3 Altlasten der Evolution: Wieso uns das moderne Leben so zusetzt

Ein hoher Lebensstandard führt paradoxerweise nicht zu mehr Zufriedenheit und Gesundheit. Das hat vielerlei Gründe. Einige liegen in unserem evolutionsbedingten Erbe begründet.
Autor: Barbara Kluibenschädl, 09.12.2021 um 10:03 Uhr

Die moderne Welt scheint alles andere als optimal für den Menschen zu sein. Der zunehmende ökonomische und gesellschaftliche Fortschritt erzeugt immer mehr unzufriedene und unglückliche Menschen. Jeder fünfte Österreicher leidet im Laufe eines Jahres an einer psychischen Erkrankung. Fast 3 Millionen Österreicher geben an, an einer chronischen Erkrankung zu leiden, 600.000 davon haben Diabetes und knapp 31.000 sterben jährlich an einer Herz-Kreislauferkrankung. Schuld an dieser Misere hat nicht etwa der Mensch selbst, zumindest nicht ausschließlich. Vielmehr entspringen diese Probleme unserem evolutionären Erbe.

Wer nicht überlebt, der stirbt

Das Leben vor dem Entstehen von moderner Zivilisation ist schwer vorstellbar. Krankheiten, Ressourcenknappheit, Kälte und Raubtiere waren tatsächliche Bedrohungen, denen der frühzeitliche Mensch nicht viel mehr entgegenzusetzen hatte als sich selbst. Dank der kontinuierlichen Anpassung des menschlichen Organismus an seine Umwelt schaffte es die Spezies Mensch zu überleben. Allerdings sind viele dieser Überlebensmechanismen in der heutigen Zeit nicht mehr hilfreich, sondern vielmehr sogar hinderlich. Denn die kurze Zeitspanne, in der der Mensch von heute mit Stadtlärm, schimpfenden Chefs, monströsen Wohnkomplexen und hohen moralischen Anforderungen leben muss, ist nicht ausreichend, um den menschlichen Organismus umzuprogrammieren. Anders wie früher kann er erlebten Stress nicht mehr zu 100 Prozent abbauen. Mit weitreichenden Folgen. Wie man sie ausbremst, zeigen die folgenden drei Beispiele.

Frau stützt ihren Kopf auf beiden Händen auf | Credit: iStock.com/kieferpix

1. Bewegung: Was Hai und Mensch gemein haben

Die Evolution gilt als der knausrigste Sparer überhaupt. Alles, was sie nicht dringend benötigt, wird eingespart. Am Beispiel des Hais kann dieses Phänomen anschaulich beobachtet werden. Denn das Gerücht, Haie können im Wasser ersticken, stimmt tatsächlich. Warum das so ist?

Die allermeisten Fische sind in der Lage, Muskeln in ihrer Kiemengegend aufzupumpen, dadurch Wasser durch die Kiemen zu ziehen und somit Sauerstoff zu gewinnen. Auch, wenn sie sich nicht aktiv bewegen, können sie also atmen. Da Haie sich ohnehin ständig bewegen, wurde diese Fähigkeit im Laufe der Evolution wegrationalisiert. Würden die Kiemen nicht durch seine kontinuierliche Bewegung durchspült werden, würde einem Hai tatsächlich schnell der Sauerstoff ausgehen. Das hat mit uns Menschen mehr zu tun als gedacht.

Denn auch Menschen haben sich vor tausenden Jahren sehr viel mehr bewegt als heute. Ihr Leben als Jäger und Sammler zwang sie, weite Strecken für ihre Nahrung zurückzulegen. Mitglieder des Hadza-Stamms in Tansania leben heute noch so. Im Schnitt machen sie dadurch mehrere tausende Schritte pro Tag. Im durchschnittlichen Alltag eines Mitteleuropäers ist ein solches Ausmaß an Bewegung nicht mehr erforderlich.

Gleich wie beim Hai, hat Bewegung aber einen direkten Einfluss auf die Funktionen in unserem Körper. Sie spielt eine Schlüsselrolle im Erhalt und der Regulation der normalen Körperfunktionen. Durch Bewegung werden unter anderem die Verdauungsprozesse in Schwung gehalten, Entzündungswerte reguliert und der Blutzuckerwert stabilisiert. Außerdem hat sie einen positiven Effekt auf das Nervensystem und unsere Gemütsverfassung. Es gibt keinen Prozess im Körper, der nicht indirekt oder direkt von Bewegung profitiert.

Um sein Überleben zu sichern, dazu braucht sich der Mensch heutzutage nicht mehr zu bewegen. Die Spezialisierung der Arbeitswelt und die an unsere Bedürfnisse angepasste Infrastruktur machen es möglich. Die Energie, die dadurch frei wird, wäre für unseren Organismus positiv und somit im Sinne der Evolution, doch fehlen bislang noch die anatomisch-physiologischen Anpassungen an unseren neuen Lebensstil, damit wir am Ende davon nicht krank werden.

An einem Strand steht im Sand "Breathe" - englisch für "Atmen" - geschrieben | Credit: iStock.com/Circle Creative Studio

2. Ästhetik: Wieso Schönheit gesund macht

Schönheitsideale und -vorstellungen sind stets im Wandel. Besonders deutlich kann man das an den Modetrends beobachten, die sich rasend schnell von Saison zu Saison verändern. Davon unabhängig bewahren die Prinzipien der Symmetrie und des goldenen Schnitts, die unser ästhetisches Grundverständnis seit Urgedenken bestimmen, ihre Gültigkeit. Seit tausenden Jahren prägen sie die Architektur und Kunst der Menschheit.

