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Traurige Frau
Weihnachten ist nicht für jeden „schönste Zeit des Jahres“.
Weihnachten ist nicht für jeden „schönste Zeit des Jahres“.
gpointstudio/iStock/Thinkstock

Weihnachten: das Fest der Liebe als Zerreißprobe

20.12.2022 um 08:30, Cornelia Scheucher
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Streit, Hektik, Stress: Weihnachten kann auch negative Auswirkungen auf die Psyche haben.

Die „schönste Zeit des Jahres“ trägt nicht für jeden denselben Titel. Denn während manche die Feiertage rund um Weihnachten nicht mehr erwarten können, graut es anderen bereits beim Gedanken daran. „Schuld“ daran hat in den meisten Fällen nicht das Fest per se, sondern der Stress und die Hektik, die damit einhergehen.

Falsche Perfektion

Es ist quasi eine self-fulfilling prophecy. „Wir möchten die Weihnachtsfeiertage friedlich verbringen und Streit unbedingt vermeiden, kreisen dabei jedoch automatisch immer wieder mit unseren Gedanken um das Thema, was sich auch auf unser Verhalten auswirkt, und schon sind wir unbewusst angespannt, es entsteht Stress und es kommt zu zwischenmenschlichen Konflikten“, erklären die Klinische Psychologin Marie-Christin Hinteregger und Psychotherapeut David Begusch von der Praxis dreipunkt das Phänomen. Zusätzlich spielen auch noch die hohen Erwartungen eine große Rolle. Das Anstreben eines „perfekten“ Weihnachtsfestes führt zu hohem Druck – Enttäuschungen sind somit vorprogrammiert.

Rollenverteilung als Auslöser

Und dann gibt es noch einen weiteren Stressfaktor, aus dem ein Entkommen oft unmöglich scheint: der Platz in der eigenen Familie.

Aus systemischer Sicht bleibt die Rolle im Familiengefüge meist erhalten – und das obwohl die Kinder oder Enkelkinder dieser Rolle bereits schon entwachsen sind. Feiert man Weihnachten mit der Kernfamilie, kann dies zu Konflikten führen. – Hinteregger und Begusch

Das beste Beispiel ist die Tochter, die als Kind zurückhaltend war und sich den Vorgaben der Eltern untergeordnet hat, mittlerweile aber selbst Mutter ist. Plötzlich hat sie zwei Rollen zu erfüllen – das kann nicht nur zu einem inneren Konflikt, sondern auch zu Streitereien mit anderen Familienmitgliedern führen.

Wie vermeidet man Auseinandersetzungen?

„Indem man die eigenen Erwartungen möglichst realistisch hält. Streit ist auch während der Feiertage kein Weltuntergang, beim Weihnachtsessen darf ruhig etwas schief gehen und das Haus muss nicht klinisch sauber sein. Kurz gesagt, es muss nicht perfekt sein. Gut ist gut genug“, so Hinteregger und Begusch. Wichtig ist außerdem eine offene und gewaltfreie Kommunikation. Denn im Endeffekt ist und bleibt Weihnachten das Fest der Liebe. Und wer sich darauf besinnt – und nicht auf Perfektion aus ist –, darf sich auf entspannte Feiertage im Kreise der Liebsten freuen.

Experten – Interview

weekend.at: Was tun, wenn man Weihnachten gar nicht mit der Familie verbringen möchte?
Experten*: In erster Linie sollte man sich selbst fragen, wieso das der Fall ist. Wenn man feststellt, dass man das Fest mit der Familie schätzt, es aber aufgrund negativer Erwartungen (Streit etc.) vermeiden möchte, kann man sich selbst mit alternativen, positiven Gedanken helfen. Aber auch der tatsächliche Wunsch, Weihnachten nicht mit der Familie zu verbringen, ist legitim und muss gar nicht bewertet werden.

weekend.at: Und wie kommuniziert man dies am besten?
Experten*: Je offener, desto besser. Und wie immer gewaltfrei und deeskalierend. Mit Ich-Botschaften kann man die Gefühle und Wünsche kommunizieren. Im Idealfall lässt sich ein für alle Seiten sinnvoller Kompromiss finden. Vielleicht ein zeitlich begrenzter Besuch zum Essen oder ein Treffen außerhalb des Hauses.

weekend.at: Wie erleichtert man sich die Feiertage mit der Familie?
Experten*: Zuerst einmal darf man auch während der Feiertage nicht auf Zeit für sich selbst vergessen. Und man darf sich ruhig den Druck rausnehmen. Innerhalb der Familie verfällt man oft in alte Muster und Rollen, das muss man nicht verteufeln. Wer dies anerkennt, kann das Fest und die Feiertage leichter genießen.

* Die Interviewpartner waren die klinische Psychologin Marie-Christin Hinteregger und Psychotherapeut David Begusch von „dreipunkt“.

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