Lehrstelle wechseln oder durchhalten?
Der Beruf ist ganz anders als erwartet, im Betrieb gibt es ständig Ärger oder schon am Sonntagabend ist die Stimmung im Keller: Wenn es in der Lehre nicht rundläuft, stellt sich irgendwann die Frage, ob Durchhalten noch sinnvoll ist. Eine schnelle Antwort gibt es nicht. Entscheidend ist zuerst herauszufinden, wo das eigentliche Problem liegt – im Beruf, im Betrieb oder in einer vorübergehend schwierigen Phase.
Ursache klären
Nicht jede Krise bedeutet, dass die gewählte Lehre grundsätzlich falsch ist. Andrea Fechter, fachliche Leiterin der Integrationsfachdienste bei der Volkshilfe Arbeitswelt und Vorstandsmitglied von dabei-austria, rät deshalb dazu, genau zu unterscheiden: Passt der Lehrberuf selbst nicht zu den eigenen Interessen und Fähigkeiten oder entstehen die Probleme vor allem durch Konflikte im Betrieb?
Ist die Ausbildungsrichtung grundsätzlich die richtige, können Gespräche mit Ausbildnern, Vertrauenspersonen oder externen Beratungsstellen helfen. Liegt die Unzufriedenheit dagegen am Beruf selbst, kann eine Neuorientierung sinnvoller sein, als sich jahrelang durch eine Ausbildung zu kämpfen, die langfristig nicht passt.
Warnsignale
Auch die psychische Belastung spielt eine Rolle. Andrea Stoick, Geschäftsführerin der Psychosozialen Zentren gGmbH und ebenfalls Vorstandsmitglied bei dabei-austria, warnt vor zwei Extremen: einerseits bei jedem Konflikt sofort aufzugeben, andererseits trotz massiver Belastung um jeden Preis durchzuhalten.
Ernst nehmen sollte man Veränderungen, die über normalen Frust hinausgehen. Dazu zählen etwa anhaltende Niedergeschlagenheit, sozialer Rückzug, Schlaf- und Konzentrationsprobleme, starke Zukunftsängste, körperliche Beschwerden oder ein deutlicher Leistungsabfall. Halten solche Probleme an, ist professionelle Unterstützung sinnvoll.
Der Wunsch nach Neuorientierung sollte keinesfalls als Scheitern interpretiert werden, sondern als Teil des individuellen Entwicklungsprozesses.
Wechseln oder bleiben?
Wer den Lehrberuf eigentlich mag, aber mit dem Betrieb nicht zurechtkommt, muss nicht automatisch die gesamte Ausbildung aufgeben. Eine Möglichkeit ist, dieselbe Lehre in einem anderen Unternehmen fortzusetzen. Anders sieht es aus, wenn sich herausstellt, dass der Beruf selbst nicht zu den eigenen Vorstellungen, Interessen oder Fähigkeiten passt. Dann kann auch ein Wechsel in einen anderen Lehrberuf der richtige Schritt sein.
Wichtig ist, nicht erst zu handeln, wenn die Situation völlig eskaliert. Probleme werden oft lange verschwiegen – aus Angst, andere zu enttäuschen oder als „Aufgeber“ zu gelten. Gerade dadurch können Konflikte aber größer werden. Frühzeitig mit Eltern, Vertrauenspersonen oder einer Beratungsstelle zu sprechen, schafft meist mehr Möglichkeiten.
Was rechtlich gilt
Ein Lehrvertrag ist kein gewöhnlicher Arbeitsvertrag, den man einfach kündigen kann. Für seine vorzeitige Beendigung gelten besondere Regeln. Während der ersten drei Monate kann das Lehrverhältnis von beiden Seiten schriftlich und ohne Angabe von Gründen gelöst werden. Danach kommen unter anderem eine einvernehmliche Auflösung oder gesetzlich festgelegte Gründe für einen vorzeitigen Austritt infrage.
Bei einer einvernehmlichen Auflösung nach der Probezeit muss der Lehrling zuvor über die rechtlichen Folgen informiert werden. Diese Belehrung erfolgt etwa bei der Arbeiterkammer oder beim Arbeits- und Sozialgericht. Minderjährige benötigen in bestimmten Fällen außerdem die Zustimmung ihrer gesetzlichen Vertretung. Die Details zur Beendigung eines Lehrverhältnisses erklären die Arbeiterkammer und die Wirtschaftskammer Österreich.