Diese zeitlosen Prinzipien sind nicht zufällig, sondern der Natur nachempfunden und in ihr zu beobachten - in den Formen von Wolken, Schneckenhäusern und Flussläufen. Auch die meisten Pflanzen sind nach einer bestimmten Symmetrie aufgebaut. Ist eine Pflanze symmetrisch, ist das ein Zeichen für Vitalität und nährstoffreiche Nahrung. Abgestorbene oder verdorbene Pflanzen sind geknickt, haben ihre Symmetrie also verloren. Die Umgebung nach diesem Prinzip binnen Sekunden beurteilen zu können, sicherte unseren Vorfahren das Überleben. Alles, was unserem Überleben zuträglich ist, wird vom Gehirn belohnt. Das Belohnungszentrum wird aktiviert, und wir wollen mehr davon.

Im Lauf der Evolution wurde die Ästhetik durch andere Überlebensstrategien zusehends in den Hintergrund verdrängt. Sie musste in vielen Belangen dem wirtschaftlichen und praktischen Nutzen weichen. An Stelle von kunstvoll verzierten Häusern stehen heutzutage Betonklötze an den Straßenrändern. Wissenschaftler konnten herausfinden, dass uns fehlende Ästhetik nicht nur langweilt, sondern sogar das Stresslevel signifikant erhöht. Das Gehirn reagiert auf die potentielle Gefahr einer Umgebung, die uns - optisch betrachtet - nicht genug Nahrung und Sicherheit bieten kann. Langeweile und Stress erhöhen das Bedürfnis, aufzubrechen und neue Nahrungsquellen aufzuspüren. Selbst dann, wenn das nicht erforderlich ist. Fehlt uns der Ausgleich zur mangelnden Ästhetik unserer Umgebung, laufen wir Gefahr, krank zu werden.

Blick auf einen See und Berge bei Sonnenuntergang | Credit: iStock.com/Jeffengeloutdoors.com

3. Stress: Chefs und Raubkatzen machen Ärger

Körperlicher Stress ist eine natürliche Reaktion auf Gefahr. Puls und Blutdruck erhöhen sich, die Verdauungstätigkeit wird heruntergefahren und das Immunsystem in den Standby-Modus versetzt. Dafür werden Muskeln besser durchblutet und Adrenalin ausgeschüttet. All dies passiert, um die Überlebenschancen zu verbessern.

Angenommen, Sie wären vor Tausenden Jahren von einer Raubkatze angegriffen worden. Ihr Körper hätte auf Überlebensmodus geschaltet. Sie hätten die Flucht angetreten und wären direkt zurück zu Ihrem Stamm zurückgelaufen. Die Katze hätte Sie bis in Ihr Dorf verfolgt, dort hätten Ihnen Mitglieder Ihrer Sippe geholfen, die Raubkatze zu erlegen. Sie wären in Sicherheit, würden umarmt werden, es würde getanzt und die erlegte Raubkatze als Festmahl serviert werden. Was sich in der Zwischenzeit in Ihrem Körper abgespielt hat: Während Sie liefen, baute Ihr Organismus die körperliche Stressaktion ab, während Sie umarmt wurden, verlangsamte sich Ihr Puls wieder, und der Tanz und das kleine Fest festigten Ihr Sicherheitsgefühl. Alles Dinge, die helfen, den Stresszyklus zu beenden und den Körper wieder in den Normalmodus zu versetzen.

In der heutigen Zeit gibt es keine gefährlichen Raubkatzen mehr. Und doch sind wir Situationen ausgesetzt, die ein und dieselbe Stressreaktion auslösen. Der Körper unterscheidet dabei nicht zwischen brüllendem Chef und fauchender Raubkatze. Im Unterschied zu früher kann diese Stressreaktion heutzutage im Anschluss nicht direkt abgebaut werden. Soziale Konventionen halten davon ab, wegzulaufen, den Chef zu schlagen oder zu weinen. Das ist auch gut so, unsere Gemeinschaft würde so nicht funktionieren.

Auf Kosten unserer Gemeinschaft und deren sozialen Konventionen staut sich so immer mehr Stressreaktion im Körper auf. Dieser läuft auf Hochtouren, einen Zustand, den er nicht lange unbeschadet aufrechterhalten kann. Es treten die allbekannten Herz-Kreislaufprobleme, Verdauungsschwierigkeiten und andere stressbedingte Symptome auf.

Um den Stresszyklus zu beenden, müssen weder die Raubkatze noch der Chef getötet werden. Was aber auch heute noch hilft, den Körper und das Nervensystem nach aufwühlenden Vorfällen wieder zu stabilisieren, sind Bewegung, Umarmungen und Weinen.

Junge Frau bei ihrem Trainingslauf | Credit: iStock.com/Primoz_Korosec

Wissen macht entspannt

Das moderne Leben ist eine Herausforderung, besonders, wenn man in einem Körper aus der Steinzeit steckt. Das bloße Wissen über unsere Altlasten lässt die Probleme zwar nicht verschwinden, aber hilft uns dabei, uns selbst zu verstehen und ein Stück weit entspannter zu leben.

Zur Autorin

Sie schwärmen für Asien? Dann haben Sie etwas mit Passion Author Barbara Kluibenschädl gemeinsam. Die Tirolerin hat ein Faible für asiatische Kultur und Kulinarik, von denen auch ihre Texte, mit denen sie www.weekend.at bereichert, überwiegend handeln.