"TikTok Aesthetics": So kann man mitreden

Das Internet sorgt regelmäßig für neue Trends und Hypes - Pranks und Challenges (wie z.B. die Mannequin Challenge) halten die User auf Trab. Kein Wunder also, dass die Mode - der Spiegel der Gesellschaft schlechthin - häufig im Fokus des dynamischen World Wide Webs steht. Gerade jetzt noch mehr! Denn Dark Academia, Barbiecore, Y2K – vor allem auf TikTok, aber auch auf Instagram und anderen sozialen Netzwerken - verbreiten sich wie ein Lauffeuer. Die Rede ist dabei von stimmungsvollen Mode- und Lifestyle-Trends, auch „aesthetics“ genannt, die vorwiegend im Internet entstehen und meist junge Anhänger haben. Sie verstehen nur Bahnhof? Wir schaffen Abhilfe.

Geburtsstunde digitaler Subkulturen

Bei Mode-Ästhetiken bzw. sogenannten „TikTok Aesthetics“ handelt es sich um neue oder modifizierte Trends bzw. Subkulturen, die ihren Ursprung meist im Internet haben. Während Mods, Goths, Punks und andere Jugend-Gruppierungen früher vorwiegend auf den Straßen anzutreffen waren und das Stadtbild auf diese Weise wesentlich prägten, verlagerte sich in den letzten Jahren die Alternativ-Szene in den digitalen Raum. Vor allem der Pandemie-Beginn im Frühjahr 2020 begünstigte den Boom jener Mode- und Lifestyle-Ästhetiken: Die gravierenden Einschränkungen und der plötzliche Wegfall jeglicher Aktivitäten traf insbesondere die jüngere Generation ins Mark. Das Internet entwickelte sich zum idealen Nährboden, um der Eintönigkeit zu entfliehen und neue Inspirationen sowie Gleichgesinnte zu finden.

Die spezifische Ästhetik ist besonders charakteristisch für die neuen Subkulturen, denn reizvolle Visualität und Selbstinszenierung gehen hier Hand in Hand. Die Mode-Ästhetiken geben z.B. einen gewissen Kleidungsstil vor, beschränken sich aber keineswegs nur auf reine Äußerlichkeiten. Auch der Musik- und Filmgeschmack, die bevorzugte Literatur sowie die generelle Lebensweise sind eng mit der jeweiligen Stilrichtung verknüpft. Dadurch entsteht ein homogenes Gesamtbild, bei dem alles aufeinander abgestimmt ist. Dieses wird von den Anhängern der jeweiligen Subkulturen auf Social Media gekonnt und häufig hochstilisiert in Szene gesetzt, z.B. im Rahmen von Moodboards auf Pinterest oder Videos auf TikTok. Mittels Hashtags lassen sich tausende Fotos und Videos zu den jeweiligen Ästhetiken finden.

Frau liegt in der Wiese unter freiem Himmel | Credit: iStock.com/Yuricazac

Aesthetics & Cores: Ein großes Spektrum an Möglichkeiten

Die Vielfalt der Trends, häufig „cores“ oder „aesthetics“ genannt, kennt dabei keine Grenzen. Angelcore, Art Hoe, Baddie, Barbiecore, Cottagecore, Girl-Next-Door, Grandparentcore, Italian Mafia, Kawaii, Lovecore, Mommy's on-the-phonecore, Nerdcore, Plant Mom oder Vacation Dadcore – kaum eine Vorliebe oder Leidenschaft wird ausgelassen. Das Aesthetics Wiki – die ultimative Quelle für jeden, der sich näher mit diesen Phänomenen auseinandersetzen möchte – verzeichnet bereits hunderte Ästhetiken, darunter zahlreiche Micro-Genres, also Nischen-Ästhetiken, die sehr stark spezialisiert sind. Auch „alte“ Subkulturen, wie Grunge oder Goth, sind hier vertreten, die sich aufgrund der weitreichenden Digitalisierung ebenfalls weiterentwickelten und ausdifferenzierten.

Auslöser bzw. Inspirationsquelle für eine Mode-Ästhetik kann grundsätzlich alles sein. Serien und Filme können zu deren Entwicklung animieren, so entstand z.B. die Slytherin Ästhetik aufgrund der mehrteiligen „Harry Potter“-Verfilmung. Die Regency Ästhetik bzw. Royalcore (und Subkategorien wie z.B. Princesscore und Kingcore) wurde wesentlich von der Netflix-Serie „Bridgerton“ aber auch von sämtlichen Jane Austen-Adaptionen oder anderen Historienfilmen beeinflusst. Auch Jahrzehnte und gewisse Zeiträume können Ausgangspunkt für einen neuen Trend sein sowie Länder und Städte – Stichwort: French Girl. Selbstredend sind auch Stars tonangebend, so sind Dua Lipa und Billie Eilish beispielsweise der Inbegriff des E-Girls. Hier stellen wir Ihnen nun einige Mode-Ästhetiken etwas genauer vor:

Dark Academia

Lange Abende in der Bibliothek, versunken in einem alten Klassiker oder in der Studienlektüre, am besten bei Kerzenschein. Vertreter der Dark Academia Aesthetic romantisieren das Studieren (vor allem in historischen Universitätsgemäuern) und heben den Stellenwert von Bildung hervor. Gekleidet in den Farben des herbstlichen Blätterwaldes, beispielsweise in Rollkragenpullovern, Sweater Vests, Trenchcoats, Blusen, Röcken, wollenen Anzughosen oder Tweed-Blazern (bitte mit Ellbogen-Patches!) verbringen Anhänger dieser digitalen Subkultur viel Zeit mit klassischen Werken oder atmosphärischen Filmen und Serien. Zur Stimmung dieser Stilrichtung passen beispielsweise die Filme „Dead Poets Society“ und „Kill Your Darlings“ oder Serien wie „Sherlock“, „The Alienist“ und „The Queen’s Gambit“.

