Glasner zu Milan: Vom Krankenbett ins San Siro
- Langer Anlauf: Riedau, Ried, Rangnick
- „Es war eine Bauchentscheidung"
- Glasner schreibt Geschichte bei Crystal Palace
- Sechs Stunden mit Ibra
- Immer Erfolg – und immer Streit
- Oliver Glasner: Der Bub aus Riedau
Kopenhagen, 4. August 2011. Bettina Glasner hebt zu Hause in Riedau den Telefonhörer ab. Am Apparat: ein dänischer Arzt. Ihr Mann liegt bewusstlos auf der Intensivstation. Sie soll sofort „Ja" sagen – zur Notoperation an seinem Gehirn.
Fünfzehn Jahre später sitzt derselbe Mann sechs Stunden lang in einer deutschen Hotellobby. Gegenüber: Gerry Cardinale, Besitzer von AC Milan, und Zlatan Ibrahimović persönlich. Sie wollen ihn. Unbedingt.
Das ist die Geschichte von Oliver Glasner. Und sie beginnt nicht in Mailand.
Glasners langer Anlauf: Riedau, Ried, Rangnick
Riedau ist eine Gemeinde im oberösterreichischen Innviertel mit rund 2.000 Einwohnern. Hier wuchs Oliver Glasner auf, hier spielte er ab 1981 beim SV Riedau in der Nachwuchsabteilung. Seine Familie lebt dort bis heute. Als er nach dem Conference-League-Finale 2026 in Leipzig gefragt wurde, was er als Erstes tun wolle, sagte er: „Ich werde nach Hause zurückkehren, mich erholen und die Zeit mit meiner Familie genießen." Nicht London. Nicht Mailand. Riedau.
Als Profi spielte Glasner fast seine gesamte Karriere beim SV Ried – insgesamt 570 Profispiele, davon 410 in der österreichischen Bundesliga. Im Juli 2011 prallte er im Match gegen Rapid Wien heftig mit Mario Sonnleitner zusammen und zog sich eine Gehirnerschütterung zu. Glasner reiste trotzdem zum Europa-League-Qualifikationsspiel nach Kopenhagen. Beim Abschlusstraining brach er zusammen.
Zimmerkollege Thomas Gebauer rief den Teamarzt. Die Diagnose: ein Subduralhämatom – eine Blutung zwischen Hirn und Hirnhaut. Glasner war nicht mehr ansprechbar. Seine Frau Bettina musste per Telefon die Einwilligung zur Notoperation geben. „Von da an weiß ich nichts mehr", sagt Glasner. „Als ich im Krankenhaus lag, wurde mir klar, was wichtig im Leben ist."
Am 23. August 2011 erklärte er seinen Rücktritt vom Profifußball. Mit 36 Jahren, auf Anraten der Ärzte.
Glasner: „Es war eine Bauchentscheidung"
Es sollte aber nicht das endgültige Ende am Platz sein. Ralf Rangnick fragte Glasner, ob er Assistent bei Roger Schmidt in Salzburg werden wolle. Aus der Verletzung war plötzlich eine Trainerkarriere geworden.
Aber Glasner hat seinen eigenen Plan. Als ein Assistenzvertrag bei Bayer Leverkusen bereits unterschriftsreif auf dem Tisch lag, lehnte er ab. Ein Angebot des SV Ried als Cheftrainer kam dazwischen und er zog es vor, selbst Verantwortung zu übernehmen. „Es war eine Bauchentscheidung. Mich hat einfach mehr gereizt, selbst als Cheftrainer in der Verantwortung zu stehen."
Beim LASK erzielte er einen Punkteschnitt von 1,97 pro Pflichtspiel über 155 Partien. Dann VfL Wolfsburg, dann Eintracht Frankfurt mit dem Europacup-Sieg 2022. Und schließlich ab Februar 2024 Crystal Palace – ein Klub der sich zum damaligen Zeitpunkt auf dem 15. Tabellenplatz der Premier League befand.
