Marie wanted! Wie man Englischstunden heil übersteht

5 years ago

Ich war in Englisch immer gut. In der Oberstufe sogar eine der besten. Das Problem, wenn man es so nennen will, war nur, dass ich ziemlich faul war. "Lernfaul", wie meine Mama immer so schön sagte. Ganz selten konnte ich mich dazu aufraffen, Hausaufgaben zu machen oder für anstehende Tests zu lernen. Vor allem in den letzten zwei Jahren meiner schulischen Laufbahn hatte ich einfach nicht mehr das Bedürfnis, die volle Punktzahl bei einer Prüfung zu erreichen und generell gehöre ich nicht zu den Menschen, die sich stundenlang 100 Prozent auf ein Thema konzentrieren können. "Props" (oder deutsch: Respekt) deshalb an all die Studenten da draußen, die sich vor großen Prüfungen die ganze Nacht mit Kaffee und Red Bull (keine Schleichwerbung!) wachhalten und sich mit diversen, komplizierten Skripten herumschlagen.

"Good morning ladies and gentleman!" - "Good morning Miss English teacher!"

Okay. Zurück zu meiner Story. Die Englischstunde war bereits 15 Minuten alt, also wiegte ich mich innerlich in Sicherheit. Miss Potter (ja genau, Harry Potters Mum!) hatte die kleine mündliche Zwischenprüfung der letzten fünf Vokabelseiten wirklich vergessen. Haha, etsch betsch an alle Streber, die sich bei dem schönen Wetter umsonst hingesetzt haben. ICH hatte den richtigen Riecher und bin stattdessen gestern Nachmittag noch reiten gewesen. "You clever girl, you!", dachte ich gerade, als mich mein Sitznachbar mit dem Ellenbogen anstieß und mich darauf hinwies, auch mit anzupacken. Was machten die Idioten? Fast jeder war damit beschäftigt, seinen Tisch an die Wand zu schieben und einige hatten sogar schon angefangen einen Sesselkreis zu bilden. Ich sollte meine Tagträume definitiv reduzieren.

Vokabeln in 3 … 2 … 1 …

Shit, das hieße ja, Vokabelrunde! Ahhhh! Lauf, Forrest, Laaaaauuuuuuf!!! Aber es war schon zu spät. Ich war schon mitten drin. Mitten drin im Vokabel-Gefängnis. Alle warteten auf mich, als ich meinen Sessel in die letzte offene Lücke des Kreises schob. Verdammt! Ich hasste Sesselkreise. Immer schon! Ich hasste die Tatsache, dass alle einen anstarrten, wenn man an der Reihe war. Schon alleine deswegen, weil es die Form des Kreises gar nicht anders zuließ. Gerade an diesem Tag hatte ich kein Make-up aufgelegt. Und Make-up war in diesen Fällen so verdammt wichtig für mich, weil man mir meine Nervosität sofort an meinem Gesicht ansieht. Es wird dann tomatenrot. Innerhalb von Sekunden. Wieso muss mir sowas immer passieren? Jetzt hatte ich auch nicht mehr die Möglichkeit meine "Maske" aufzusetzen. Haha. Mann oh Mann. Stellt euch vor, ich frage kurz vor Beginn der Vokabelrunde, ob ich noch schnell auf die Toilette gehen kann und komm' dann komplett geschminkt wieder zurück. Die Leute würden sich denken, ich bin nicht mehr ganz lupenrein.

Ruhe bewahren

Nun gut. Ich dachte, ich bin eine der besten hier in der Runde, ich werde schon irgendwie improvisieren können. Aber liebe Leute … wenn ich eins über die Jahre gelernt habe, dann, dass Disziplin und Arbeit irgendwann Talent überholen. Und dieser Tag kommt früher als man denkt. Meiner war heute. Nachdem die ersten drei Kollegen ihr Können bewiesen hatten, dachte ich nur noch "Na, Gute Nacht." Die schmissen mit Vokabeln um sich, die ich in meinem ganzen Leben noch nie zuvor gehört hatte. Ich war nervös. Scheiß nervös sogar! Gab es irgendeine Möglichkeit davon zu kommen? Mich vor den entgeisterten Blicken meiner 20 Klassenkollegen zu schützen? Vielleicht konnte ich irgendwie unbemerkt durch den offenen Teil der Sessellehne verschwinden. Genau. Mit über 70 Kilo. Ich würde stecken bleiben und dann wären mir neugierige Blicke erst recht sicher.

