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Tür öffnet sich zu leerem Hotelzimmer
50 Milliarden Euro haben deutsche Unternehmen 2020 weniger für Geschäftsreisen ausgegeben, schätzt der Verband Deutsches Reisemanagement (VDR).
50 Milliarden Euro haben deutsche Unternehmen 2020 weniger für Geschäftsreisen ausgegeben, schätzt der Verband Deutsches Reisemanagement (VDR).
sorendls / SasinParaksa / Explora_2005 / iStock / Getty Images Plus

Zimmer frei: Städtetourismus in der Krise

03.05.2021 um 10:00, Klaus Schobesberger
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Hotelketten fehlen Gäste und Perspektiven. Der wichtige Kongress- und Geschäftstourismus wird in der bisherigen Form wohl nicht mehr zurückkehren. An neuen Tourismuskonzepten wird bereits gebastelt.

Die Krise als Chance? Was für viele Branchen zutreffen mag, muss in den Ohren von Hotelbetreibern derzeit wie Hohn klingen. Am Land leiden kleine Familienbetriebe, in Metropolen sind es bekannte Namen und internationale Luxus-Hotelketten. Ob New York, London, Paris, Wien oder Linz – die Pandemie kennt kein Pardon. Das legendäre Hotel Sacher machte im Herbst Schlagzeilen, weil es an den Standorten Wien und Salzburg 140 Mitarbeiter, rund ein Viertel der Belegschaft, kündigen musste. Ein einmaliger Vorgang in der Geschichte des Traditionshauses. „Wir haben Reserven, um durch diese sehr schwierige Zeit zu kommen“, sagt Sacher-Chef Matthias Winkler. Die Hilfsmaßnahmen des Staates retten Firmen vor dem Untergang, doch es fehlen Planbarkeit und das viel beschworene Licht am Ende des Tunnels. In Aussicht gestellte Öffnungen für die Tourismuswirtschaft wurden aufgrund von hohen Ansteckungszahlen immer wieder verschoben. Öffnungstermin: ungewiss. Selbst der „Grüne Pass“, mit dem Impfung, Genesung oder Tests nachgewiesen werden, bringt nicht den für Städte so notwendigen internationalen Tourismus so schnell wieder. Johann Kaiser, Direktor des Star Inn Hotels in Linz, war vor mehr als einem halben Jahr noch positiv eingestellt. Inzwischen hat er den Sommer längst abgeschrieben. Seine wichtigste Klientel, die Deutschen, werden wegbleiben. „Eine schnelle Erholung sehe ich nicht. Das wird noch sehr lange dauern, bis das ­Ganze wieder in Schwung kommt“, sagt der Hotelmanager.

Wirtschaftlicher Abgrund

Economy-Hotelketten wie die vom Wiener Paul Garai gegründete Star Inn Gruppe sind auf Expansion getrimmt und mit den steigenden Übernachtungszahlen im globalen Städtetourismus mitgewachsen. Ähnliches gilt für die vor 20 Jahren in München gegründete Budget-Design-Hotelgruppe Motel One, die 2019 auch am Linzer Hauptplatz einen Standort eröffnete.

Dieter Müller, „Motel One“-Gründer
Sparmaßnahmen und die erste Minusbilanz der Unternehmensgeschichte: „Motel One“-Gründer Dieter Müller will aber weiter expandieren.

Die kürzlich präsentierten Bilanzzahlen für 2020 lassen in einen betriebswirtschaftlichen Abgrund blicken. Die Auslastung der insgesamt 75 Hotels mit ihren 21.000 Zimmern betrug im Berichtsjahr 27,8 Prozent. Im Jahr davor lag der Wert bei 83 Prozent. Für Dieter Müller, Chef, Gründer und Eigentümer des Unternehmens, „ein katastrophaler Einbruch“. Die Gruppe verbuchte 2020 einen Verlust von 102 Millionen Euro. Es ist das erste Minus in der Bilanz der Firmengeschichte. Der Umsatz schrumpfte um 63 Prozent auf 209 Millionen Euro. Die meisten der 2.000 Mitarbeiter sind in Kurzarbeit, andere wurden gekündigt – insgesamt 600. Die Reserven des solide kapitalisierten Unternehmens schmelzen dahin. Auch Müller kritisiert die fehlenden Perspektiven. Staatshilfen habe Motel One in Deutschland bisher nicht in Anspruch genommen. In Österreich, wo das Unternehmen in einem Joint Venture mit dem Verkehrsbüro (49 Prozent) wächst, wurden vier Millionen an Hilfsgeldern ausbezahlt. Das Ergebnis vor Steuern war mit 9,5 Millionen Euro negativ, 2019 fetteten die sieben Hotels in Österreich mit 12,5 Millionen Euro noch die Gruppenbilanz auf.

