Nichts für Zartbesaitete: meine Top-Ten 2020

Das Erdbeben kurz vor Jahreswechsel war der vorläufig letzte Höhepunkt eines Jahres, das so ziemlich jeder Erdenbürger gerne aus seiner Biographie streichen würde. Die Corona-Krise und der Umgang mit selbiger haben aber auch viel Interessantes zu bieten. Hier meine persönlichen Top-Ten-Erkenntnisse:

1. Wer der Solidarität ständig den Mittelfinger zeigt, darf sich nicht wundern, dass auch die Opposition obszöne Gesten drauf hat. Team Austria funktioniert nicht auf Knopfdruck. Auch dann nicht, wenn´s um eine große Sache geht.
2. Krisen legen die Denkfähigkeit der Menschen schamlos frei. Wer schon immer der Meinung war, dass sich rund ein Viertel der Österreicher beim Denken schwer tut, dürfte nicht weit daneben liegen. Man darf aber auch weiterhin an das Gute glauben.
3. Zukunftsforscher wie Matthias Horx sollten sich schleunigst eine neue Profession suchen. Aus der prognostizierten Zukunftsperspektive Friede, Freude, Eierkuchen wurde Hass, Zwietracht und Verachtung. Horx hat einmal mehr einen Hoax abgeliefert.
4. Acht Millionen Teamchefs wurden innerhalb weniger Monate zu Virologen und Epidemiologen umgeschult. Selbstredend sind sie nach einem Youtube-Kurs auch in der Lage, die Qualität von Impfstoffen, an denen tausende Wissenschaftler weltweit geforscht haben, ohne Wimpernzucken zu beurteilen. Chapeau!
5. Schulden machen ist überhaupt kein Problem. Dabei hatten wir in den letzten Jahren das Gefühl, ständig vor dem Staatsbankrott zu stehen. Hoffentlich wird das Bargeld nicht abgeschafft. Denn wie soll man es sonst nachdrucken?
6. Wir Menschen tun schon gern jemanden verpetzen. Was unter Kindern und Ganoven verpönt ist, erfreut sich bei Erwachsenen seit Corona größter Beliebtheit: Bitte Herr Lehrer, der Karli hat keine Maske getragen- hab ich doch – ja, aber nicht über die Nase, Ällabätsch! Blockwartmentalität in Kaufhäusern, Schwimmbädern und zuletzt bei Liftstationen machen uns nicht gerade sympathisch.
7. Die Solidarität ist tot. Alte und kranke Menschen sind einem guten Teil der Bevölkerung vollkommen wurscht. Motto: Wer über der durchschnittlichen Lebenserwartung liegt, hat den Tod ohnehin verdient. Warum soll man deswegen selbst auf etwas verzichten?
8. Ein Teil der Bevölkerung – einige finden sich möglicherweise auch unter Punkt 2 wieder – versucht die Krise für politische Zwecke zu instrumentalisieren. Sie prangern die Demokratie als Diktatur an und wünschen sich gleichzeitig einen wie Putin. Gut zu Ende gedacht.
9. Angst macht aggressiv. Der Ton in den Sozialen Medien ist in den letzten Monaten noch rauer geworden. Wer nicht wie ich denkt, wird gnadenlos runter gemacht. Dazu lernen will man eher nichts.
10. Verschwörer haben Hochsaison. So ein Virus fällt ja nicht einfach so vom Himmel. Nein, nein, da steckt was Großes dahinter. Der Bill Gates oder der Chinese. Oder vielleicht beide zusammen. Genau, und 5 G. Und die Erde soll rund sein – ha, dass ich nicht lache. Scheiß auf die Aufklärung und die Wissenschaft. Ich glaub da an ganz was anderes. Da bestehe ich auf die Meinungsfreiheit.

Autor: Robert Eichenauer, 30.12.2020