Die Herausforderung Kitzbühel im TV: Bilder für Millionen

Mehr als 500 Millionen Augenpaare weltweit sind auf die Streif gerichtet. Das Kitz-Wochenende ist die Super Bowl des Skisports, das Wimbledon im Schnee. Um die ganze Faszination der spektakulärsten Abfahrt der Welt auch über die TV-Schirme zu präsentieren, werden keine Mühen gescheut. Der ORF rückt mit rund 50 Kameras an, die an fix installierte Glasfaserkabel angeschlossen werden. Vor 40 Jahren waren nur sieben Kameras an der Strecke postiert, die kaum die Hälfte der Fahrzeit abdecken konnten: Vom Start bis zur Steilhang-Ausfahrt und dann erst wieder ab der Hausbergkante. Dazu eine Handkamera im Zielraum und zwei am Start – das war’s.

Immer neue Investitionen

Als der legendäre ORF-Regisseur Lucky Schmidtleitner vor 60 Jahren mit Übertragungen begann, musste er gar nur mit vier Kameras auskommen. Dann brachte er ein damals völlig neuartiges Gerät mit extra großer Brennweite nach Kitzbühel, das Schmidtleitner am Kitzbüheler Horn postieren ließ – das Prinzip der „Gegenhangkamera“ war geboren.

Immer neue Innovationen setzten die Streif über die Jahrzehnte in Szene, nach Schmidtleitner waren auch Fritz Melchert und nun Michael Kögler stets auf der Suche nach noch besseren Positionen, noch modernerer Technik, noch besseren Bildern und noch spektakuläreren Übertragungen.

Geschwindigkeit erleben

Seit einigen Jahren ist sogar das Gleitstück zwischen Steilhang und Alter Schneise mit fixen Kameras ausgestattet. „Das ist möglich, weil auch kleine Geräte heute eine hohe Übertragungsqualität liefern“, erklärt ORF-Regisseur Michael Kögler, der stets an Details tüftelt, wie man noch mehr herausholen kann. So wurde letztes Jahr eine „Spider-Cam“ zwischen dem Lärchenschuss und dem Oberhausberg gespannt, welche die Läufer verfolgte – so wurde das Tempo erlebbar.

Dieses Jahr hat man von der FIS sogar die Ausnahmegenehmigung bekommen, mit Drohnen zu filmen. „Diese hat die FIS eigentlich seit einigen Jahren streng verboten“, so Kögler, „aber weil Kitzbühel so ein großes, wichtiges Rennen ist, dürfen wir sie nun wieder einsetzen!“ Zusätzlich sind auch wieder elf sogenannte „Hyper-Motion-Kameras“ im Einsatz, die bis zu 2.000 Bilder pro Sekunde für Super-Zeitlupen-Bilder liefern.

Herausforderung Mausefalle

Besonders schwierig ist es, die Mausefalle in Szene zu setzen. Ist man zu nah dran, geht das Gefühl für die Steilheit verloren. Ist man zu weit weg, kann man die Geschwindigkeit kaum vermitteln. Auf der Suche nach neuen Blickwinkeln kam letztes Jahr Bode Miller auf Kögler zu: „Versucht mal, es so zu zeigen, wie wir Fahrer es erleben – als Sprung ins Bodenlose!“ Gesagt, getan. Die Kamera wurde in Fahrtrichtung rechts postiert, während die Läufer links zur Mausefalle abbogen – die Rückmeldungen waren sehr positiv. Dafür muss man auch reagieren, wenn etwas nicht funktioniert.

Vor einigen Jahren wurde beim Seidlalm-Sprung ein Kameraturm errichtet, der prompt bei Stürzen zweimal beinahe gerammt worden wäre. Nun verrichtet dort ein Schwingkran seinen Dienst. Andere Wunschpositionen, wie im Steilhang, können nicht verwendet werden, weil sie sonst Pistengeräte blockieren würden.

Von Kitzbühel in die Welt

Eine der Innovationen, die in Kitzbühel der großen Sportwelt vorgestellt wurde, hat es auch längst in die NFL geschafft: Die „Gimbal-Cam“, welche den Fahrer im Vordergrund scharf zeigt, den Hintergrund aber etwas verschwommen. Damit vermittelt diese Technik dem Fernsehzuseher ein sehr unmittelbares Gefühl von lebensechter Bildtiefe, die es bisher bei Live-Übertragungen so nicht gegeben hat. „Techniker Andi Sacherer hat diese Gimbal-Cam zwei Jahren mitgehabt, wir haben sie beim Sieg von Matthias Mayer im Zielraum verwendet“, erzählt ORF-Regisseur Kögler, „das hat ein Kollege aus den USA gesehen, dort bei American-Football-Übertragungen verwendet und allen als große Neuheit verkauft. Aber eigentlich ist das von uns in Österreich erstmals eingesetzt worden!“ Auch beim Weltcup-Auftakt in Sölden ist diese Technik in Verwendung.

Emotionen erzeugen

Bei aller Technik steht aber vor allem eines im Mittelpunkt: Die sportliche Höchstleitung zu präsentieren und die Emotionen zu erzeugen. Eine Übertragung braucht einen roten Faden, eine Geschichte, die erzählt wird. In Kitzbühel gehört auch die Geschichte der Strecke und die Tradition der Rennen mit dazu. Wer hier gewinnt, wird zum Helden.

Das soll auch TV-Zuseher erreichen, die sonst keine Ski-Rennen sehen. „Man darf nie stehen bleiben und muss immer das Bestreben haben, noch besser zu werden“: Dieser Satz von ORF-Regisseur Michael Kögler gilt nicht nur für Athleten. Er gilt genauso für jene zahllosen Menschen, die dazu beitragen, dass die TV-Übertragung aus Kitzbühel einzigartig sind – und bleiben.​

Autor: Philipp Eitzinger, 21.01.2022