Handelskolloquium 2026 zwischen Geopolitik und KI
Inhalt
- Rainer Wills Eröffnungsrede
- Schellhorn fordert Tempo
- Im Zeitalter der KI
- Innovation Zapping
- Input der Next Generation
- FMCG-Award an Manner, Stigl, Werner & Mertz
- Talk mit Schallenberg und Drexel
- HV-Wissenschaftspreis
- Benefiz-Tombola als krönender Abschluss
Mehr als 400 Branchenvertreter:innen des Handels sowie zahlreiche Spitzenpolitiker:innen diskutierten beim Handelskolloquium 2026 über den Iran-Krieg, steigende Energiekosten, das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz, Österreichs Erfolgsfaktoren im Handel und das große Potenzial von Agentic Commerce.
Rainer Wills Eröffnungsrede
Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will eröffnete die 36. Ausgabe des Handelskolloquiums. In seiner Rede spannte er den Bogen von den geopolitischen Spannungen rund um den Iran über die wachsende Volatilität in den Lieferketten bis hin zur erfolgreichen UWG-Beschwerde des Handelsverbands gegen Temu und die weiterhin steigende Bürokratiebelastung in Österreich. „Wir dürfen uns in Europa nicht mehr länger mit neuen Vorschriften und Bürokratie verzetteln. Mit dem Iran-Konflikt und den steigenden Energiepreisen stehen die nächsten Verwerfungen in den Lieferketten schon vor der Tür. Dem müssen wir entschlossen und mit Realitätssinn begegnen. Eine autarkere Ausgestaltung des EU-Energiemarktes ist überfällig."
Allein der Bürokratiedschungel kostet uns 15 Milliarden Euro im Jahr. Diese Ausgaben schaffen keinerlei Innovation und kein Wachstum. Wir brauchen eine radikale Entbürokratisierung, substanzielle Einsparungen im Föderalismus und faire wirtschaftliche Rahmenbedingungen.
Schellhorn fordert Tempo
Staatssekretär Sepp Schellhorn griff den Ball auf und referierte über seine Pläne zur Reduzierung des Bürokratiedschungels und zur Stärkung des heimischen Handels. "Der stationäre Handel ist ein sozialer Kitt, dort finden Vernetzungen statt, dort wird Zusammenhalt gelebt. Jedes Geschäft, das zusperrt, ist ein verlorenes Geschäft für die jeweilige Gemeinde. Jeder Arbeitslose ist ein Arbeitsloser des Landeshauptmanns oder der Landeshauptfrau."
Wir alle sitzen im selben Boot. Wir müssen Bürokratie abbauen und im System sparen, wir müssen schneller, schlanker und einfacher werden.
Im Zeitalter der KI
Warum der Faktor Mensch im Zeitalter der KI noch wichtiger wird, erklärte der deutsche Visionär, Zukunftsforscher und Autor Dietmar Dahmen. Das Ehrenmitglied und "Voice of Transformation" im Bundesverband für Künstliche Intelligenz: "Wir haben in Europa das Wissen, wir haben die Talente, wir haben Innovationskraft. Was uns oft fehlt, ist die Fähigkeit, Ressourcen entschlossen in Tempo zu übersetzen."
Dabei geht es darum, jetzt zu handeln: Kapital klug einsetzen, Infrastruktur modernisieren, Daten nutzbar machen. Unternehmen, die in diesen Bereichen Geschwindigkeit aufnehmen, verschaffen sich Luft und Sichtbarkeit.
Apropos Künstliche Intelligenz: Wie KI-Shopping den österreichischen Handel verändern wird, darüber diskutierten die beiden Experten Robert Zniva (FH Salzburg) und Christian Kaupa (Kyndryl). Gerald Eder-Schmidinger, Executive Director Sales bei CRIF Austria, warf in seinem Vortrag einen spannenden Blick auf aktuelle Risiken in den Lieferketten des Handels.
Compliance ist ein entscheidender Risikoschutz und umfassende Transparenz das A und O. CRIF kombiniert mit seinem 360 Grad Blick auf Kunden und Lieferanten Bonitätsdaten, Compliance-Prüfungen als auch ESG-Analysen sowie Monitoring und Fraud-Indikatoren.
Innovation Zapping
Unter der Schirmherrschaft von "offen" fand auch heuer wieder das traditionelle Innovation-Zapping statt. Vier handelsrelevante Scaleups hatten die Gelegenheit, je 3 Minuten live on stage zu pitchen: Geballte Innovation für den Handel garantiert – dafür sorgten Peter Buchroithner, Gründer des AI-Startups Findable, Chris Newman, Co-Founder der Plattform crewhub, Dominik Frey, Geschäftsführer der Beratungsagentur Leads & Content, sowie Jan-Peter Ruhso (CEO) und Eve-Maria Trotberger (Wissenschaftliche Leitung) der Talente-Plattform nurdu.
Input der Next Generation
Was die Next Generation vom Einzelhandel konkret erwartet und wie New Leadership in der Praxis funktioniert, das erzählte Utho Creusen von der Universität St. Gallen. Sein Tipp an alle Händler:
Die GenZ schätzt eine positive Arbeitsatmosphäre und eine offene Kommunikation. Auch gute soziale Interaktionen und der Teamzusammenhalt sind von großer Bedeutung für die persönliche Motivation, ebenso Lob und Anerkennung.
