Exklusiv-Interview: Erfolgsautor Bernhard Aichner

Am 22. März erscheint Dein neuer Krimi „Dunkelkammer“. Wie autobiografisch ist das Buch? Du warst immerhin auch lange Jahre Pressefotograf.
Ich bringe mich bei allen Büchern stark emotional ein. Und den Fotografenberuf wollte ich schon ganz lange literarisch verarbeiten. Meine Jahre bei der Zeitung in meinen 20ern waren schon extrem aufregend. Diese Atmosphäre zu transportieren klappt am besten, wenn man das selbst auch erlebt hat.

Ist das dein persönlichstes Buch?  
Nein, der Plot hat ja nichts mit mir zu tun, in der Figur steckt aber natürlich ganz viel von mir. Wenn Bronski sich verliebt oder wenn er leidet, dann sind das Gefühle, wie ich sie empfinden würde. Alle meine Bücher sind sehr emotional. Eines der schönsten Komplimente war: Das Buch liest man nicht, man fühlt es. Denn wenn die Figuren berühren, dann will man auch wissen, wie es weitergeht. Ich verursache den Personen immerhin viel Leid und man hofft, dass sie wieder raus kommen. Ich leide selbst immer furchtbar beim Schreiben.

Deshalb gibt es ein Happy End?
Wenn ich die Figuren so verwundet und kaputt zurücklasse, kann ich nicht mehr gut schlafen. Deshalb muss es zumindest für die Meisten halbwegs gut ausgehen. Ein Happy End ist mir wichtig. Ich will mich selbst nicht enttäuschen und die Leser auch nicht. Wenn ich ein Buch lese und es endet nicht gut, dann bin ich traurig und sauer, das mag ich nicht. Man fiebert mit und leidet, am Ende will man dann auch ein bisschen Erlösung.

Fühlst Du Dich als Fotograf, der schreibt, oder Schriftsteller, der fotografiert?
Das hat für mich immer zusammen gehört. Die ersten sieben Bücher hab ich neben dem Fotografieren geschrieben. Und das Fotografieren hat mein Schreiben geprägt: das genaue Hinschauen, das schnelle Erfassen von Situationen. Aber auch, dass ich mich nicht in seitenlangen Beschreibungen verliere, sondern knackig zum Punkt komme. Ich gehe quasi in die Szene, schau mir die Situation an und drücke auf den Auslöser. In „Dunkelkammer“ beides zusammen zu bringen ist schön.

Du warst 2020 sehr fleißig – der zweite Band „Gegenlicht“ ist auch fertig und erscheint im Sommer.
Ich hab mich im März 2020, beim ersten Lockdown, hin gesetzt und bin eigentlich bis Ende des Jahres sitzen geblieben. So hab ich anstatt einem Buch pro Jahr diesmal zwei geschrieben. Und das hat auch Spaß gemacht. Der Verlag hat gemeint, dass wir diesmal die Taktung schneller machen – wenn man eine Serie mag, ist es natürlich auch toll, wenn man nicht ein Jahr auf das nächste Buch warten muss. Ich bin schon sehr gespannt, wie die Reihe und die schnelle Fortsetzung ankommen.

Wie ist die Idee für David Bronski entstanden?
Im Herbst, nach Erscheinen meines letzten Buches, hab ich mir zuerst eine Fotografin als Figur überlegt, weil ich sehr gerne über starke Frauen schreibe. Aber dann hab ich gemerkt, dass ein Mann besser funktioniert, weil es ja ein bisschen auch meine eigene Rolle ist. Als nächstes hab ich mir die Geschichte dieser Person überlegt: Hat er eine Beziehung? Ist er verheiratet? Hat er Kinder? Und von hier entwickelt sich alles. Dass er eine glückliche Familie gehabt aber diese verloren hat, dass er das wiederzufinden versucht etc. Ich hab ein Notizbuch, in dem ich alles aufschreibe. Und dann entsteht der Gegenspieler. Das ist wie ein Puzzle, noch bevor ich anfange zu schreiben. Erst wenn ich alle Puzzelteile beisammen habe, baue ich alles zusammen und fange an zu schreiben.

