Liebe ohne Treue

Intim werden mit anderen: Was bei monogamen Partnerschaften meist zu Trennungen führt, ist in einer offenen Beziehung erlaubt oder manchmal sogar gewünscht. Schon seit Jahren entscheiden sich immer mehr Paare für Beziehungsmodelle wie polyamoröse oder offene Beziehungen. Was auf den ersten Blick wie ein Konzept für Menschen mit Bindungsängsten klingt, entpuppt sich bei vielen als Glücksgriff und funktioniert auch auf ehrlicher Ebene. „Ich kenne einige verheiratete Paare, die in einer glücklichen offenen Ehe leben. Teilweise sogar mit Kindern“, erzählt die Bloggerin Julia Vogel (julesvogel). Die in Wien lebende Steirerin führt ebenso eine nicht-monogame Beziehung und möchte die gewonnene Offenheit nicht mehr missen. Auf ihrem Blog, Instagram-Feed und Podcast erzählt sie von ihrer Erfahrung mit diesem Beziehungsmodell. Das Fazit? Ein enormer Andrang und viel Interesse.

Polyamorie

In erster Linie gilt es, zwischen einer polyamorösen und einer offenen Beziehung zu unterscheiden. Polyamorie bedeutet, mehrere Menschen gleichzeitig zu lieben, während das Konzept einer offenen Beziehung hauptsächlich darauf aufbaut, auch andere Sexualpartner zu haben. Beide Modelle komplett voneinander zu trennen, ist jedoch schwierig, da eine offene Beziehung oft die Basis für Polyamorie liefert. Und wie es den meisten bekannt ist, ist es gar nicht so einfach, Sex und Gefühle zu trennen. Denn durch körperliche Nähe entstehen auch Emotionen. Die Entscheidung, wie damit umgegangen wird, liegt aber natürlich beim Paar.

Die polyamoröse Szene wird immer größer - Menschen interessieren sich für neue Beziehungsmodelle. Das liegt natürlich vor allem an der Gesellschaft, die immer offener wird. Aber auch Bücher oder Filme, die sich mit dem Thema Sex beschäftigen, tragen zur Experimentierfreude bei. 

Doris Jeloucan

Regel Nummer 1.

Stichwort Entscheidung – eine offene Beziehung braucht auf jeden Fall Regeln, um funktionieren zu können. Geht es nur um Sex oder darf man auch daten? Sind gewisse Menschen, zum Beispiel Bekannte, ausgeschlossen? Will man als Partner alles erfahren? Eine deutliche Kommunikation bildet das Fundament für dieses Beziehungsmodell. „Ehrlichkeit und das klare formulieren von Grenzen und Bedürfnissen ist unglaublich wichtig. Außerdem muss ein gewisses Urvertrauen in die Beziehung gegeben sein“, meint auch Julia.

Selbstreflexion

Mindestens genauso wichtig wie eine klare Kommunikation mit dem Partner ist es, zu sich selbst ehrlich zu sein. Geht man eine offene Beziehung nur ein, um seinen Partner nicht zu verlieren, endet das meist böse. Einerseits scheitert die Beziehung meist sowieso, andererseits verletzt man sich selbst. Deswegen ist es notwendig, sich mit seinen eigenen Wünschen und dem Konzept der offenen Beziehung auseinanderzusetzen. Ist man dann als Paar eiverstanden, steht einer offenen Beziehung nichts mehr im Wege. Für Julia hat diese Form hauptsächlich positive Aspekte, die negativen sieht sie in den Vorurteilen der Gesellschaft gegenüber solchen Beziehungen. Die Paartherapeutin Doris Jeloucan steht diesem Modell eher kritischer gegenüber. „Für wirklich sinnvoll halte ich das nicht, denn wir alle binden uns eigentlich nur an eine Person. Es kann aber ganz sicher klappen.“

Überholtes Modell?

Ist Monogamie also ein überholtes Konzept und ein Überbleibsel aus alten Zeiten? Diesen Gedanken verneinen beide. Julia betrachtet die offene Beziehung vielmehr als Alternative zur Monogamie: „Beziehungen sind so individuell wie Menschen. Es wird immer hunderte verschiedene Arten geben, eine Partnerschaft zu führen.“ Das Interesse an der polyamorösen Szene wird aber auf jeden Fall stärker. „Die Gesellschaft wird experimentierfreudiger – es braucht neue Beziehungskonzepte“, so Jeloucan. Am besten ist es das zu tun, was nachhaltig glücklich macht – Beziehungsmodell hin oder her.

Bei Interesse:

Auch in der Steiermark gibt es eine immer größer werdende polyamoröse Szene. Wer sich dafür interessiert, findet Infos unter www.polyamory.at

Autor: Cornelia Scheucher , 18.07.2020