Bürgermeister Ludwig: "Faire Gesundheits-Finanzierung"
Inhalt
- Wien investiert Milliarden trotz Sparzwang
- Streit um Gastpatienten
- Milliardenlücke: Wien fordert neue Finanzierung
- Regierungsrochade
Spardruck: ja, Kürzungen im Gesundheitsbereich: möglichst nein. Bürgermeister Michael Ludwig erklärt, warum Wien Milliarden in medizinische Einrichtungen investiert, wie der Streit um Gastpatienten gelöst werden könnte und wo wirtschaftliche Chancen liegen.
Die Stadt muss sparen: Wo bleibt die Budget-Pipeline vergleichsweise offen?
Michael Ludwig: Lassen Sie mich vorausschicken, dass wir derzeit jede Ausgabe sehr kritisch prüfen. Das stößt nicht überall auf Begeisterung. Wir investieren aber weiter stark in Wohnraum, Infrastruktur und Energieversorgung. Rund 30.000 geförderte Wohnungen sind in Planung oder Bau, dazu kommt der Ausbau des Öffi- und Stromnetzes, der Fernwärme und Fernkälte. Auf keinen Fall gespart wird bei der Gesundheit.
Wien investiert Milliarden trotz Sparzwang
Wir sprechen von einem spürbaren Geldfluss?
Michael Ludwig: Auf alle Fälle nicht von einem „Trostpflaster“: In den nächsten Jahren wollen wir 3,3 Milliarden Euro ausgeben, um Spitäler zu erweitern und zu modernisieren. Zusätzlich bauen wir die dezentralen Gesundheitseinrichtungen aus. Bis 2030 wollen wir von derzeit 70 Primärversorgungszentren auf 169 Standorte aufstocken. Außerdem setzen wir thematische Schwerpunkte: bei Schmerz- und Kindergesundheitszentren, aber auch im Bereich der Prävention und Gynäkologie, wo es große Nachfrage gibt.
Wir bauen Primärversorgungszentren aus, in denen Ärzte mit anderen Gesundheitsberufen zusammenarbeiten.
Steht das dafür notwendige medizinische Personal, vor allem auch in der Pflege, bereit?
Michael Ludwig: Vor einigen Jahren hätte diese Frage bei mir größere Sorgen ausgelöst. Wien hat aber reagiert und die Ausbildungsplätze verdoppeln können. 16.000 Frauen und Männer stehen in zwei, drei Jahren bereit, darunter sehr viele Quereinsteiger, die neben Qualifikation auch viel Leidenschaft mitbringen.
Streit um Gastpatienten
Impulsiv läuft die Diskussion um Gastpatienten aus den Bundesländern.
Michael Ludwig: Eins vorweg: Dass viele Menschen aus ganz Österreich nach Wien kommen, zeigt zunächst die hohe Qualität unseres Spitalswesens. Bei Akutfällen ist das selbstverständlich. Bei planbaren Eingriffen sollte man aber redlich prüfen, ob es vergleichbare Angebote im eigenen Bundesland gibt und diese auch nutzen – und die Energie nicht in Klagen stecken.
Milliardenlücke: Wien fordert neue Finanzierung
Die Frage um Finanzierung und Fairness scheint jetzt festgefahren zu sein.
Michael Ludwig: Meine Vorschläge liegen am Tisch: Wir sollten Gesundheit bundesländerübergreifend organisieren und aus den bestehenden Geldtöpfen von Bund, Ländern und Sozialversicherung eine gemeinsame Finanzierungsquelle bilden. Dann stellt sich nicht mehr die Frage, ob Wien oder Niederösterreich.
Bei der Gesundheitsreform sollten Grenzen keine Rolle spielen, wir brauchen nur einen Finanzierungstopf.
Die Menschen im Land fordern, dass das System auf gesunde Beine gestellt wird – und das schnell.
Michael Ludwig: Entscheidend ist, dass die Leistungen für Patientinnen und Patienten bezahlt werden. 2025 hatte Wien trotz aller Ausgleichssysteme einen Kostenüberhang von über 610 Millionen Euro zu stemmen, heuer rechnen wir mit rund 700 Millionen. Und die Milliardengrenze rückt näher. Das können wir nicht dauerhaft aus der Portokasse zahlen. Wir sind offen für Gespräche, sehen dazu aber wenig Bereitschaft. Parteipolitische Kampagnen helfen nicht weiter.
Was bereitet Ihnen aktuell kein Kopfzerbrechen?
Michael Ludwig: Das Standing Wiens im Bereich Life Science, Biotechnologie und Pharmazie. Wien hat sich hier als Standort im internationalen Vergleich etabliert: Mittlerweile sind 20 der weltweit größten Pharmaunternehmen bei uns mit Wissenschafts- oder Forschungsbetrieben vertreten. Gemeinsam mit Universitäten und Forschungseinrichtungen entsteht hier ein starkes Ökosystem, das wir weiter ausbauen wollen. Wir leben in schwierigen Zeiten. Wenn wir sensible Produkte und Technologien vor Ort haben, werden wir nicht nur erfolgreicher, sondern auch unabhängiger.
Regierungsrochade
Nach dem Abgang von Kathrin Gaál hat Elke Hanel-Torsch das Wohnbauressort übernommen. Die Entscheidung für die Expertin sei „sehr schnell“ gefallen, wie der Bürgermeister im Talk erzählt. Barbara Novak wurde zur Vizebürgermeisterin aufgewertet. Dies könnte auch als Weichenstellung aufgefasst werden. Ludwig schmunzelnd: „Auch ich war mal Vizebürgermeister.“