Judith Reichart: Die Kosmopolitin

Weekend: Wie fühlt sich der Wandel von der Politikerin zur Stadtbediensteten an?
Mag. Judith Reichart:
Die Verwaltung ist ein enorm spannender Bereich, in dem man das große Ganze einer Kulturstadt viel präsenter erlebt und den Kulturschaffenden näher ist. Das Ressort und der damit verbundene Gestaltungsbereich sind vielfältig und spannend. Mir ist eine mannigfaltige Kunstlandschaft wichtig, unsere Kunst- und Kulturschaffenden bilden dafür eine wunderbare Basis. Aus meiner Zeit als Kulturstadträtin sind mir die Strukturen bekannt. Das war unterstützend, um ohne große Einarbeitungszeit innerhalb von drei Monaten in dieser ungewissen Corona Situation mit meinem Team ein ganzes Kulturjahr zu konzipieren.

Weekend: Sie haben einige Ziele vor Augen?     
Mag. Judith Reichart:
Die Umstrukturierung des Kulturservice ist prozessbedingt im Gange. Kultur bildet die Basis unseres ethischen Handelns, deshalb sollte sie multidisziplinär eingebunden werden. Service bedeutet auch, dass man der Privatwirtschaft in Kontext von Kunst und Kultur Unterstützung bietet. So liefern wir z.B. Expertise und Projektierungen für Kunst am Bau und Bauzaunbespielungen. Viele Ideen funktionieren, weil ich tolle Vorgänger und Vorgängerinnen hatte. Unsere drei Sommerausstellungen werden mit Werken von Karl Heinz Ströhle, Anna Jermolaewa und Helmut King bestritten. Eine Innovation ist auch unser neuer „kulturletter“, der eine raschere Kommunikation mit Interessierten ermöglicht. Erfreulich auch, dass wir trotz abgesagter Meisterkonzertreihe ein Konzert mit einem der größten Pianisten weltweit – Grigory Sokolov – sichern konnten. Das neue Programm zur Saison 21/22 wird am 24. Juni präsentiert.

Weekend: Sie sind mit vielen Erwartungshaltungen konfrontiert?     
Mag. Judith Reichart:
Eine freie Kulturszene spricht für eine offene Gesellschaftsform. Ich bekomme viele Anfragen mit Ideen zu Projekten und Kulturfestivals – das bedeutet für mich, dass die Kulturschaffenden Vertrauen in Bregenz haben und großes Interesse zeigen, in und für die Stadt Projekte zu realisieren. Aufgrund von Corona hat sich ein Projektrückstau gebildet, den es nun qualitativ umzusetzen gilt. Die Kultureinrichtungen in Bregenz – ob von Land, Stadt oder privater Hand  geführt – sind sehr offen für eine Zusammenarbeit. Es gibt tolle Signale, die Vernetzung funktioniert. 

Weekend: Apropos Vernetzung, sie haben internationale Expertise?     
Mag. Judith Reichart:
Ich war 6 Jahre im Berliner Künstlerhaus Bethanien beschäftigt, sowie u.a. in Wien, Oslo, Chicago, New York und Washington als Jurorin und Kuratorin von Ausstellungen tätig. Ich habe das Jubiläum „750 Jahre Schwarzenberg“ ebenso begeistert kuratiert wie einige Vorarlberger „Kunst am Bau“-Projekte oder unsere neueste Maga- zin 4-Ausstellung Holobiont. Eine internationale Vernetzung ist generell von Vorteil. Gute Kontakte sind eine wichtige Basis, um Bregenz auch mit internationalen Positionen weiter  Strahlkraft zu verleihen. Kultur ist eine der größten Stärken von Bregenz, darauf können wir sehr stolz sein!

Zur Person: Judith Reichart

  • geb. 1969 in Bregenz
  • Familienstand: In Partnerschaft, eine Tochter
  • Ausbildung: Tourismusausbildung HGA, ab 1994 Tätigkeit beim Magazin 4, Berufsreifeprüfung, Studium der Kunstgeschichte und Philosophie und russische Literatur in Innsbruck, Jurytätigkeiten beim Bundeskanzleramt und Führungskräfte-Stipendiatin, von 2005 bis 2016 Stadträtin für Kultur, Jugend, Vereine; von 2014 bis 2020 Herausgeberin Original-Magazin; seit Dezember 2020 Leiterin Kulturservice
  • Hobbies: Bewegung in der freien Natur, Kunst und Kultur
Autor: Weekend Magazin Vorarlberg, 25.05.2021