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Ein Fußballspieler jubelt, zwei dahinter sind fassungslos
Bellingham (vorne) jubelte über den Einzug ins Halbfinale, die Norweger waren fassungslos.
Bellingham (vorne) jubelte über den Einzug ins Halbfinale, die Norweger waren fassungslos.
APA-Images / AFP / PATRICIA DE MELO MOREIRA

Norwegen – England: Bellingham beendet Haalands Siegeszug

12.07.2026 um 09:59, Cornelia Scheucher
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Bellingham entscheidet ein intensives Viertelfinale gegen Norwegen mit einem Doppelpack. Im Fokus: ein umstrittener Ausgleich, ein Torwart-Fehler und Stolz.

England setzte sich im Viertelfinale der WM mit 2:1 nach Verlängerung gegen Norwegen durch und steht im Halbfinale. Jude Bellingham erzielte beide englischen Treffer – den Ausgleich kurz vor der Pause und den entscheidenden Treffer in der Verlängerung. In der 93. Minute nutzte der Mittelfeldspieler einen schweren Fehler von Ørjan Nyland. Nach einem eher harmlosen Schuss von Morgan Rodgers klatschte der norwegische Torhüter den Ball nach vorne, Bellingham reagierte am schnellsten und drückte den Abpraller zum 2:1 über die Linie. England verteidigte den Vorsprung in der Verlängerung und sicherte damit das Ticket für das Halbfinale.

Spielverlauf: Norwegens Führung, Englands Wende

Norwegen brachte die Partie zunächst in die gewünschte Bahn. In der 36. Minute traf Andreas Schjelderup mit einem wuchtigen Schuss aus schwierigem Winkel per Innenpfosten zum 1:0.  Kurz vor der Pause gelang England der umstrittene Ausgleich. Nach einem schnellen Angriff landete der Ball über Elliot Anderson bei Anthony Gordon, der im Strafraum Jude Bellingham bediente. Der Mittelfeldspieler traf in der 45.+2 Minute zum 1:1 – ein Tor, das Norwegen heftig reklamierte, das aber Bestand hatte.

In der zweiten Halbzeit drängte Norwegen erneut auf die Führung. Rund eine Viertelstunde vor Schluss traf Kristoffer Ajer mit einem wuchtigen Kopfball nur die Latte. Später jubelten die Norweger kurz: Ein Treffer von Torbjörg Heggem zum vermeintlichen 2:1 wurde wegen eines Schubsers von Erling Haaland zurückgenommen. Schiedsrichter Clément Turpin wertete das Einsteigen des Stürmers als Foul, der VAR griff nicht korrigierend ein.

Haaland, der Norwegen mit sieben Treffern durch das Turnier getragen und damit sieben der 13 WM-Tore seines Teams erzielt hatte, musste vor der zweiten Hälfte der Verlängerung vom Feld. Ohne seinen Ausnahmestürmer lief Norwegen in der Schlussphase an, fand aber keine Antwort mehr auf Bellinghams entscheidenden Treffer.

Spider-Cam-Eklat um den Ausgleich

Der Ausgleich zum 1:1 stand im Mittelpunkt eines Technik-Eklats. TV-Bilder legen nahe, dass ein Abstoß von Ørjan Nyland unmittelbar vor der englischen Kombination zum Tor das Kabel der Spider Cam berührte. Nach dem möglichen Kontakt fiel der Ball auffällig steil zu Boden – direkt vor die Füße von Elliot Anderson, über den schließlich Anthony Gordon und Bellingham den Ausgleich einleiteten.

Norwegens Spieler umzingelten nach dem Tor Schiedsrichter Turpin und reklamierten heftig. Sie waren überzeugt, dass der Ball zuvor das Kamerakabel berührt hatte. In der Halbzeitpause suchte Teamchef Ståle Solbakken das Gespräch mit dem Schiedsrichterteam und protestierte gegen die Anerkennung des Treffers. Er erklärte später, seine Spieler seien von der Szene mit dem möglichen Kabelkontakt sichtbar verwirrt.