Geschäftsreisen brechen weg

Paradox: Motel One will mit seinem Erfolgskonzept auf mehr als 100 Hotels anwachsen und bleibt trotz Krise auf Expansionskurs. Die auf Dauer ausblei­benden Geschäftsreisenden sollen durch mehr Urlaubsgäste ausgeglichen werden. Ist die Krise also doch eine Chance? Der Linzer Tourismus­direktor Georg Steiner rechnet nach dem Ende der Pandemie mit Veränderungen der Reisegewohnheiten, die vor allem Städte massiv zu spüren ­bekommen werden.

Zitat Georg Steiner

Der klassische Tourismus werde in der Post-Corona-Zeit schnell wieder auf Touren kommen, nicht aber die Geschäftsreisen, glaubt der Tourismusprofi. Video-Konferenzen sind weltweit akzeptiert und in Unternehmen etabliert – „das wird bleiben“, sagt Steiner. Für die Industrie- und Kreativ-Metropole Linz ist das besonders bitter: Denn 60   Prozent der fast eine Million jährlichen Nächtigungen (2019) sind Business-Reisende. „Es ist zu befürchten, dass künftig bis zu einem Drittel weniger Geschäftsreisende nach Linz kommen werden – das ist ein Minus von 200.000 Nächtigungen jährlich“, sagt der gebürtige Passauer. Derzeit werde mit allen Verantwortlichen an einem Tourismus-Konzept für die ­„Stunde null“ nach dem Ende aller Reisebeschränkungen gearbeitet. Für Linz als eine typische Vertreterin der sogenannten „Second Cities“, die im Kielwasser von Mega-Destinationen wie Wien und Salzburg mitfahren, könnte die neue Situation aber tatsächlich auch eine Chance sein. Mehr individuelle Angebote und Erlebnis statt Massen-Pulks. „Vom Besichtigen zum Begegnen“, lautet das Motto Steiners.

Homeoffice im Hotel

Derzeit dürfen nur Geschäftsreisende und Firmenkunden in Hotels ­einchecken, die dafür eine Bestätigung vom Arbeit­geber benötigen. Ein Umstand, der Harry‘s Home in Linz-Urfahr eine pas­sable Auslastung im Vorjahr bescherte. Die vom Innsbrucker Harald Ultsch gegründete Hotelkette ist an sechs Standorten mit 1.200 Betten und knapp kalkulierten Zimmerpreisen unterwegs. Das einzigartige Hotelkonzept für Selbstversorger richtet sich vorwiegend an Tagestouristen und Businesskunden. „Wir sind eines der wenigen Hotels in Linz, die dank der Stammkundschaft je nach Firmen-Nachfrage eine Auslastung zwischen 30 und 70 Prozent haben“, sagt Hotel-Chefin Julia Unger. Überraschend gut gebucht waren auch Zimmer, die als Home­office genutzt werden. Für diese Zielgruppe wurde ein eigenes Package geschnürt. Es beinhaltet die Nutzung des Zimmers von 8 bis 18 Uhr, eine Espressomaschine, Gratis-Parken in der Tiefgarage und kosten­freies WLAN. Auf Anfrage bietet das Hotel auch Druck- und Kopierservice an der Rezeption. Tagespreis: 45 Euro – bucht ein Kunde das Package, ist es noch günstiger. Das wird gut genutzt, weil die ­Menschen wegwollen von zu Hause. Viele fanden sich im Lockdown am Küchentisch daheim mit Laptop wieder, wo es oft an Ruhe und nötiger Konzentration für die Arbeit fehlt. Kunden seien produktiver, weil jede Form von Ablenkung fehle, sagt Unger. Sie ist optimistischer, was den Sommer betrifft und hofft auf neue Öffnungsregelungen und Fahrradtouristen vom Donauradweg. Anfragen aus Deutschland gibt es bereits.

Julia Unger, Hoteldirektorin von Harry’s Home
Julia Unger, Hoteldirektorin von Harry’s Home, profitiert von Business- Stammkunden und vom Homeoffice-Angebot im Hotelzimmer.

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