Tick, Tack, Tick, Tack

Ich schaute auf die Uhr. Kurz vor 9:00 Uhr. Die Stunde ging bis 9:10 Uhr. Es waren noch drei Mädchen vor mir dran und dann sollte ich kommen. Das könnte sich ausgehen … das könnte sich wirklich ausgehen! … Mist, das geht sich nicht mehr aus. Hermine hatte gelernt, das Luder! Und beantwortete alle gefragten Vokabeln weit schneller, als sie meiner Berechnung nach sollte.

Showtime!

"Tschuldigung, darf ich ganz kurz aufs Klo?" … Yes, Sir! Ich war draußen. Ich hatte es geschafft! Mein Plan war, solange auf der Toilette zu bleiben bis die Stunde um war. Es handelte sich nur noch um ein paar Minuten, und dann sollte der Spuk vorbei sein. Genial oder? Ich stand vorm Spiegel in der Mädchentoilette und war wieder mal völlig beeindruckt von mir selbst. In wenigen Minuten würde es zur Pause läuten und ich könnte wieder ganz entspannt in meine Klasse zurückkehren, ohne vorher meinen hochroten Kopf zehn Minuten zum Kühlen aus dem Fenster zu hängen. Doch irgendwie verging die Zeit am Klo nicht. Waren es doch noch ein paar mehr Minuten gewesen? Ich konnte mich nicht mehr genau daran erinnern.

Im Erdgeschoss hatte die Schule zwei Räume voll mit Computern, die eigentlich für Lernzwecke (*Augen zwinker*) genutzt werden sollten. Meine Freundinnen und ich surften aber meistens in den Freistunden dort im Internet, und so beschloss ich, in einen dieser Räume zu gehen und mir die letzten Minuten mit Facebook und Co zu versüßen. Wenn ich ehrlich bin, war die Aktion schon ein bisschen riskant. Hätte ja sein können, dass irgendwer aus meiner Klasse heraus spaziert und mich bemerkt. Hätte auch sein können, dass einer meiner Klassenvorstände, die ja wissen, dass ich gerade Englisch habe, mit einer anderen Klasse die Computer benützt und ja - dann wäre die Peinlichkeit perfekt gewesen. Aber ich hatte Glück. Zwischenzeitlich plagte mich zwar mein schlechtes Gewissen, aber das hielt nicht recht lange an.

Marie wanted

Endliiiich! Noch nie zuvor war ich so erleichtert das Läuten der Schulglocke zu hören. Nachdem ich einen Augenblick gewartet hatte, fuhr ich den PC runter und stapfte die Stiege hoch in die Klasse. Oh Gott. Oh lieber Gott im Himmel! Als ich dort ankam, war kein Mensch zu sehen. Mutterseelenallein stand ich da. Blöden Blickes schaute ich auf die Tafel. Mit Kreide stand in Großbuchstaben darauf geschrieben. "Marie", "Marie Wanted", "Wir suchen Marie!", "Marie wo bist du?", "Bei Hinweisen bitte melden". Anscheinend war ich doch wesentlich länger weg gewesen, als ein normaler Klobesuch dauert. Meine werten Klassenkollegen hatten sich echte Sorgen gemacht, und alle waren wie die Bienen ausgeschwirrt, um mich im ganzen Schulhaus zu suchen. Inklusive meiner Lehrerin, Miss Potter. Oh ja. Peinlich und süß zugleich, nicht wahr?

Happy End

Als nach einer Weile die Ersten (die Nichtraucher) wieder in die Klasse kamen, begrüßten mich alle erleichtert und fragten, wo ich denn so lange geblieben wäre. Die Wahrheit konnte ich natürlich nur meinen engsten Vertrauten beichten, und so erzählte ich allen anderen, dass ich die Pause zuvor einfach zu viel gegessen hätte, und mehr brauchte es nicht. Sie kannten sich aus. Als ich dann noch zum Abschluss Miss Potter versicherte, mir ginge es gut, und es wäre nicht nötig, nach Hause zu fahren, war die Sache endgültig geritzt. So peinlich die Situation hätte werden können, so glimpflich ist sie für mich ausgegangen. Leute, manchmal habe ich wirklich mehr Glück als ich verdiene. In diesem Sinne, seit immer vorbereitet oder kommt erst gar nicht in die Schule!

Unter dem Pseudonym "Marie" schreibt die Weekend-Bloggerin über amouröse Abenteuer und alles, was das Leben sinnlich, schön und reizvoll macht.

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Autor: Marie Unzensiert, 13.07.2017