Wie der Name bereits vermuten lässt, hat diese Ästhetik jedoch auch ihre Schattenseiten – so wird nicht nur das Lernen bis spät in die Nacht glorifiziert, sondern auch ein generell ungesunder Lebensstil, der wenig Schlaf und mitunter Substanzmissbrauch beinhaltet. Hat der Trend durch COVID-19 und die damit verbundene Schließung der Hochschulen sicherlich neuen Auftrieb erhalten, so existiert er schon seit längerer Zeit und entstand unter anderem auf der Blogging-Plattform Tumblr. Weitere Subkategorien sind z.B. Light Academia, Art Academia oder Romantic Academia.

Cottagecore

Im einfachen, ländlichen bzw. landwirtschaftlichen Leben – oder zumindest in der Illusion davon – liegt der Reiz für Vertreter des Cottagecore. Diese Gruppe träumt davon, fernab der Stadt zu leben, z.B. in einem Cottage mitten im Grünen. Eigenes Brot backen, feminine Kleidung, Abstand von dem Überangebot an Technik und eine Verbundenheit mit der Natur und Tieren – dies sind nur einige der vielen Attribute und Vorlieben, die Cottagecore-Anhängern zugeschrieben werden. Die Kleidung ist in der Regel in sanften Farben wie Weiß, Hellgelb, Zartgrün oder Pastellrosa gehalten - Blümchenmuster und lange Kleider mit Puffärmeln, Karree-Kragen und ausgestelltem Rock sind typisch.

Y2K-Style

Für viele als Zeitalter der Modesünden verschrien, feiert die Jahrtausendwende sein Comeback: enge Tops, Hüfthosen, Strasssteine, Metallic, Glitzergürtel, Haarschmuck in Form von Clips und Haarreifen, Baguette Bags und „Juicy Couture“ – die Menschheit war euphorisch und fieberte mit großen Erwartungen einem neuen Erdzeitalter entgegen. Ebenso ekstatisch war die damalige Mode. Filme, wie „The Matrix“, „Zoolander“, „Fight Club“ oder „Donnie Darko“ bringen den damaligen Zeitgeist prima auf den Punkt.

Barbiecore

Pink, Glitzer, Plastik – Personen, die sich dem Barbiecore zugehörig fühlen, lieben die blonde Puppe von Mattel und sehen in ihr ein Stil- und Lifestyle-Vorbild. Hüfthosen, Crop-Tops, Mini- oder Tennisröcke, High Heels, Boots, Artikel aus Plüsch und Faux Fur sind beliebte Kleidungsstücke. Zu den Stars, die diesem Trend entsprechen, zählen z.B. Britney Spears, Paris Hilton oder Gwen Stefani. Die Bubblegum Bitch Ästhetik ist mit dem Barbiecore verwandt und orientiert sich z.B. eher an den „Bratz Dolls“.

Soft Girl

Weich, kuschelig und äußerst feminin: So lässt sich der Kleidungsstil des Soft Girls beschreiben. Der Softcore ist dem Barbiecore sehr ähnlich, auch hier werden Pastellfarben und weibliche, figurbetonte Schnitte bevorzugt, es lassen sich auch zahlreiche Einflüsse der Y2K-Fashion erkennen. Dennoch wird großer Wert auf Gemütlichkeit gelegt. Klobige Sneaker, Jeans mit weitem Bein und kurze Cardigans, Falten- oder Tennisröcke, romantisches Blumenmuster – und schon sind Sie dabei!

E-Girl

Dua Lipa oder Billy Eilish machen es vor: Bunt gefärbte Haare oder Haarsträhnen in Kombi mit exzentrischem und auffälligem Styling. Um E-Girls gibt es derzeit einen wahren Hype! Das E-Girl oder Electronic Girl hat eine Vorliebe für Mangas und spielt gerne Computerspiele. Hinsichtlich Fashion werden in der E-Girl Aesthetic sowohl Goth, Grunge, Emo als auch Anime und weitere Subkategorien miteinander vermischt, Cosplay ist meist ein Hobby der Vertreter dieser Gruppe. Fake-Sommersprossen, viel Rouge und Lippenstift, aufgemalte Symbole im Gesicht (z.B. Herzen) und die Nachahmung des „Ahegao Face“ (= ein Gesichtsausdruck in japanischen Anime/Mangas, der häufig im pornografischen Kontext eingesetzt wird) werden mit dieser Mode-Ästhetik in Verbindung gebracht.

Frau mit wehenden Haaren in den Straßen einer Stadt | Credit: iStock.com/Garetsworkshop

Zur Autorin

Schreiben - die große Leidenschaft von Passion Author Patricia Kornfeld. Insbesonders für Mode begeistert sich die gebürtige Niederösterreicherin. Für www.weekend.at spürt sie aktuellen Trends nach.

Autor: Patricia Kornfeld, 23.08.2021