Die Fifa legte nach der Partie eine eigene Auswertung vor. Sie teilte mit, die Daten aus dem im Spielball eingebauten Chip würden nicht belegen, dass der Ball vor Bellinghams Treffer das Kamerakabel berührt habe. Der Sensor im Ball, der jede Berührung mit Zeitpunkt und Intensität erfasst, habe keinen „Herzschlag“ registriert. In einem Video erklärte der Weltverband, es gebe keinen Beweis, dass der Ball das Kabel getroffen und seine Flugbahn verändert habe.

Schiedsrichterexperte Patrick Ittrich ordnet die Szene regeltechnisch ein. Grundsätzlich sei bei einem Ballkontakt mit einem Gegenstand, der nicht zum Spiel gehört, ein Schiedsrichterball vorgeschrieben, sofern dieser Kontakt Einfluss auf das Spielgeschehen habe. Sei ein solcher Einfluss nicht feststellbar, werde weitergespielt. Für das Viertelfinale England gegen Norwegen kommt Ittrich zu dem Schluss, dass kein relevanter Einfluss auf das Spiel nachweisbar sei. Die Entscheidung auf dem Feld sei daher als Tatsachenentscheidung zu akzeptieren und keine klare Fehlentscheidung.

Ex-Referee Mark Clattenburg vertritt hingegen die Auffassung, dass der VAR eingreifen müsse, wenn der Ball ein Objekt berührt, das nicht zum Spielfeld gehört. Genau diese Berührung kann die Fifa mit den Ballchip-Daten jedoch nicht bestätigen – das Tor bleibt, die norwegische Empörung ebenso.

Nylands Tragik und Norwegens Schlüsselspieler

Im Mittelpunkt des Dramas steht Ørjan Nyland. Der Torhüter, dessen Vertrag beim FC Sevilla ausgelaufen ist und der seit 1. Juli vereinslos ist, spielte bis zu diesem Viertelfinale ein starkes Turnier. Im Achtelfinale gegen Brasilien parierte er einen Elfmeter von Bruno Guimarães und hielt mehrere gefährliche Abschlüsse von Vinícius Júnior, Cunha, Rayan und Endrick. Im K.-o.-Duell mit der Elfenbeinküste verhinderte er mit späten Paraden den Ausgleich.

Gegen England wurde Nyland zur tragischen Figur. Zunächst sorgte der misstrauisch beäugte Abstoß vor dem 1:1 für Aufregung, in der Verlängerung unterlief ihm der folgenschwere Fehler vor Bellinghams Siegtreffer. Nach dem Schlusspfiff weinte der 33-Jährige und stand minutenlang mit hängendem Kopf an einer Tribünenmauer, wo ihn seine Frau Tine und seine Söhne trösteten.

Norwegen verabschiedet sich dennoch mit erhobenem Kopf aus dem Turnier. Trainer Ståle Solbakken verweist auf die besonderen Qualitäten seiner Mannschaft, die in den Spielen gegen Brasilien und England aus einer zunächst vermeintlich passiven Haltung immer wieder mit kollektivem Powerplay überrascht. 

Jubel in Norwegen und Blick nach 2026

Trotz aller Enttäuschung überwiegt beim Teamchef der Stolz. Er betont, man habe fantastische Unterstützung aus ganz Norwegen gehabt und sei dem Hype gerecht geworden. Das Team sei seit sechseinhalb Wochen zusammen, ohne dass jemand gelangweilt sei. In Oslo feierten 135.000 Menschen die Mannschaft beim Public Viewing bis weit nach Mitternacht – ein Zeichen, wie sehr dieses Team die Nation mitgerissen hat. Für Nyland und Haaland endet diese WM zwar schmerzhaft, doch Norwegen hinterlässt den Eindruck einer gewachsenen Mannschaft, die auf großer Bühne angekommen ist.

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