Theresa Schleicher (The Future:Project), Adel Hafizovic (NEOH), Herman Konings (nXt) und Victor Vecsei (Marswalk) diskutierten im Zukunftstalk u.a. über Hyperphysical Retail – also den Trend innerhalb der Generation Z, gezielt analoge Einkaufserlebnisse als Gegenpol zur digitalen Reizflut zu suchen. „Ditch the screens! Wir brauchen weniger Technik, mehr Sinneserlebnis und echte Relevanz“, so das Credo des Trend- und Zukunftsforschers Herman Konings.
FMCG-Award an Manner, Stigl, Werner & Mertz
Eines von vielen Highlights des Handelskolloquiums war die Verleihung des "Österreichischen FMCG-Awards" an Manner, Stiegl und Werner & Mertz. Die Awards wurden von Günter Thumser, Geschäftsführer des Markenartikelverbandes (MAV), Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will und Davide Falzone, Geschäftsführer von Bring! Labs Deutschland, verliehen. Der Markenartikelverband hatte die Schirmherrschaft der Awards übernommen, die der Handelsverband jährlich auslobt.
Im Anschluss widmeten sich REMIRA-Geschäftsführer Simon Hasenauer und REMIRA-Senior Sales Consultant Daniel Nowara der Challenge, mithilfe von datengetriebener Disposition Lagerbestände zu senken und die Verfügbarkeit zu steigern. „Die Zukunft des Handels liegt in der Cloud. Essenziell sind skalierbare, moderne Infrastrukturen, um Unternehmen flexibel und zukunftssicher aufzustellen. REMIRA unterstützt hier mit KI-gestützten Supply-Chain- und Commerce-Lösungen“, so Hasenauer. Als Best Practice Beispiel diente der österreichische Lebensmittelgroßhändler Transgourmet.
Talk mit Schallenberg und Drexel
Im hochkarätig besetzten Wirtschaftstalk wurde über geopolitische Umbrüche, neue Marktbedingungen und die Zukunft des Handels in Europa debattiert. Bundeskanzler a.D. Alexander Schallenberg und Gerhard Drexel (SPAR) begeisterten mit ihren Ausführungen. „Die Welt ist nicht schwarz-weiß, die Welt ist 5.000 Shades of Grey. Wir müssen runter vom hohen moralischen Ross. Auch die disruptiven Elemente nehmen laufend zu, insbesondere im Energiebereich. Was mich in Europa am meisten bedrückt, ist die Schwarzmalerei."
Wofür ich plädiere: Wir müssen an uns arbeiten und diese selbst-heruntermachende Stimmung endlich ablegen. Denn wem nützt das am Ende? Genau jenen, die unser westliches Lebensmodell ablehnen. Wir sind stärker und besser, wir müssen nur mehr an uns. glauben
Der Außenpolitik-Experte Schallenberg unterstützte auch die Forderung von Gerhard Drexel nach einem Level Playing Field im Onlinehandel. „Letztes Jahr kamen 5,8 Milliarden China-Pakete in die Europäischen Union, allein 120 Millionen davon nach Österreich. Ein Großteil dieser Pakete verstößt gegen EU-Normen und ist mit giftigen Chemikalien belastet. Und diese Pakete von Distanzhändlern wie Temu, Shein, Alibaba fehlen letztlich dem heimischen Präsenzhandel. Die Kaufkraft ist da, Konsum wird nicht zurückgehalten. Es fließt nur zu viel in Drittstaaten ab“, so Gerhard Drexel.
Eindrücke vom Event
HV-Wissenschaftspreis
Im Rahmen des Handelskolloquiums vergibt der Handelsverband auch alle zwei Jahre den mit 14.000 Euro dotierten Wissenschaftspreis für herausragende wissenschaftliche Publikationen, welche eine hochgradige Relevanz für die Handelsbranche aufweisen. Anlässlich der heurigen Verleihung war auch Eva-Maria Holzleitner, Bundesministerin für Frauen, Wissenschaft und Forschung, persönlich vor Ort.
Ich danke dem Handelsverband als Anwalt der Konsumentinnen und Konsumenten für diesen großartigen Wissenschaftspreis und für die Wertschätzung der Forschung in Österreich. Gerade in geopolitisch schwierigen Zeiten ist Forschung zentral.
Benefiz-Tombola als krönender Abschluss
Die Abschlussrede beim Handelskolloquium 2026 übernahm Handelsverband-Präsident Stephan Mayer-Heinisch. Er bedankte sich für die erstklassige Unterstützung bei mehr als 40 Sponsoren und stellte zu guter Letzt den brandneuen HV eCommerce Award vor, der heuer erstmals die besten Webshops Österreichs auszeichnen wird – mit Fokus auf das, was im digitalen Handel wirklich zählt: Performance, User Experience, Transparenz und Vertrauen. Teilnahmeberechtigt sind alle Unternehmen mit Sitz in Österreich, die einen Webshop mit Checkout- und Versandfunktion betreiben und über ein entsprechendes Handelsgewerbe verfügen. Die Einreichung ist kostenfrei.