Verlorene Generation? Psychologin Barbara Juen im Interview

Die verschärften Hygiene- und Verhaltensmaßnahmen, aber auch Zukunftsängste verlangen jungen Tirolern viel ab. Können Sie das unterschreiben?

Allerdings. Die Studie „Junge Menschen und Covid“*, an der 900 Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 15 und 35 Jahren teilnehmen, belegt: Jugendliche leiden am Stärksten unter den Folgen der Krise, mehr noch als ältere Menschen.

Worin sehen Sie die Gründe?  

Ältere Menschen mit Lebenserfahrung tun sich mit der Bewältigung von Krisen leichter als Jugendliche. Diese haben schon Hochwasser, Lawinen o.ä. erlebt und wissen, dass Krisen überwunden werden können und auch ein Ende haben. Hinzu kommt der soziale Aspekt: Die Isolation sorgt bei jungen Menschen viel stärker für ein Gefühl der Einsamkeit – und sie leiden auch darunter.

Mit welchen Folgen für die Jugendlichen?               

Wichtig ist es, genau hin zu schauen. Ein großer Teil kommt mit der Situation zurecht, aber es bleiben auch junge Menschen auf der Strecke – nicht ohne Grund sind die Jugendpsychiatrien aktuell mehr als überfüllt. Die aktuelle Situation bringt die Schwächen der Gesellschaft zum Ausdruck: sozial benachteiligte Kinder und jene, die vom Elternhaus nicht unterstützt werden können, leiden am meisten. Wir rechnen z.B. mit einem starken Anstieg an Schulabbrechern.

Viele bezeichnen unsere Jugend ja bereits als „Lost Generation“.           

Im Schulsystem geht es darum, den Stoff in einer bestimmten Zeit zu vermitteln – und das klappt aktuell nicht. Dabei sollte es eigentlich darum gehen, Kompetenzen zu erlernen. Und hier haben die Jugendlichen ganz viel geschafft – und dennoch wird gesagt, dass das Zeugnis oder die Matura nichts wert sind. Ich verstehe schon, dass Jugendlich da sauer sind. Vor allem, weil sie auch nicht gehört werden und einfach in Schubladen gesteckt werden.

Wie sehen die jungen Menschen die Situation aktuell?           

Zunächst einmal: sie sind viel maßnahmentreuer als man es darstellt, auch wenn langsam der Wille dazu sinkt. Die Sorge um andere und die Ansteckungsgefahr sind sehr präsent. Die Emotionen haben sich aber gewandelt, von Angst im ersten Lockdown hin zu Machtlosigkeit, Besorgnis und auch Zorn. Besorgniserregend ist, dass ein sehr großer Prozentsatz den Medien, aber auch den Behörden nicht mehr vertraut: 20 Prozent tendieren zu Verschwörungstheorien. Die Krisenkommunikation erreicht die Jugendlichen nicht, wie man es z.B. über Social Media oder Influencer schaffen könnte. Leider wurde noch nicht verstanden, dass man genau diese Gruppe zu Wort kommen lassen muss, um sie zu erreichen.

Was wünschen Sie sich konkret?             

Die Älteren haben eher Angst vor gesundheitlichen Folgen, die Jungen vor ihrer Zukunft und was mit der Wirtschaft passiert. Sie hatten schon vorher höhere Stresswerte, weil sie das Gefühl hatten, die ältere Generation würde ihre Zukunft zerstören, Stichwort Klimakrise. Diese Ängste müssen wir ernst nehmen. Gerade auch nach der Krise wird die Kinder- und Jugend-Psychotheraphie enorm gefordert sein – hier müssen Ressourcen geschaffen werden. Sozial schwache Familien müssen mehr unterstützt werden. Die Krisenkommunikation sollte zudem so erfolgen, dass auch die Jugend sich gehört fühlt. Und die Schulen sollten Kompetenzen bewerten. Dabei darf man auch nicht die Lehrkräfte vergessen – die aktuelle Situation ist aufwendig. Und eines sollte klar sein: Die Isolation als Hauptbelastung kann die Entwicklung beeinträchtigen und nur begrenzt verkraftet werden.

Autor: Alexandra Nagiller, 23.02.2021