Schaurig-gruselig: Wiens schönste Grüfte und Friedhöfe

Draußen kämpft sich nur langsam die Sonne durch die Nebelschwaden, es welken die Blätter. Drunten herrscht weiter die ewige Ruh': Wien ist vor allem auch eine Stadt der Toten. Davon künden nicht nur die Gräberfelder der großen Nekropole am Stadtrand, sondern auch die oftmals vergessenen Gruftgewölbe und Katakomben im Zentrum. Mittendrinn: die Kapuzinerkirche mit ihrer Kaisergruft.

Unterirdisch-überirdisch

Aber auch St. Stephan und St. Michael beherbergen schlafende Kleinode in ihren unterirdischen Etagen – und zeigen sehr viel „Bein“. Neben den Großen ihrer Zeit sollte man jetzt auch nicht auf die Unbekannten und Unbeklagten vergessen. Es ist wieder Zeit für einen Spazierganz: zwischen verwitterten Grabsteinen und unter den Gewölben der mittelalterlichen Kirchen.

1. Kapuzinergruft

Seit dem 17. Jahrhundert ruhen hier Kaiserinnen und Kaiser aus der Habsburgerdynastie. Highlight und eine Gesamtkomposition aus dem Hochbarock beziehungsweise Rokoko ist der prunkvolle und verspielte Doppelsarkophag den Maria Theresia für sich und ihren Gatten, Franz I. Stephan, in Auftrag gegeben hat. Heute ist laut dem Kustos der Klosterkirche gerade noch Platz für eine weitere Person aus dem ehemaligen Hochadel.  Wer hier noch zur letzten Ruhe gebettet wird, entscheiden die Ex-Royals.

Sarkophag in der Wiener Kapuzinergruft

2. Michaelergruft

Die Kirche ist berühmt für ihre Mumien: In den Katakomben des über 800 Jahre alten Gotteshauses wurden über 4.000 vorwiegend betuchte Wiener Bürger bestattet. Wer sich die Totenstadt anschauen will, ist herzlich eingeladen. Ein Besuch der Wiener Michaelergruft soll den Gottesdienern zufolge zum Nachdenken anregen. Ihre Botschaft: Wir müssen den Tod als Teil des Lebens akzeptieren.

Statue am Tor zur Wiener Michaelerkirche

3. Katakomben im Stephansdom

30 Grabkammern birgt die Kathedrale, die ursprünglich Zigtausende Leichen aufnahm. Bei täglichen Führungen können sich Wagemutige auf Spurensuche begeben – und unter den Verblichenen wandeln.

Totenköpfe in einer Gruft

4. Friedhof der Namenlosen

Im Jahre 1840 wurde hier die erste, an dieser Stelle von der Donau freigegebene Wasserleiche bestattet. Viele sollten folgen. Heute lockt das schaurig-traurige Areal Besucher aus nah und fern. Anfang November gedenken die Fischer mit einer Kranzlegung den in den Fluten umgekommenen Toten.

Grabkreuze am Friedhof der Namenlosen

5. Marxer Friedhof

Im Frühling duftet es hier nach Flieder. Im Herbst nur mehr nach Moder. Dafür entfaltet der 1874 geschlossene Biedermeier-Friedhof dann seinen besonders morbiden Charme. Das ganze Jahr gut besucht: das Grab von Wolfgang Amadeus Mozart. Berührend sind vor allem die mahnenden Grabsteine längst erloschener Liebender.

Grabsteine am Marxer Friedhof

6. Jüdische Friedhof Währing

im 18. Wiener Bezirk versteckt sich gleich hinter der gründerzeitlichen Bebauung entlang des Gürtels ein weiteres Stück Biedermeier. Der jüdische Friedhof war vom ausgehenden 18. Jahrhundert an in Betrieb und wurde im 19. Jahrhundert vom Wiener Zentralfriedhof abgelöst. Die Politik hat sich erst kürzlich auf die Sanierung und Rettung dieses Stücks Wiener Geschichte verständigt.

Der jüdische Friedhof in Wien-Währing

7. Wiener Zentralfriedhof

Kein Friedhof Europas hat mehr „Einwohner". Seit seiner Eröffnung im Jahre 1874 sind rund drei Millionen Menschen „zugezogen". Besuchermagnet des Zentralfriedhofs sind die vielen Ehrengräber – nicht nur in der Zeit des Totengedenkens. Auf speziellen Platzerln ruhen verblichene Promis aus Politk, Kunst und Kultur.

Herbststimmung am Wiener Zentralfriedhof
Autor: Rudolf Grüner, 22.10.2020