Was steckt hinter "Dekonstruktion"?

Ein T-Shirt hat zwei Ärmel, eine Hose zwei Hosenbeine. Beide Seiten des Kleidungsstücks sehen gleich aus, die linke wie auch die rechte Seite sind hinsichtlich Farbe, Schnitt und Material identisch. Was logisch klingt, wird von der Dekonstruktion völlig auf den Kopf gestellt: Diese Modebewegung spielt nach ihren eigenen Regeln und richtet ihre Aufmerksamkeit weder auf Symmetrie noch Körperform. Im Fokus steht die Kleidung als Kunstobjekt. Die angemessene Verhüllung einzelner Körperpartien sowie Funktionalität spielen eine untergeordnete Rolle. Der Körper fungiert hier als Hilfsmittel, um die Textilien ins rechte Licht zu rücken und die ungewöhnlichen Schnitte bestmöglich zu präsentieren. Die Individualität und Persönlichkeit des jeweiligen Trägers hervorzukehren ist das zentrale Anliegen der Stilrichtung.

Neues Regelwerk

Knöpfe, Nähte und Kragen befinden sich in der Dekonstruktion nicht immer an Ort und Stelle. Wo ein Arm von Stoff bedeckt wird, bleibt der andere womöglich nackt; wo sich sonst glatte Säume und versäuberte Nahtkanten befinden, franst der Stoff aus, hängen Fäden lose hinab oder werden sichtbare Nähte vorgefunden. Widersetzt sich die Dekonstruktion damit auch der gängigen Schneiderpraxis, so ist all dies durchaus gewollt und soll mitunter den handwerklichen Produktionsprozess des Kleidungsstücks vor den Vorhang holen. Somit fallen jene Entwürfe beispielsweise durch große Löcher mitten im Stoff, versetzte Kragen, sichtbares Innenfutter, offene Kanten, die Verwendung unterschiedlicher Materialien und Stoffreste, geometrische Formen oder auffällige Stoffmarkierungen auf.

"Unfertiges" Design

Symmetrie und Regelwerk sind für diese Modebewegung eher Fremdworte als Richtschnur - ein provisorisches, „unfertiges“ Design und die absichtliche Deformation, die die Körperproportionen meist nicht berücksichtigt, gelten als Markenzeichen dekonstruierter Kleidungsstücke. Dank der Dekonstruktion gelingt eine Horizonterweiterung und ein kreatives Entdecken dessen, was Kleidung ist und was sie sein kann. Die Mode wird zum Spielball des Designers. Gewöhnliche Komponente wie Hosenbeine, Ärmel, Ausschnitte und Verschlüsse werden umfunktioniert und alternativ zusammengesetzt. Sie haben beispielsweise nicht mehr ausschließlich die Aufgabe, Arme und Beine zu bedecken oder für ein symmetrisches Äußeres zu sorgen, sondern werden in ein künstlerisches Konstrukt eingegliedert, in dem ihnen eine neue, tragende Rolle zukommt.

Model in einem Modell von Shin Mikage | Credit: Yuki Iwamura/AFP/picturedesk.com

Wurzeln der Dekonstruktion

Schon oft widersetzten sich Modeschöpfer dem Status Quo und brachten mit ihren Designs Moderevolutionen ins Rollen, die der Fashion-Industrie den nötigen Schwung und Abwechslung bescherten. So sorgte etwa der Minirock von Mary Quant in den 1960er-Jahren für großes Aufsehen und entbrannte hitzige Debatten um Anstand und Etikette. Die Dekonstruktion in der Modewelt blühte in den 1980ern förmlich auf – der Wunsch nach Unkonventionalität und dem Hinterfragen der Kleiderordnung (vor allem der westlichen Mode) stieg. Nicht selten hatten jene Kreationen eine futuristische Ausstrahlung oder ahmten skulpturale, architektonische Silhouetten nach, was unter anderem durch die Verwendung fester, voluminöser Stoffe und der Drapage (einer Möglichkeit, Kleidungsstücke zu entwickeln und Körper durch die bewusste Manipulation des Stoffs, z.B. durch Faltenwurf, Stecken oder Verdrehen einzukleiden) gelingt. Die Drapage gilt auch als wesentliche Inspiration für die Dekonstruktion.

