Philipp Tschernitz: „Klienten, deren Schicksal mich berührt, komme ich in Honorarfragen ein wenig entgegen.“

Der Klagenfurter Strafverteidiger Philipp Tschernitz erläuterte uns die soziale Motivation, die seinen Berufsalltag prägt, und gewährte uns einen Einblick in die ethischen Dilemmata, die seine Profession teilweise mit sich bringt.
Autor: Stefan Kohlmaier, 03.11.2022 um 09:54 Uhr

Weekend: Warum vertreten Sie mit Vorliebe Mandanten, denen schwere Straftaten zur Last gelegt werden?
Philipp Tschernitz: Ich bin sehr sozial eingestellt und möchte diesen Menschen, bei denen es sich oftmals um Suchtkranke handelt, in erster Linie helfen. Viele von ihnen werden von unserem System allein gelassen und erhalten etwa vielfach nicht die Betreuung sowie Therapien, die ihnen ein Ausbrechen aus dem Teufelskreis aus Drogen und Kriminalität ermöglichen würden. In den meisten Fällen können sie sich auch keinen Anwalt leisten, weshalb ihre Verwandten einspringen müssen. Klienten, deren Situation mich besonders berührt, komme ich in Honorarfragen jedoch ein wenig entgegen.

Weekend: Gibt es in diesem Zusammenhang Fälle, die Ihnen besonders nahe gegangen sind?
Philipp Tschernitz: Das tragische Schicksal eines meiner Mandanten, der auf Basis reiner Indizien eines Mordes für schuldig befunden und anschließend von einem Mithäftling in der Justizanstalt Graz – Karlau mit einem Stuhlbein erschlagen wurde, stellt wahrscheinlich die bedrückendste Episode meiner Karriere dar. Vor allem, weil ich bis heute nicht restlos von seiner Schuld überzeugt bin und ich gerne in einem Berufungsverfahren seine Unschuld bewiesen hätte.

Weekend: Wie stellen Sie eine emotionale Distanz zu diesen psychisch belastenden Aspekten Ihrer Arbeit her?
Philipp Tschernitz: Zunächst einmal darf man sich von keinem Fall zu stark vereinnahmen lassen. Ich versuche darüber hinaus belastende Erlebnisse beim Skifahren, Mountainbiken oder Eishockeyspielen zu verarbeiten und anschließend ad acta zu legen. Außerdem spendet mir auch meine Familie ungemein viel Kraft.

 

Rechtsanwalt Philipp Tschernitz, der in einem Anzug vor seinem offenen Bürofenster steht.

Weekend: Erschwert das Leid der Opfer manchmal die Verteidigung eines Täters?
Philipp Tschernitz: Selbstverständlich bewegen mich auch die Schicksale der Opfer. Als Strafverteidiger muss ich selbige jedoch ein Stück weit ausblenden, da meine oberste Priorität der bestmöglichen Vertretung meines Klienten gilt. Hinzu kommt, dass beispielsweise die Verhandlung von Beziehungstaten oder Missbrauchsvorfällen meist nicht auf Basis unwiderlegbarer Beweise erfolgt und auch nicht jedes potenzielle Opfer immer die Wahrheit sagt.

Weekend: Verspüren Sie Gewissensbisse, wenn Sie einen tatsächlich Schuldigen vor einer Verurteilung bewahren?
Philipp Tschernitz: In den meisten Strafprozessen zielt die Verteidigung nicht darauf ab, den Angeklagten vollständig zu rehabilitieren, sondern eine Verurteilung für ihn zu erwirken, die ihm eine hoffnungsvolle Zukunftsperspektive eröffnet. Natürlich sind mir oftmals belastende Details bekannt, von denen die restlichen Prozessteilnehmer keine Kenntnis haben. In unserem Rechtsstaat obliegt es jedoch der Staatsanwaltschaft, die Schuld eines Angeklagten zu belegen. Ich würde allerdings nie die Rolle des Richters übernehmen wollen.