Harald Sicheritz im Interview über "Bruno"
Kultregisseur. Mit „Hinterholz 8“ , „Muttertag“ und „MA 2412“ schrieb er österreichische Kino- und Fernsehgeschichte. Nun bringt der promovierte Politikwissenschafter den jungen Bruno Kreisky auf die Leinwand.
- Harald Sicheritz über Bruno Kreisky als Kanzler
- Der Mut junger Menschen im Film
- Historische Genauigkeit und politische Gegenwart
- Warum Harald Sicheritz die Erste Republik verfilmt
Harald Sicheritz über Bruno Kreisky als Kanzler
Du hast Kreisky als Kanzler erlebt. Hat die Beschäftigung mit seinem jüngeren Ich Dein Bild von ihm verändert?
Nein, eigentlich nicht. Ich habe den alten Kreisky nie idealisiert. Zwentendorf und sein Umgang mit Simon Wiesenthal haben mich gestört. Aber als er 1970 Kanzler wurde, war ich zwölf und habe den gesellschaftlichen Aufbruch unmittelbar erlebt. Nach den Sommerferien waren an unserem Gymnasium die alten Nazi-Lehrer weg. Neuer Direktor war ein junger, sympathischer Mathematikprofessor, der selbst kaum mit seiner Ernennung gerechnet hatte. Er zeigte uns eine Mappe aus dem Unterrichtsministerium: „Schulparlament“. Wie das funktionieren sollte, würden wir gemeinsam herausfinden.
Der Mut junger Menschen im Film
Dein Bruno ist kein Denkmal. Was hat Dich an diesen jungen Leuten fasziniert?
Ihr unglaublicher Mut. Jungs und Mädels, manche erst 16, 17, die für Demokratie und Freiheit ins Gefängnis gingen. Kreisky saß selbst über 16 Monate in Haft. Diese Geschichte wollte ich erzählen – und zwar als Spielfilm.
Ich hab generell eine Schwäche für Leute, die kein Problem mit ihrer eigenen Intelligenz haben.
Historische Genauigkeit und politische Gegenwart
Historische Genauigkeit, zeitgemäße Filmsprache: Schon die Musik Deines Weggefährten Lothar Scherpe, einst Dein Bandkollege bei „Wiener Wunder“, spielt mit diesem Gegensatz. Wie bewusst ist das?
Ich mag, was Peaky Blinders macht: eine historische Serie mit zeitgenössischem Soundtrack. So weit gehen wir nicht. Unser Blues-Traditional „You Gotta Move“ stammt von 1929, auch wenn das damals bei uns wohl niemand gehört hätte. Die Historikerin Helene Maimann achtete darauf, dass historisch alles stimmt, bis hin zum langsameren Sprechtempo. Aber die Geschichte hat natürlich eine gegenwärtige Dimension. Die Adele sagt im Film: „Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben.“ Das ist meine Haltung.
Wir wissen seit gut hundert Jahren, dass der Faschismus immer wieder kommt. Faschismus ist keine Ideologie, sondern eine Taktik, eine Rhetorik. Gerade in Zeiten der Verunsicherung haben politische Wunderheiler Hochsaison. Es weiß ja keine:r von uns, was die KI in den nächsten fünf Jahren mit uns machen wird. Und dann kommen Leute, die behaupten, alles sei ganz einfach und nur sie könnten es richten. Oder: wir und die. Das ist eine klassische faschistische Strategie: Teilen. Das ist beobachtbar!
Warum Harald Sicheritz die Erste Republik verfilmt
Warum also ausgerechnet die Erste Republik?
Als Fritz Schindlecker mit der Idee zu mir kam, einen Film über Kreisky zu machen, war ich zunächst skeptisch. Den alten Kreisky kannten wir ja alle. Aber die Geschichte des jungen Kreisky, dieser jungen Menschen, die überzeugt waren, etwas verändern zu können, hat mich sofort interessiert. Ich komme ja von der Politikwissenschaft und habe mich immer schon darüber gewundert, wie wenig die Erste Republik und insbesondere der Austrofaschismus in Österreich öffentlich thematisiert wurden. Selbst an meiner Schule, die ziemlich progressiv war, wurde darüber praktisch nicht gesprochen. Ich glaube, das hat viel mit dem Geist der Lagerstraße zu tun, mit der politischen Verständigung nach 1945, die auch bedeutete, dass man über die Konflikte der Vergangenheit lieber schwieg. Und als ich so alt war wie Bruno im Film, hätte ich wahnsinnig gern so einen Film über diese Zeit gesehen. Aber es gab ihn nicht.
Denkst Du, Du hättest den jungen Bruno gemocht?
Ich glaube schon. Ich habe zwar selbst keine Kinder, komme aber mit denen anderer Leute sehr gut aus, gerade in diesem Alter. Schon als Youngster haben mich Mädels beeindruckt, die cool waren und was auf der Platte hatten. Insofern wäre mir der junge Bruno wohl durchaus sympathisch gewesen.