Architektur als Impulsgeber

Bekannt ist diese Stilbewegung abgesehen davon vor allem in der Architektur: So wie es Kleidung gibt, die sich den gängigen Regeln und Schneidertechniken mit Absicht widersetzt und sich durch offensichtliche Andersartigkeit ins Rampenlicht rückt, existieren auch Gebäude, die aus dem Einheitsbrei aus Ziegeln, Putz, rechten Winkeln und viereckigen Fenstern hervorstechen (darunter das Tanzende Haus in Prag oder das Guggenheim-Museum in Bilbao).

Model in einem Modell von Issey Miyake | Credit: Anthea Simms/Camera Press/picturedesk.com

Vertreter der Dekonstruktion

Der Modestil erhielt durch viele Designer den letzten Feinschliff und überzeugt bis heute durch großen Facettenreichtum. Wesentlich vorangetrieben wurde die Dekonstruktion durch ihre ersten Vertreter – die japanischen Designer Issey Miyake und Rei Kawakubo (Comme des Garçons), Yōji Yamamoto, später auch Martin Margiela und die „Antwerp Six“ – die Designer Dries Van Noten, Ann Demeulemeester, Dirk Bikkembergs, Walter Van Beirendonck, Dirk Van Saene und Marina Yee. Vor allem Margiela ist für seine dekonstruierten Designs bekannt. Kürzlich sorgte etwa der Tabi-Schuh für Furore. Dieses Schuhwerk, das ursprünglich in Japan als Arbeitsschuh diente, verschmilzt bei Martin Margiela mit modernen, markanten Formen – Tabis von Margiela sind beispielsweise als Canvas-Sneaker oder Slingback-Pumps erhältlich. Dekonstruierte Styles lassen (bzw. ließen) sich zum Teil auch bei Jaquemus, Balenciaga, Alexander McQueen oder Lanvin finden.

Dekonstruktion "made in Austria"

In letzter Zeit schließen sich auch immer mehr Jungdesigner dieser Stilrichtung an, die mit ihren Entwürfen nicht selten für hochgezogene Augenbrauen sorgen. Hierzu zählt unter anderem Christina Seewald: Die österreichische Designerin möchte mit ihrer unkonventionellen Strickware vor allem „mutige, selbstbewusste Frauen“ ansprechen, kreiert aber auch Unisex-Mode. In ihren Kreationen spielt sie mitunter auf soziale Konflikte an, mit denen Frauen tagtäglich konfrontiert sind. Die Schwierigkeit, in der Öffentlichkeit zu urinieren – für das männliche Geschlecht keinesfalls unüblich – fällt für Seewald ebenso darunter. Aus diesem Grund ist in manchen ihrer Kleider eine sogenannte „Shewee“ eingebaut – dies ist ein Trichter, der es Frauen erlaubt, sich auch im Stehen zu erleichtern. Die Form dieses Hilfsmittels wird beispielsweise auch in der Form der Ärmel einiger Teile aufgegriffen. Einzigartige Silhouetten mit Wiedererkennungswert zeichnen die Stücke von Seewald aus - Knopfleisten, die nicht akkurat schließen, die Kombination aus transparenten und blickdichten Stoffteilen oder überlange Ärmel sind für das 2019 gegründete Label typisch. Auch via Instagram lassen sich zahlreiche Kreative finden, so zum Beispiel Christian Brand mit seinem Project 1 (Instagram: @project1.official).

Model in Kreation von Christina Seewald | Credit: Thomas Lech/picturedesk.com

Dekonstruktion für Anfänger

Haben Sie nun Lust auf dekonstruierte Outfits bekommen? Es muss ja nicht sofort ein abgerissener Ärmel oder ein halbtransparentes Top sein. Wie wäre es stattdessen mit einem Blazer, der aus zwei verschiedenen Hälften besteht oder einer Hose, die zwei unterschiedlich designte Hosenbeine hat? Auch asymmetrische Tops, Patchwork-Designs oder Kleidungsstücke mit ausgefransten Säumen und sichtbaren Nähten geben tolle Looks für Einsteiger ab.

Zur Autorin

Schreiben - die große Leidenschaft von Passion Author Patricia Kornfeld. Insbesonders für Mode begeistert sich die gebürtige Niederösterreicherin. Für www.weekend.at spürt sie aktuellen Trends nach.

Autor: Patricia Kornfeld, 03.09.2021