Hautnah: So verändern sich die Gletscher

Von Galtür geht es südlich ins Jamtal, das Ziel: der Jamtalgletscher, der aktuell größte Gletscher der Tiroler Silvretta, der allerdings auch höchst gefährdet ist – schon in 20 Jahren könnte er weitgehend verschwunden sein. Damit verschwindet er deutlich schneller als so manche anderen Alpengletscher, ist aber auch ein umso spannenderes Umfeld für die Forschung  – auch schon der grüne Weg ins Tal.


Gletscher ist nicht gleich Gletscher

Schnell wird klar: Ein Gletscher muss nicht ungedingt eine geschlossene weiße Schneedecke sein. Gletscherforscherin Andrea Fischer erklärt: „Eis an der Oberfläche könnte schon bald Vergangenheit sein, doch Blockgletscher überleben deutlich länger (siehe Bild S. 18). Schon jetzt gibt es in Österreich mit 600 Quadratkilometern mehr Blockgletscher als klassische Gletscherfläche, die 540 Quadratkilometer bedeckt.“
Neue Gefahren. Diese Entwicklung sorgt allerdings für neue Probleme: Der Untergrund wird instabil, wie Pudding, es herrscht eine ständige Gefahr für Wanderwege und Infrastruktur. Permafrost (nicht so gut erkennbar wie Blockgletscher) ist noch unberechenbarer. Und kaum zu glauben: Ein Talbach wie der Futschölbach, an dem wir entlangwandern, transportiert pro Jahr rund 140.000 Tonnen Ablagerungen ins Tal, wie Andrea Fischer bestätigt: „Ein Liter Gletscherwasser transportiert ein Gramm Feinsediment ins Tal. Das summiert sich und sorgt für Probleme. Schließlich gibt es keine Flächen im besiedelten Tal, auf denen sich das Material ablagern kann.“


Chance für Pflanzen

Wir nähern uns immer mehr dem Gletscher, entlang der Moräne der kleinen Eiszeit aus ca. 1850. Hier herrscht ein ständiger Kampf zwischen Pflanzen, die sich anzusiedeln versuchen und Niederschlag, der den lockeren Untergrund in Bewegung hält. „Erstaunlich ist, dass sich wenige Jahre nach dem Abschmelzen des Eises bis zu 20 verschiedene Pflanzenarten hier finden, die aber nur weniger als ein Prozent der Bodenfläche bedecken. Nach 70 Jahren sind es rund 30 Arten, die mehr als die Hälfte des Bodens besiedeln,“ so Fischer.
Auf der Gletscherzunge. Das Gelände wird immer karger, nach ein paar Schneefeldern erreichen wir den Gletscher. „An der Gletscherzunge schmelzen aktuell circa sechs Meter pro Jahr weg, in der Gipfelregion circa 1,5 Meter“, erklärt die Gletscherexpertin und ergänzt: „Diesen Gletscher werden wir 2050 als solchen nicht mehr erkennen.“


Die Gletschermessung

Diese Zahlen gehen auf die Messungen der Forscherin zurück: Alle zwei Wochen ist sie am Jamtalgletscher und überprüft an den 30 Messstationen, wie weit die Holzstangen aus dem Eis ragen. „Mitte Juni war ich das letzte mal mit den Skiern hier. Der kühle Mai hat dem Gletscher gut getan, allerdings hat die Hitze im Juni wiederum ihre Spuren hinterlassen.“ Nachdem die Latten immer wieder ausapern, wird heute eine neue Messstationen eingerichtet. Und zwar nicht etwa mit einem Bohrer – vielmehr wird mit einem Campingkocher und einem Schlauch Wasser erhitzt und mit dem Dampf ein Loch ins Eis geschmolzen, bis auf die Firnschicht in eine Tiefe von acht bis zwölf Meter. Dann werden die Zwei-Meter-Stöcke verbunden und ins Loch gesteckt. Neben diesen regelmäßigen Messungen steht zweimal im Jahr eine größere Messung mittels Schneeschächten an: „Bei diesen Messungen im Oktober und Mai wird der Dichtegehalt bzw. das Gewicht des Schnees gemessen. Schmelzender Schnee ist ja entsprechend schwerer“, so Fischer.

Zu Hause im Blick

2020 hat die Österreichische Akademie der Wissenschaften übrigens am Urezzajoch eine Zeitrafferkamera installiert. Unter www.foto-webcam.eu/webcam/jamtalferner/ kann jeder von Zuhause aus die Veränderungen am Jamtalgletscher mitverfolgen. Solange dies noch geht. Immerhin ist der Jamtalgletscher alleine seit 1990 700 Meter raufgewandert. Und Andrea Fischer bestätigt, dass dies wohl einer der ersten heimischen Gletscher sein wird, der verschwinden wird.


Risiken für die Zukunft.

Und wie sieht Hüttenwirt  Gottlieb Lorenz, Chef auf der Jamtalhütte, die Situation? „Fakt ist, dass unser Gletscher verschwinden wird. Damit müssen wir leben und uns darauf einstellen. Ich denke schon darüber nach, wie karg es sein wird, wenn der Gletscher weg ist, dass es dann dauert, bis die Natur diesen Bereich zurückerobert. Andererseits ist das nichts, das wir noch aufhalten können. Es wird sich viel verändern, die Anstiege werden steiler werden, die Wintertouren gefährlicher.“ Seine Lieblingssommertour wird sich dadurch auch verändern: Dann wird es nicht mehr über das vergletscherte Totenfeld erfrischt zur Kletterei auf die Große bzw. Kleine Totennadel wandern. Aber Galtür hat schon einige Katastrophen und so manche klimatische Veränderung überwunden. Die Augen verschließt man davor nicht. Ganz im Gegenteil: die Forschung vor Ort wird hoch geschätzt.

Autor: Alexandra Nagiller, 16.07.2021