Glasner schreibt Geschichte bei Crystal Palace
Was Glasner bei Crystal Palace in zweieinhalb Jahren geleistet hat, ist – kein anderes Wort passt – historisch: FA Cup 2025 (1:0 gegen Manchester City), Community Shield 2025, Conference League 2026 – Finale am 27. Mai in Leipzig, 1:0 gegen Rayo Vallecano, Tor durch Jean-Philippe Mateta in der 51. Minute.
Drei Titel für Crystal Palace und alle drei die ersten in der 120-jährigen Vereinsgeschichte der Eagles.
Der zweite Europacup-Titel war für Glasner zudem Ticket für eine Liga, die seit 1992 verwaist war. Als erst zweiter österreichischer Trainer nach Ernst Happel hält er nun zwei europäische Trophäen in den Händen.
Milan will Glasner: Sechs Stunden mit Ibra
Am 3. Juni 2026, wenige Tage nach dem Triumph in Leipzig, saß Glasner in einem Hotel irgendwo in Deutschland. Sechs Stunden lang, wie die "Gazetta della Sport" berichtet. Auf der anderen Seite des Tisches: AC-Milan-Besitzer Gerry Cardinale und Klub-Berater Zlatan Ibrahimović.
Laut dem renommierten Sportmedium ist Glasner derzeit der Wunschkandidat der Mailänder Klubführung. Medienberichte sprechen von einem möglichen Jahresgehalt von fünf Millionen Euro netto – ein offizielles Statement liegt dazu bislang freilich nicht vor. Laut Medienberichten bevorzugt Ibrahimović intern allerdings Mauricio Pochettino – es soll letztlich Cardinale sein, der die Entscheidung trifft.
Ab 30. Juni 2026 ist Glasner jedenfalls vertragslos. Als Alternativen gelten Fulham und ein bewusstes Sabbatical.
Palace-Vorsitzender Steve Parish kennt seinen Trainer gut: „Für Oliver müssen die Bedingungen passen. Es geht darum, dass er Bedingungen vorfindet, um seine Ziele zu erreichen. Oliver will Dinge gewinnen."
Immer Erfolg – und immer Streit
Glasner verlässt Vereine regelmäßig nach rund zwei Jahren – und verlässt sie selten geräuschlos. In Wolfsburg überwarf er sich mit Sportchef Jörg Schmadtke über die Transferpolitik. In Frankfurt begann es nach dem Europacup zu brodeln. Eine DPA-Analyse trifft es gut: „Glasner anzustellen, kann eine Herausforderung sein. Er bringt unermüdlichen Tatendrang sowie massiven Ehrgeiz mit – und verlangt dasselbe von jedem im Club." Das ist kein Fehler. Das ist Charakter.
Bei Crystal Palace eskalierte der Streit um den Abgang von Kapitän Marc Guéhi: Glasner sagte öffentlich, sein Team fühle sich „komplett verlassen". Aber: Fünf Monate nach diesem Satz hob er den Conference-League-Pokal in die Luft.
Oliver Glasner: Der Bub aus Riedau
Die Geschichte von Oliver Glasner ist auch eine Geschichte darüber, was passiert, wenn ein Mensch beinahe alles verliert und danach klarer sieht. „Es war ein gravierender Einschnitt, wenn du munter wirst, dich an nichts erinnern kannst und die Schläuche überall aus dir rauskommen", sagt er über die Nacht in Kopenhagen. „Da reduziert man sich auf das Wesentliche."
Heuer stellt Österreich acht Trainer auf Topniveau im europäischen Ausland – aber einen Glasner gibt es nur einmal.
Ob San Siro oder Sabbatical, Mailand oder Mostschank: Dieser Mann ist schon aus einer Notoperation in Kopenhagen aufgestanden und hat dabei Europa zweimal gewonnen. Was soll ihm da noch passieren. Der Oli aus dem Innviertel – er macht das schon.