Wer innerhalb desselben oder eines verwandten Lehrberufs den Ausbildungsbetrieb wechselt, beginnt zudem nicht automatisch wieder bei null. Bereits absolvierte Lehrzeiten sind unter bestimmten Voraussetzungen anzurechnen. Informationen dazu bietet die Wirtschaftskammer.
5 Punkte zum Wechsel
- Nicht einfach fernbleiben: Ein Lehrverhältnis muss rechtlich korrekt beendet werden.
- Probezeit beachten: In den ersten drei Monaten gelten einfachere Regeln für die Auflösung.
- Nichts vorschnell unterschreiben: Vor einer einvernehmlichen Auflösung beraten lassen.
- Lehrzeit prüfen: Bei einem Wechsel können bereits absolvierte Zeiten angerechnet werden.
- Neue Stelle suchen: Wer den Beruf behalten möchte, kann die Lehre in einem anderen Betrieb fortsetzen.
Neu orientieren
Wenn nicht nur der Betrieb, sondern die gesamte Berufswahl infrage steht, kann eine professionelle Neuorientierung helfen. Simon Kainak ist Fachbereichsbeirat für Jugendcoaching bei dabei-austria. Im Interview erklärt er, wann Jugendcoaching sinnvoll ist und wie Jugendliche einen neuen Berufsweg ausprobieren können.
Wann ist ein Lehrstellenwechsel sinnvoll und wann sollte man eher durchhalten?
Simon Kainak: Bei Problemen in einer regulären Lehre gibt es Anlaufstellen wie „Lehre statt Leere“. Das Jugendcoaching ist vor allem dann geeignet, wenn Jugendliche sich grundsätzlich neu orientieren möchten. Bei integrativen Lehrausbildungen ist die Berufsausbildungsassistenz eine wichtige Anlaufstelle.
Wie hilft das Jugendcoaching bei einer Neuorientierung?
Simon Kainak: Im Jugendcoaching können Berufsinteressen abgeklärt und mögliche weitere Ausbildungswege erarbeitet werden. Praktika und Berufserprobungen helfen dabei, einen Wunschberuf in der Praxis kennenzulernen und die eigenen Vorstellungen mit der Realität abzugleichen.
Wie groß ist der Bedarf an solcher Beratung?
Simon Kainak: Österreichweit wurden 2025 knapp 67.000 Jugendliche im Jugendcoaching beraten. Viele befinden sich am Übergang zwischen Schule und Beruf und sind unsicher, welcher Ausbildungsweg für sie der richtige ist. Hinter diesen Fragen können aber auch persönliche oder soziale Probleme stehen.
Ein Wechsel muss damit nicht bedeuten, die bisherige Zeit wegzuwerfen. Im Gegenteil: Zu erkennen, welcher Beruf oder welches Arbeitsumfeld nicht passt, kann eine wichtige Erfahrung für die nächste Entscheidung sein. Entscheidend ist, nicht nur von einer schwierigen Situation wegzuwollen, sondern zu klären, wohin der nächste Schritt führen soll.
Hilfe holen
Niemand muss eine solche Entscheidung allein treffen. Je nachdem, ob es um Konflikte im Betrieb, eine neue Berufswahl, rechtliche Fragen oder die Suche nach einer anderen Lehrstelle geht, gibt es unterschiedliche Anlaufstellen. Beratung kann auch sinnvoll sein, bevor überhaupt feststeht, ob ein Wechsel notwendig ist.
Wer hilft wann?
- Probleme in der laufenden Lehre: Lehre statt Leere bietet kostenloses und vertrauliches Coaching für Lehrlinge in ganz Österreich.
- Berufliche Neuorientierung: Das NEBA-Jugendcoaching unterstützt Jugendliche dabei, Fähigkeiten, Interessen und mögliche Ausbildungswege abzuklären.
- Rechtliche Fragen: Die Arbeiterkammer informiert über Lehrvertrag, Rechte und die Beendigung eines Lehrverhältnisses.
- Neue Lehrstelle suchen: Offene Stellen gibt es über die Lehrstellensuche des AMS.
Ob am Ende Durchhalten, ein neuer Betrieb oder ein völlig anderer Beruf die beste Lösung ist, hängt von der individuellen Situation ab. Wichtig ist vor allem, Probleme nicht monatelang mit sich allein auszumachen. Je früher klar ist, was eigentlich schiefläuft, desto größer ist die Chance, einen Weg zu finden, der wirklich passt.