Peter Hanke im Interview: „Ohne ideologische Brille“
- Österreichs Infrastruktur
- ÖBB und Deutsche Bahn
- KlimaTicket und Mobilitätswende
- Straße, S1 und Verkehrssicherheit
- Flugverkehr und Standort
- Innovation und Forschung
- Zur Person
Viele Menschen haben das Gefühl, dass in Österreich ständig gebaut wird. Wo wird es in den nächsten Jahren die größten Verbesserungen geben?
Peter Hanke: Infrastruktur ist seit Jahrzehnten eine Stärke Österreichs und Europas. Wo wir unbedingt punkten müssen – in der Stadt wie im ländlichen Raum –, ist die Mobilität. Wir investieren weiter auf sehr hohem Niveau in die Schiene. Die Menschen merken das an besseren Verbindungen, neuen Zügen und großen Projekten. Die Koralmbahn ist eröffnet, der Semmering-Basistunnel folgt, und der Brenner-Basistunnel wird ein unglaubliches Infrastrukturprojekt für Güter- und Personenverkehr.
Die Deutsche Bahn kämpft mit massiven Problemen. Hat Österreich rechtzeitig investiert?
Hanke: Wir haben in Österreich seit vielen Jahren ein Zielnetz und darunter einen sechsjährigen ÖBB-Rahmenplan. Das gibt Planungs- und Investitionssicherheit. Deshalb haben wir nicht diesen Nachholeffekt wie Deutschland, wo über Jahre zu wenig in Infrastruktur investiert wurde. Aber da schwingt keine Freude mit: Beim Brenner-Nordzulauf sind wir darauf angewiesen, dass es ein gemeinsames europäisches Vorgehen gibt. Die volle Kapazität des Brenner-Basistunnels können wir nur nützen, wenn auch die Zulaufstrecke aus Deutschland funktioniert.
Mobilität muss offen sein, sie muss Freiheit ermöglichen und darf nicht ideologisch sein.
ÖBB und Deutsche Bahn
Die ÖBB gelten im Vergleich zur Deutschen Bahn als deutlich stabiler. Was macht Österreich besser?
Hanke: Entscheidend ist, dass wir langfristig planen. Projekte werden nicht einfach gestrichen, sondern maximal verschoben. Zielnetz, Rahmenplan und operative Abarbeitung gehören zusammen. Genau dadurch ist uns erspart geblieben, was Deutschland heute stark belastet: ein enormer Investitionsrückstand, der sich über viele Jahre aufgebaut hat.
Sie haben auch eine ÖBB-Reform angesprochen. Worum geht es dabei?
Hanke: Ich sehe die ÖBB als Musterunternehmen in Europa. Wir sind neben der Schweiz eines der stärksten Bahnländer Europas, und ich möchte, dass das so bleibt. Dafür muss man auch die einen oder anderen Schritte setzen. Es geht darum, die ÖBB für die Zukunft gut aufzustellen und ihre Stärke zu sichern.
Reisen Sie selbst viel mit dem Zug?
Hanke: Ja, oftmals mittlerweile mit dem Nightjet. Für mich ist es angenehm, wenn man am Abend in den Zug steigt und am nächsten Morgen einen Termin wahrnehmen kann. Auch Strecken wie Wien–Salzburg oder Wien–Klagenfurt sind ideale Möglichkeiten, eine Ergänzung zum Pkw zu finden. Wenn ich mit dem Auto fahre, fahre ich einen Hybrid und versuche, die Themen bestmöglich abzubilden.
KlimaTicket und Mobilitätswende
Das KlimaTicket ist teurer geworden. Gab es deshalb einen Einbruch?
Hanke: Nein. Es gibt geringfügige Abweichungen, die erklärbar sind. Wir haben eine Wirtschaftslage, die für viele Menschen angespannt ist. Trotzdem halte ich das KlimaTicket für ein attraktives Produkt. Es ist wichtig, dass wir gute Angebote für den öffentlichen Verkehr haben.
Wie soll Mobilität in Österreich künftig funktionieren?
Hanke: Man muss das Mobilitätsbedürfnis der Menschen ideologiefrei beurteilen. Man darf nicht den Pkw gegen die Bahn ausspielen und auch nicht den Flugverkehr gegen Bahn oder Pkw. Es braucht unterschiedliche Angebote für unterschiedliche Lebenssituationen. Gerade im ländlichen Raum sind die Anforderungen andere als in der Stadt, wo man oft nur ein paar Schritte zur nächsten U-Bahn hat.
Straße, S1 und Verkehrssicherheit
Sie gelten aber auch nicht als Straßengegner. Welche Rolle spielt die Straße künftig?
Hanke: Ich möchte wichtige Verbindungen im österreichischen Verkehrsnetz fertigstellen. Dazu gehören etwa Projekte wie die S10, die Murtalstraße, die A5 oder die S1. Das bringt auch starke Wirtschaftsimpulse. Rund um Wien fehlt bis heute ein vollständiger Ringschluss. Ich möchte hier keine emotionalen Verwerfungen verursachen, sondern Fortschritt generieren. Eine wachsende Metropole mit zwei Millionen Einwohnern braucht sozialen Wohnbau, aber eben auch einen reibungsfreien Ablauf im Mobilitätsbereich.
