Therians in Österreich: Wenn die Schule zum Zoo wird
- Therians: Gefährliche Spielerei
- Der Feed als „Rudelführer“
- Braucht es Verbote?
- Therians: Die neuen Punks
Es ist eine jener Nachrichten, die man fassungslos zweimal liest: Eine österreichische Schule informiert in einem Elternbrief darüber, dass Kinder mit Tiermasken und Schwänzen zum Unterricht kommen, sich in den Pausen auf allen vieren über den Gang bewegen und durch Knurren und Fauchen miteinander kommunizieren. „Therians“ nennen sich die Teenager, die sich mit einem bestimmten Tier identifizieren und das durch entsprechende Accessoires und Verhaltensweisen zum Ausdruck bringen. Es soll sogar so weit gehen, dass in der Pause statt der Jausenbox wie selbstverständlich der Fressnapf aus der Schultasche geholt wird.
Therians: Gefährliche Spielerei
Der Blick über den Einzelfall hinaus führt schnell in die digitale Welt. Unter dem Hashtag #therian sammeln sich auf TikTok Tausende Beiträge, die Feeds sind voll mit sogenannten „Quadrobics“-Videos, in denen tierische Bewegungen beeindruckend echt nachgeahmt werden. In Chatgruppen tauscht man sich fleißig aus: Wie man „Spielgefährten“ findet, oder den Eltern möglichst schonend von der tierischen Identität erzählt. Vieles wirkt auf den ersten Blick harmlos. Wer aber tiefer in die Foren eintaucht, stößt auf Inhalte, die bei Jugendpsychologen die Alarmglocken schrillen lassen. Plötzlich ist davon die Rede, die Verhaltensweisen der Tiere übernehmen zu wollen und sich im Zoo Anregungen zu holen. Kinder berichten, das Gefühl zu haben, Flügel, Schwänze oder tierische Instinkte wahrzunehmen. Im Fachjargon wird das „Phantom-Shift“ genannt.
Der Feed als „Rudelführer“
Neu ist die Therians-Bewegung übrigens nicht. Die Ursprünge der Community reichen bis in die 1990er-Jahre zurück. Schon damals diskutierten Nutzer in Internetforen über das Gefühl, sich nicht vollständig menschlich zu erleben. TikTok machte daraus ein internationales Phänomen mit steigender Fangemeinde. Der Algorithmus liebt es eben, ungewöhnliche Videos viral zu verbreiten. Und genau hierin sieht auch Psychologe Matthias Schmidinger die größte Gefahrenquelle: „Wer sich für Tiermasken interessiert, bekommt bald immer mehr und extremere Inhalte ausgespielt.“ Wie weit das führen kann, zeigt ein Fall aus Portugal. Dort sahen sich Veterinärmediziner gezwungen, klarzustellen, dass Menschen nicht von Tierärzten behandelt werden dürfen.
Braucht es Verbote?
Ob es auch an österreichischen Schulen bald ein entsprechendes Regelwerk braucht? Die Bildungsdirektion sieht derzeit noch keinen Anlass zur Sorge. Entscheidend sei nicht die Neuheit eines Trends, sondern ob Kinder die Risiken realistisch einschätzen und ob andere dabei zu Schaden kommen können. Viele Trends würden rasch wieder verschwinden, problematisch werde es dort, wo Gruppendruck und erhebliche Risiken zusammentreffen. Auch Matthias Schmidinger plädiert für Gelassenheit. Jugendliche hätten schon immer mit Rollen und Identitäten experimentiert. Tiermasken und Schwänze seien daher zunächst kein Grund zur Beunruhigung. Solange Schulalltag und das Miteinander funktionieren, sollte man jungen Menschen den nötigen Freiraum lassen. Aufmerksamkeit sei erst dann gefragt, wenn aus dem Spiel ein Rückzug aus der Realität werde. „Hier beginnt die Grenze zwischen kreativem Rollenspiel und problematischer Entwicklung zu verschwimmen“, erklärt Schmidinger.
Therians: Die neuen Punks
Der klinischer Psychologe Matthias Schmidinger erklärt, warum hinter dem Trend der Therians meist eine ganz normale Identitätssuche steckt, wie Eltern richtig reagieren und wann tatsächlich Handlungsbedarf besteht.
Muss man sich Sorgen machen, wenn das eigene Kind plötzlich Tiermasken trägt?
Schmidinger: Nicht unbedingt. Jugendliche befinden sich in einer Phase intensiver Identitätssuche. Daraus entstehen seit jeher Subkulturen, die sich von gesellschaftlichen Normen abgrenzen. Früher waren das etwa Punks, heute können es eben auch Therians sein. Dahinter stecken meist normale Bedürfnisse: dazugehören, sich ausprobieren oder rebellieren wollen.
Wie sollten Eltern damit umgehen?
Schmidinger: Ehrliches Interesse zeigen. Statt vorschnell zu moralisieren oder zu verbieten, sollte man nachfragen: Was fasziniert dich daran? Verbote führen oft nur dazu, dass sich Kinder in die unkontrollierbare Onlinewelt zurückziehen und dort Gleichgesinnte suchen. Oft verrät auch die Wahl des Tieres etwas über die Persönlichkeit und Bedürfnisse. Wer sich mit einem Löwen identifiziert, beschäftigt sich möglicherweise mit Themen wie Stärke oder Durchsetzungsfähigkeit.
Wann wird es tatsächlich bedenklich?
Schmidinger: Wenn der Bezug zur eigenen Identität und zur Realität verloren geht. Sozialer Rückzug, Ängste und depressive Verstimmungen sind häufig die Folge. Wenn Eltern derartige Veränderungen beobachten, braucht es Unterstützung.