Oliver Glasner: Vom Krankenbett zum Europacup-Triumph
- Kopenhagen, 4. August 2011
- Oliver Glasner holt Europacup-Titel
- Zurück in London: Nicht nur Glamour
- Der Balkon in Riedau
- Ernst Happel und jetzt Glasner
4. August 2011, eine Umkleide in Kopenhagen. Oliver Glasner, 36 Jahre alt, bricht nach dem Abschlusstraining zusammen. Sein Telefon klingelt in Riedau, Oberösterreich.
Seine Frau Bettina Glasner nimmt ab und muss – die Kinder im Hintergrund – die Entscheidung über das Leben ihres Mannes treffen. Das ist die Geschichte, die du heute kennen musst; nicht die Tore, nicht die Tabelle. Sondern die hinter dem Mann, der am 27. Mai 2026 in Leipzig den Europacup in die Luft gehoben hat.
Oliver Glasner holt Europacup-Titel
Crystal Palace schlägt Rayo Vallecano 1:0. Jean-Philippe Mateta trifft in der 51. Minute. Und Oliver Glasner — ein fast-52-Jähriger aus dem Innviertel, geboren in Salzburg, aufgewachsen in einem Dorf mit 2.000 Einwohnern — hält den Pokal der UEFA Conference League in den Händen. Es ist bereits sein zweiter Europacup-Titel nach der Europa League mit Eintracht Frankfurt 2022.
Was danach folgt, hat bereits jetzt Zeug zum Kultstatus. Glasner rutscht im Klinsmann-Stil über den bewässerten Rasen des Stadions.
Drei Titel in zweieinhalb Jahren für einen Klub, der 119 Jahre lang keinen einzigen großen Pokal gewonnen hatte – Crystal-Palace-Mittelfeldspieler Adam Wharton bringt es auf den Punkt „Der Unterschied, den er in zweieinhalb Jahren gemacht hat, ist unglaublich. Drei Titel für Palace. Die ersten drei in der Geschichte des Vereins. Er muss einer der besten Trainer sein, die Palace je hatte.“
Kopenhagen, 4. August 2011
Aber fangen wir wirklich von vorne an. Im Juli 2011 zieht sich Glasner als Kapitän für den SV Ried im Spiel gegen Rapid Wien durch ein Kopfduell mit Mario Sonnleitner eine Gehirnerschütterung zu. Trotzdem fliegt er mit nach Kopenhagen, absolviert beim Abschlusstraining extra Kopfbälle, um seine Spieltauglichkeit zu beweisen.
Der Einsatz hat seinen Preis, das Experiment geht nicht gut aus: Glasner kollabiert. Diagnose: Subduralhämatom — eine Blutung zwischen Gehirn und Hirnhaut. Im Rigshospitalet Kopenhagen wird die Schädeldecke geöffnet.
Da Glasner nicht mehr ansprechbar ist, ruft das Krankenhaus in Riedau an. Bettina Glasner gibt ihr Einverständnis zur Not-OP. Glasner erinnert sich: „Leichte Erinnerungen habe ich an das erste Krankenhaus. Dann weiß ich bis nach der Operation gar nichts mehr."
Die Ärzte raten ihm ab, je wieder zu spielen. Glasner hört auf sie: „Das wäre meiner Familie und auch mir gegenüber sehr fahrlässig gewesen." Und dann der grausam-schöne Twist: „Ich gehe davon aus, dass mir die Kopfbälle im Training das Leben gerettet haben. Ohne sie wäre die Blutung nicht entdeckt worden."
Die Verletzung, die seine Karriere beendete, rettete ihm also wahrscheinlich sogar das Leben.
Zurück in London: Nicht nur Glamour für Glasner
In London läuft für Glasner nicht immer alles glatt. Im Februar 2026 steckt Crystal Palace in einer schweren Formkrise — mitgereiste Fans singen beim Auswärtsspiel „sacked in the morning" in Richtung ihres eigenen Trainers. Glasners Reaktion: „Das Wichtigste ist Demut. ‚Stay humble.' Vergesst nie, wo ihr herkommt."
Die Fans reagieren beim nächsten Heimspiel mit einem Banner: „Fans disrespected — Glasner finished.“ Ex-Palace-Trainer Sam Allardyce kommentiert: „Er muss etwas bescheidener werden. Er hat seinen Ruf beschädigt, obwohl er mit so wenig bei Crystal Palace so viel erreicht hat.“ Allardyce spekuliert sogar, Glasner habe den Streit absichtlich provoziert, um seinen Vertrag vorzeitig aufzulösen. Belege dafür liefert er allerdings keine.
Was in den Augen britischer Beobachter ein PR-Desaster war, ist für den gelernten Österreicher schlicht Innviertler Direktheit. Glasner meinte es als Erinnerung an kollektive Bescheidenheit, nicht als persönlichen Angriff. Wer ihn kennt, weiß das. Und wer es nicht glaubt: Drei Monate später hebt er in Leipzig den Pokal in die Luft.
Glasners verdietnte Auszeit: Der Balkon in Riedau
Während Oliver Glasner London und Europa eroberte, blieb Bettina Glasner mit den drei Kindern in Riedau. Mehr als zwei Jahre lang.
Nach dem Finale sagt Glasner selbst, was sein erster Gedanke ist — nicht London, nicht die nächste große Station, sondern der Balkon in Riedau. „Ich werde nach Hause zurückkehren, mich erholen und die Zeit mit meiner Familie genießen", sagt er. „Nach diesem anstrengenden Terminkalender ist es jetzt an der Zeit, die verlorene Zeit mit ihnen nachzuholen."
Auch das ist Toptrainer Glasner: Ein Bub aus einem 2.000-Seelen-Dorf, der zweimal in seinem Leben von vorne begonnen hat — einmal aus einem Krankenhaus in Kopenhagen, einmal vom Selhurst Park aus. Beide Male hat er sich das Recht erarbeitet, nach Hause zu fahren und einfach nur dort zu sitzen.
Ernst Happel und jetzt Glasner
Mit dem Conference-League-Triumph ist Glasner nach Ernst Happel erst der zweite österreichische Trainer mit zwei Europacup-Titeln. Happel gewann 1970 mit Feyenoord Rotterdam und 1983 mit dem Hamburger SV, Glasner 2022 mit Frankfurt und 2026 mit Palace.
Was als Nächstes kommt, ist offen. Glasner lässt durchblicken, dass er sich zunächst eine Auszeit gönnen und die Familie in Riedau sehen will. Über konkrete Angebote hat er sich noch nicht geäußert.
Und das, so darf man sagen, ist auch gut so. Der Mann hat sich eine Pause verdient — auf dem Balkon in Riedau, mit Bettina und den Kindern, weit weg von Trainingsplatz und Pressekonferenz. Das Schöne daran: Er weiß genau, dass er jederzeit zurückkommen kann. Denn wer zweimal neu anfängt, hat keine Angst mehr vor dem nächsten Anfang.