Welche Themen liegen Ihnen besonders am Herzen, auch wenn sie weniger sichtbar sind?
Hanke: Wichtig ist mir die Verkehrssicherheit. E-Bikes, E-Scooter und E-Mopeds verändern die Mobilität, vor allem in den Ballungszentren. Dafür braucht es klare Spielregeln, die wir mit unserer StVO-Novelle auf den Weg gebracht haben.
E-Mopeds sind ab Oktober nicht mehr auf Radwegen unterwegs, sondern auf der Straße.
Warum ist Ihnen diese Regelung so wichtig?
Hanke: Es geht darum, das Sicherheitsgefühl aller Verkehrsteilnehmer zu erhöhen. Die neue Mobilität bringt viele Vorteile, aber sie braucht klare Regeln. Gerade dort, wo Radfahrer, Fußgänger und neue elektrische Fahrzeuge auf engem Raum unterwegs sind, müssen wir für mehr Ordnung und Sicherheit sorgen.
Flugverkehr und Standort
Sie haben gerade zusätzliche 60 Millionen Euro für den Flugverkehr 2027 und 2028 auf den Weg gebracht – um die Flugabgabe zu senken?
Hanke: Die Flugbranche steht im internationalen Wettbewerb. Deshalb müssen wir bei den Rahmenbedingungen immer auch auf die Nachbarländer schauen und die Wettbewerbsfähigkeit berücksichtigen. Gleichzeitig geht es darum, die Anbindung der Bundesländer und die Konnektivität des Standorts Österreich zu sichern.
Warum ist das gerade jetzt ein Thema?
Hanke: Hier haben wir unter den zahlreichen Krisen der letzten Jahre gelitten, die zum Teil noch nicht überstanden sind – Stichwort Ukraine oder Straße von Hormus. Wir führen deshalb intensive Gespräche mit den Stakeholdern der Branche, um eine gute Entwicklung für den Luftverkehr sicherzustellen. Bis Ende September werde ich entscheiden, wie diese 30 Millionen Euro pro Jahr am besten eingesetzt werden.
Innovation und Forschung
Wie steht es um den Innovationsstandort Österreich?
Hanke: Österreich hat starke Universitäten, Forschungseinrichtungen und Unternehmen, die in ihren Bereichen Weltspitze sind. Jetzt geht es darum, diese Stärken, etwa in der Weltraum- und Luftfahrt sowie der Quantentechnologie, auszubauen und Innovationen schneller in die Anwendung zu bringen.
Wird Österreich als Innovationsstandort manchmal unterschätzt?
Hanke: Ja, manchmal schon. Wir haben viele Unternehmen, die in ihren Nischen international hervorragend positioniert sind. Gerade für ein kleines Land wie Österreich ist es wichtig, sich auf Stärkefelder zu konzentrieren. Dort können wir Wertschöpfung schaffen, Arbeitsplätze sichern und international sichtbar bleiben.
Was reizt Sie an diesem breiten Ressort besonders?
Hanke: Man hat die Chance, einen Konjunkturmotor anzuwerfen. Man hat die Chance, reale Projekte anzugreifen, zu spüren und zu entwickeln. Vieles ist natürlich generationsübergreifend, und es wird einem nicht immer gegeben sein, alles zu finalisieren. Aber dabei zu sein, solche Prozesse zu betreuen und ein wenig auszurichten, freut mich sehr.
Mobilität der Zukunft
Woran möchten Sie am Ende Ihrer Amtszeit gemessen werden?
Hanke: Daran, dass wir die Mobilität der Zukunft weiterentwickelt haben. Dass Verkehrsträger gemeinsam Lösungen finden, ohne ideologische Brille. Mobilität ist Freiheit, Wählbarkeit und Lebensqualität. Gerade im ländlichen Raum darf sie kein politisches Randthema sein.
Was ist Ihnen dabei besonders wichtig?
Hanke: Mobilität muss offen sein. Sie muss Freiheit geben. Darum ist mir die Schiene wichtig, aber auch der Luftverkehr, die Straße und alle anderen Möglichkeiten. Ich möchte mich nicht im Kleintun verlieren, sondern reale Zukunft für Menschen ermöglichen. Man kann für oder gegen ein Projekt sein, das muss man akzeptieren. Aber das, was wir machen, muss planbar sein und auch halten.
Zur Person: Peter Hanke
Ermöglicher. Peter Hanke (SPÖ) ist seit März 2025 Bundesminister für Innovation, Mobilität und Infrastruktur. Der gebürtige Wiener (61) war zuvor von 2018 bis 2025 Finanz- und Wirtschaftsstadtrat der Stadt Wien. Vor seinem Wechsel in die Politik war er unter anderem Geschäftsführer der Wien Holding. Hanke gilt als pragmatischer Infrastruktur- und Wirtschaftspolitiker.