Interview: „Genug Strom für Elektromobilität“

weekend: Corona ist nach wie vor das bestimmende Thema: In welcher Form hat die Pandemie die Energie Steiermark betroffen?
Christian Purrer: Wir haben an die krisengebeutelten Segmente wie Gastronomie oder Hotellerie deutlich weniger Strom verkauft. Auch in der Industrie gab es ein kurzfristiges Loch. In Summe ist der Rückgang aber nicht so dramatisch, weil in den Haushalten mehr verbraucht worden ist und es einige Segmente gab, denen es doch ganz gut gegangen ist. Es könnte aber 2021 passieren, dass der eine oder andere in finanzielle Schwierigkeiten gerät und die Stromrechnung nicht mehr zahlen kann.

weekend: Das wird jetzt schon einkalkuliert?
Christian Purrer: Wir rechnen schon damit, dass es wirtschaftliche Einbußen geben wird. Einige Firmen werden nach Ablauf der Unterstützung nicht mehr in die Gänge kommen. Man darf auch nicht vergessen, dass der Sommer für die Gastronomie und Hotellerie teilweise noch richtig gut war. Auch deshalb sind wir bis dato mit einem blauen Auge davongekommen. Trotzdem werden wir unser Ergebnis um 15-20 Prozent verschlechtern. Kritisch wird es, wenn für diejenigen, die wieder aufsperren dürfen, die Stundungen und Kredite fällig werden.

weekend: Wird die Energie Steiermark mit erhöhter Kulanz zu Werke gehen?
Christian Purrer: Also, wir haben jetzt in der Krise den Firmen, die im Lockdown waren, die Teilzahlungsbeträge reduziert. Aber ganz ehrlich gesagt: Großflächige Nachlässe wird es für Unternehmen nicht geben. Im privaten Bereich haben wir ohnehin eine Kooperation mit der Caritas und der Sozialabteilung der Stadt Graz. Die sozialen Einrichtungen sollen entscheiden, wer wirklich bedürftig ist. Wir wollen kein Sozialamt sein.

weekend: Gibt es diese Kooperationen schon immer?
Martin Graf: Ja, schon lange. Es gibt auch, unabhängig von Corona, immer schon energiearmutsgefährdete Haushalte. Deshalb haben wir uns für die Kooperation mit der Caritas entschieden, wo wir 100.000 Euro im Jahr bereitstellen. Christian Purrer: Dazu muss man sagen, dass wir, wenn das Geld aufgebraucht ist, schon bereit sind, auch entsprechend Mittel nachzuschießen.

Es könnte aber 2021 passieren, dass der eine oder andere in finanzielle Schwierigkeiten gerät. – Christian Purrer

weekend: Zum Unternehmen selbst: Wie hat sich Corona auf die Arbeit ausgewirkt?
Martin Graf: Ich glaube, der große Erfolg war, dass wir innerhalb von wenigen Tagen mehr als 1.500 Mitarbeiter ins Home Office schicken konnten und das technisch funktioniert hat.

weekend: War da schon etwas geplant oder ist das neu aufgesetzt worden?
Martin Graf: Es hat Vorbereitungen gegeben, aber Corona hat natürlich alles beschleunigt. Davor hatten wir einige hundert User am Tag und dann auf einmal 1.300. Wir wollen Möglichkeiten schaffen, die es den Mitarbeitern erspart, in die Zentrale zu kommen, wenn sie nicht unbedingt notwendig ist.
Christian Purrer: Auch dadurch ist es bis jetzt geglückt, dass wir hier keinen Cluster im Unternehmen aufgebaut haben. Alle, die positiv geworden sind, sind nicht in der Firma positiv geworden, sondern irgendwo im privaten Umfeld. Das heißt, das Testen wird sicher an Bedeutung gewinnen. Wir haben uns auch als mögliche Impfstelle angemeldet – da ist derzeit aber noch nichts Spruchreif.

weekend: Zur Elektromobilität: Die Zulassung von Elektro-Autos steigt stetig. Wird das Netz da vor Probleme gestellt?
Martin Graf: Wir haben Studien und Untersuchungen gemacht, wie sich die erhöhte Nutzung von E-Fahrzeugen auf die Netzbelastung auswirkt. In den nächsten Jahren sehen wir keine Probleme.

weekend: Wenn 50 Prozent der Steirer ein Elektroauto nutzen würden, wäre das immer noch kein Problem?
Martin Graf: Das kann man so nicht sagen, weil es regional sehr spezifisch ist. Man darf eines nicht vergessen: Wie wird denn geladen? Wird bei den Schnellladern oder in der Garage geladen? Dann ist die Frage, ob alle gleichzeitig geladen werden oder es ein „Load Shifting“ gibt, das als Anreiz dient, das Auto früher oder später zu laden. Man darf auch nicht vergessen, dass in den nächsten Jahren die Photovoltaik-Stromspeicher mehr werden. Das hat alles Auswirkungen auf die Netzkapazität.

Es wird fast so getan, als hätten wir jeden Tag ein Blackout. – Martin Graf

weekend: Zurück zum Netz: Die Energie Steiermark hat einen Blackout-Leitfaden präsentiert. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas passiert?
Christian Purrer: Die Gefahr eines Blackouts gibt es seit Jahren. Europa ist ein zusammenhängendes Netzgebiet, von Portugal bis Griechenland und von Skandinavien bis Süditalien, und das funktioniert auf der Basis, dass man versucht, eine Frequenz zu halten. Wenn große Kapazitäten, wie Atomkraftwerke, vom Netz gehen, oder eine Leitung ein Problem hat, dann ist das die Ursache für so ein Blackout. Durch die volatilere Stromerzeugung wird die Wahrscheinlichkeit etwas größer werden. Windparks und PV-Anlagen sind nicht so planbar, wie ein Kraftwerk, das man ein- und ausschalten kann.
Martin Graf: Anfang Jänner hat es ja eine Blackout-Gefahr gegeben, weil es in Südosteuropa zu Ausfällen gekommen ist. Wenn Kraftwerke oder Leitungen ausgeschaltet werden müssen, pendelt sich die Frequenz nicht ein und es werden dementsprechend Verbraucher abgeschaltet. Wenn das dann so weiter geht, kommt es irgendwann wirklich zum Blackout. Das ist aber nicht passiert. Warum? Weil die Netzbetreiber in Europa eng abgestimmt versuchen, das zu verhindern und seit Jahrzehnten eine Menge in die Vermeidung investiert wird. Gleichzeitig darf man nicht vergessen, dass wir in der Steiermark im Jahr 2019 eine durchschnittliche Ausfallszeit von etwa 22 Minuten gehabt haben. Wir haben also eine sehr hohe Versorgungssicherheit. Präventivmaßnahmen sind vernünftig, aber es wird fast so getan, als hätten wir jeden Tag ein Blackout.

weekend: Wir Steirer können also ruhig schlafen?
Martin Graf: Und wenn es im Dunklen ist (lacht).

Autor: Patrick Deutsch, 10.03.2021