com/hopsalka

Wie heilsam ist Honig?

In Hustensaft oder Tee, bei Hautproblemen oder zur Unterstützung der Wundheilung wird Honig gerne als Hausmittel verwendet. Ausreichende wissenschaftliche Belege für seine Wirksamkeit gibt es dabei nicht. Der gerne als Wundermittel gepriesene Manuka-Honig etwa wird, um steril zu werden, verschiedentlich behandelt - sogar mit Gammastrahlen bestrahlt. Ob er unter diesen Umständen für das Zellgewebe verträglich ist, darf bezweifelt werden. Von einer Anwendung zur Behandlung von Wunden ist jedenfalls abzuraten.

Zur Autorin

Woher kommen unsere Lebensmittel? Was ist in ihnen enthalten? Was machen sie mit uns? Fragen, die Passion Author Lily Winter bewegen. Auf www.weekend.at teilt die Biologin und vegane Ernährungsberaterin ihr Wissen rund um dieses so wichtige Thema.