Satire für das Volk

Früher einmal, als die Bildung im Allgemeinen und das Wissen im Speziellen noch nicht via Internet im Allgemeinen und Youtube im Speziellen im hintersten Winkel jedes Gehirns, und sei es noch so schwerfällig, Eingang fand, galt die Satire als eine der intellektuellen Oberschicht vorbehaltene Kunstform. Diese dunklen Zeiten sind gottlob Geschichte. Die Demokratisierung einerseits und die Digitalisierung andererseits haben ganze Arbeit geleistet. Waren es in den 80er und 90er-Jahren noch die sogenannten Neu-Reichen, die unserer Gesellschaft ihren Stempel aufgedrückt haben, so sind es heute die Neu-Gebildeten, die das Rückgrat des Volkes bilden. Ja, und diese Neu-Gebildeten stehen jetzt auch auf Satire, konsumiert meist in Videoform, weil das geschriebene Wort ja doch a bisserl anstrengend auf Dauer und da und dort auch a bisserl sekundärer Analphabetismus im Spiel – da ist es schon hilfreich, wenn ein Bild dabei ist. Diese kleinen Mängel werden freilich mit ganz viel Begeisterung und Freude an der neu entdeckten Intellektualität kompensiert.

Ich möchte sogar soweit gehen zu behaupten, dass sich in den letzten Jahren so etwas wie eine neue literarische Epoche herausgebildet hat. In Anlehnung an Andreas Gabalier, den Begründer des Volks Rock´n Roll, ist diese neue Kunstform gerade drauf und dran, sich als „Volkssatire“ im wissenschaftlichen Diskurs zu etablieren. Solch neue Entwicklungen brauchen natürlich auch ihre geistigen Wegbereiter.

So wie die Aufklärung von Männern wie Kant und Voltair, die Weimarer Klassik von Goethe und Schiller oder die Moderne von Schnitzler und Zweig geprägt wurde, haben auch dem Zeitalter der „Volkssatire“ zwei große Männer Leben eingehaucht. Und ja, ich darf es vorwegnehmen: sie stehen den oben Genannten um nichts nach. Der geneigte Volkssatire-Begeisterte weiß natürlich längst von wem die Rede ist. Ja, richtig geraten, die beiden Wegbereiter heißen Gerald Grosz und Ferdinand Wegscheider. Direkt aus dem Volk kommend - der eine war ja lange Zeit Nationalrat und Parteichef, quasi also Volksvertreter schlecht hin, der andere als Intendant eines echt wirklich total unabhängigen Fernsehsenders sowieso von Berufs wegen das Ohr am Pulsschlag des Volkes - begeistern sie mit ihrer bodenständigen Kunst jung und alt. Sie verkörpern einerseits einen neuen Typus der 68er-Bewegung und andererseits punkten sie mit ihrer Angry-old man-Attitüde. Politisch sind die beiden eher rechtskonservativ verortet. Naja sind wir uns ehrlich: diese Zugriffszahlen schaffst mit irgendwelchen linken Spinnereien in dem Land sicher nicht. Und als waschechte Konservative ist es ihr Auftrag zu bewahren und dem Ungeist der Moderne entschieden entgegen zu treten. Im Grund tun sie nichts anderes als Widerstand zu leisten. Widerstand gegen „Klimaaktivisten“ wie Greta Thunberg, gegen die Coronahysteriker, gegen E-Auto-Fetischisten oder gegen Öffi-Fahrer, also gegen alles was nur im Ansatz mit Veränderung zu tun haben könnte. Und das auf eine urkomische, eben satirische Art. Ein wenig erinnern sie mich ja an die Witzeerzähler in Bierzelten. Die sind ja auch zum Schießen und hauen einen Schenkelklopfer nach dem anderen raus. Da können sich unsere sogenannten Kabarettisten eine Scheibe abschneiden oder gleich brausen gehen. Über diese Staatskünstler lacht ja eh schon lange niemand mehr. Nein, die Zukunft gehört dem Volkssatiriker.

Autor: Robert Eichenauer, 23.10.2020