Barrierefreie Kommunikation: Gehörlos im Gespräch

Wussten Sie, dass seit 2005 die Österreichische Gebärdensprache als vollwertige Sprache offiziell anerkannt ist? Vielen hörbeeinträchtigten oder gehörlosen Menschen ist sie Muttersprache und prägt Alltag und Kultur. Regionale Unterschiede oder gar Dialekte sind dabei nicht selten und Jugendliche gebärden mitunter anders als Senioren. Gehörlose Menschen sind jedenfalls weder stumm noch sprachlos. Der undifferenzierte und negativ behaftete Begriff „taubstumm“ wird von der Gehörlosen-Community abgelehnt und als diskriminierend empfunden. „Gehörlose können alles außer hören“: ein in diesem Zusammenhang oft erwähntes Zitat.

Dolmetsch-Leistungen

Die Dometsch-Zentrale des „Landeszentrums für Hörgeschädigte“ (LHZ) ermöglicht eine unkomplizierte Vermittlung von Dolmetsch-Leistungen. Rund sechs bis sieben Gebärdensprach-DolmetscherInnen sind in Vorarlberg tätig. Lisa Gmeiner-Rensi ist eine davon. Auch hörende Personen würden zu ihrem Klientel zählen, berichtet sie. ArbeitgeberInnen, medizinisches Personal oder LehrerInnen beispielsweise – also all jene, die mit gehörlosen Mitmenschen in Kommunikation treten möchten bzw. müssen. Allerdings würde sie sich von Seite der Hörenden noch viel mehr „freiwillige“ Nachfrage wünschen, das allgemeine Bewusstsein für die Notwendigkeit barrierefreier Kommunikation sei noch nicht allzu groß. Laut UN-Behindertenrechts-Konvention müssten alle öffentlichen Veranstaltungen gedolmetscht werden. „Nachrichtensendungen wie V-Heute in Gebärdensprache zu übersetzen, an Veranstaltungen teilzunehmen und dabei Informationen in der Muttersprache vermittelt zu bekommen, das würde vielen gehörlosen Menschen den Alltag erleichtern. Denn erst das schafft die Grundlage für eine echte und selbstverständliche Teilhabe in der Gesellschaft und am sozialen Leben“, so Gmeiner-Rensi. Die Mund-Nasenschutz-Verordnung erschwere die Kommunikation aktuell massiv: „Das ist eine riesengroße Herausforderung für all jene, die auch auf das Lippenlesen angewiesen sind.“

„Wäre es nicht schön, wenn hörende Menschen Lust bekommen würden, Gebärdensprache wie eine Fremdsprache zu lernen?“
Lisa Gmeiner-Rensi, Gebärdensprach-Dolmetscherin, AG Handlaut

 

Gegenseitige Toleranz

Wie so oft sei das fehlende Bewusstsein in der breiten Öffentlichkeit weniger dem „Nicht-Wollen“ als vielmehr dem „Nicht-Wissen“ geschuldet. Als Gebärdensprach- Dolmetscherin weiß Lisa Gmeiner-Rensi um die zwischenmenschlichen Barrieren: „Gehörlosigkeit ist auf den ersten Blick nicht sichtbar, weshalb die plötzliche Begegnung mit gehörlosen Menschen oft Berührungsängste auslöst. Der Umgang ist ungewohnt. Die Gebärdensprache, aber auch die gesprochene Sprache gehörloser Menschen, können mitunter befremden. Wenn dann noch Gehörlosigkeit mit einem verminderten Intellekt gleichgesetzt wird, führt das schnell dazu, dass hörbeeinträchtigte Menschen stigmatisiert und ausgegrenzt werden.“ Dem können nur verstärkte Sensibilisierung der Gesellschaft und die Selbstverständlichkeit alltäglicher Kontaktmöglichkeiten etwas entgegensetzen. Gmeiner-Rensi: „Wäre es nicht schön, wenn hörende Menschen Lust bekommen würden, Gebärdensprache wie eine Fremdsprache zu lernen oder sogar bereits in der Schule Gebärdensprache als Freifach angeboten würde?“ Bereits im Kindesalter Hemmschwellen abzubauen und den Bildungssektor von Beginn weg barrierefreier zu gestalten lässt jedenfalls immer beide Seiten profitieren. Gegenseitige Akzeptanz sowie Toleranz gegenüber dem „Anderssein“ können wachsen – hin zur Gewissheit, dass genau in der Verschiedenheit Synergie- und Zukunftspotenziale sowie soziales Kapital liegen.

Inklusives Vorarlberg

So steht auch der Prozess Inklusive Region Vorarlberg ganz im Auftrag von Diversität und Partizipation – und damit im Zeichen barrierefreier Teilnahmemöglichkeiten. Elisabeth Tschann, Leiterin des Fachbereichs Chancengleichheit und Behinderung im Amt der Vorarlberger Landesregierung: „Partizipation setzt Information und Kommunikation voraus. Über den Prozess Inklusive Region Vorarlberg wollen wir genau dafür Bewusstsein schaffen. Hier sehen wir uns auch selbst in der Verantwortung und stellen bei allen Veranstaltungen des Prozesses Gebärden- oder Schriftdolmetsch-Leistungen zur Verfügung.“ Für TeilnehmerInnen mit anderen Sinnesbehinderungen oder Lernschwierigkeiten gälte es genauso die entsprechenden Assistenzleistungen zu gewährleisten, sei es Leichte Sprache oder akustische Hilfen für blinde Menschen. Mehr zum Prozess: www.vorarlberg.at/chancenleben

Gebärdensprache in Vorarlberg

Die Dolmetschzentrale des Landeszentrums für Hörgeschädigte (www.lzh.at) kümmert sich um Peerberatung und Dolmetsch-Vermittlung, die Arbeitsgemeinschaft Handlaut (www.handlaut.at) bietet Dolmetsch-Leistungen und weitere Infos.

Dolmetsch-Leistungen werden vom Sozialfonds des Landes Vorarlberg finanziert.

Autor: Weekend Magazin Vorarlberg, 09.02.2021