Bis Du bei diesem Puzzeln auch auf die Idee gekommen, dass die Leiche in einem Haus Deiner Nachbarschaft in Innsbruck gefunden wird?
Ich liebe Innsbruck und warum soll so etwas nicht hier passieren? Viele haben gemeint, ein Krimi kann nicht in der Provinz spielen – aber sicher kann er! Innsbruck und Berlin – dies Kombination finde ich cool. Und als ich das Haus gesehen hab, das schon ewig leer steht, hab ich mich einfach gefragt, was da wohl im Inneren ist. Wenn ich wo etwas Spannendes sehe, ist niemand sicher vor mir (lacht). Ich bin ein leidenschaftlicher Beobachter und habe dann Fotos im Kopf – und irgendwann passt es dann für eine spezielle Szene.  

weekend: Und woher kommen Deine „Mordsideen“?
Viele Ideen entwickle ich selbst, aber ich diskutiere auch mit einem sehr guten Freund, wie wir z.B. eine Figur umbringen können. Wir trinken dabei eine Flasche Wein und besprechen dabei alles. Wenn uns da wer zuhören würde, der könnte da schon auf wilde Ideen kommen (lacht). Wie klappt das perfekte Verbrechen? Darüber nachzudenken macht einfach Spaß.

Warum glaubst Du faszinieren uns Krimis derart?
Ein Krimi ist wie ein voyeuristischer Blick auf ein Unglück. Es gruselt, es ist unheimlich und spannend und Du kannst es Dir vorstellen in einem Ausmaß, das erträglich ist, viel besser als bei einem Film. Und ich weiß, dass ein Buch zu 95 Prozent gut ausgeht. Man kann sich darauf verlassen, dass das Gute gewinnt. Das beruhigt einerseits und andererseits ist es dennoch aufregend. Real Crime kann ich mir z.B. ganz schwer anschauen, weil ich weiß, dass das tatsächlich passiert ist. Ich kann mir auch keinen Horrorfilm anschauen.

Film fasziniert Dich dennoch – früher wolltest Du ja Schauspieler werden. Bei der  Verfilmung des Max Broll-Krimis hast Du nun einen kleinen Auftritt als Notarzt. Hast Du Talent für Schauspielerei?
Das kann ich nicht beurteilen. Regisseur Harald Sicheritz hat gemeint, dass ich das gut gemacht habe. Ich war aber wahnsinnig aufgeregt, auch wenn ich nur wenige Sätze hatte. Schauspieler wird man nicht über Nacht, genauso wenig wie Schriftsteller. Es steckt viel Übung und Talent dahinter. Und das braucht viel Energie. Deshalb hab ich mich damals dafür entschieden, mich voll aufs Schreiben zu konzentrieren.

Nochmals vor der Kamera zu stehen ist aber nicht ausgeschlossen, oder?
Unbedingt! Nächstes mal vielleicht mit ein bisschen mehr Text – und wenn ich mich dann immer ein wenig steigere, hab ich mit 80 Jahren vielleicht einen Dreiminüter als Einsatz (lacht).

Durch den Film hat sich aber noch eine andere Chance für Dich ergeben.
Das stimmt, mit Harald Sicheritz hab ich mit Drehbuchschreiben begonnen – und das macht extrem viel Spaß. Wir schreiben im Moment an einer achtteiligen Fernsehserie, die spannend-heiter sein wird. Die Zusammenarbeit hat sich über die Broll-Verfilmung ergeben. Er war so nett, mich beim Broll-Drehbuch etwas miteinzubinden und hat dann gemeint, wir könnten etwas gemeinsam machen. Ich lerne aktuell richtig viel. Drehbuchschreiben ist nämlich ganz etwas anderes als einen Roman zu schreiben. Im Film braucht man viel weniger Worte, man hat ja das Bild.

Als nächstes steht die Verfilmung von „Totenfrau“ an.
Trotz Corona ist im April Drehbeginn, und zwar in: TIROOOOL!!!  Die Besetzung ist noch nicht ganz offiziell, aber wenn das klappt, dann gibt es eine super Besetzung für Blum. Ausgestrahlt wird die Serie voraussichtlich 2022, dank Netflix synchronisiert in 30 Sprachen und in 190 Ländern abrufbar. Ich mag Blum. Sie ist eine tolle Figur. Vielleicht taucht sie ja wieder einmal in meinen Büchern auf. Immerhin ist sie der Grund, dass ich heute vom Schreiben leben kann.

Autor: Alexandra Nagiller, 02.03.2021