Salzburg: Sightseeing für Einheimische

„Wir freuen uns sehr, dass wir wieder durchstarten können und möchten Ihnen heute das besondere, versteckte Salzburg zeigen“, so begrüßt Fremdenführerin Inez Reichl-de Hoogh mit Vollvisier-Mundschutz aus Plastik ihre Gäste im Schloss Mirabell. Seit einer Woche werden wieder täglich Spezialführungen für Einheimische angeboten, wobei weniger bekannte Seiten Salzburgs und kuriose Anekdoten über historische Persönlichkeiten im Fokus stehen. Eine bessere Gelegenheit, um die eigene Stadt zu erkunden, wird es so schnell wohl nicht mehr geben: keine Touristenströme, wenige Autos und nahezu kein Lärm. Diese Chance haben auch wir uns nicht entgehen lassen und waren bei einer Führung durch die rechte Altstadt mit am Start.

Mit Mund-Nasen-Schutz und Sicherheitsabstand geht es bei „Pegasus“ im Mirabellgarten los. Die Bronzestatue neben dem Schloss wurde unzählige Male übersiedelt sowie abgelichtet, und die Sage über das beflügelte Pferd ist allseits bekannt. Was viele nicht wissen: Um 1850 wurde Salzburgs Pegasus tatsächlich „entmannt“. „Seine Männlichkeit war für die damalige Zeit wohl zu üppig zur Schau gestellt“, erzählt Reichl-de Hoogh. Aus der Gruppe ist ein kollektives Schmunzeln zu vernehmen und wie alle sehen können, bekam Pegasus sein „gutes Stück“ in voller Pracht wieder zurück. Neben dieser Anekdote gibt es noch eine willkommene Info: Halten wir untereinander einen Meter Abstand ein, müssen wir im Freien keine Masken tragen – ein erleichtertes Aufatmen ist zu hören und die Führung geht um einiges entspannter weiter.

„Das ist auch für uns eine völlig neue Situation. In den vergangenen zwei Monaten hatten wir keine Einnahmen, auch in naher Zukunft wird es nicht viel anders sein, wenn keine Touristen da sind. Das ist unsere größte Angst“, erzählt die gebürtige Holländerin, die vor 30 Jahren der Liebe willen nach Salzburg kam. Das einzig gute an der Corona-Krise sei, dass man den Salzburgern ihre Stadt nun in Ruhe zeigen könne, erzählt Inez Reichl-de Hoogh auf dem Weg zum Zwergerlgarten. Dort sind wir an diesem sonnigen Vormittag die einzigen Besucher und erfahren, warum bis heute elf der grotesken Marmor-Zwerge fehlen. Wir schlendern weiter über die menschenleere Allee, wo einst Mozarts Hund „Pimperl“ seine Runden drehte, besuchen das gut versteckte „Heckentheater“ und das „Zauberflöten-Häuschen“. Darin verbrachte auch „Wolferl“ viele Stunden – was er dort wohl gemacht hat?

Über den Makartplatz, vorbei an der großen „Caldera“-Skulptur, spazieren wir Richtung Linzergasse bis zum alten Lederhaus, wo Inez Reichl-de Hoogh Richtung Dach zeigt. Dort befindet sich ein gut erhaltener Ziehhaken aus längst vergangenen Zeiten, womit einst die Lederhäute in die Obergeschosse gehievt wurden. Lederwaren Schliesselberger zählt zu den ältesten Betrieben Österreichs, dort gingen Lederer und Gerber bereits 1422 ihrem Gewerbe nach – Kolumbus entdeckte Amerika erst 70 Jahre später! Wir folgen nicht den üblichen Pfaden, sondern biegen links in das schmale „Königsgässchen“ ein, das direkt in die Linzergasse mündet. Residierten hier einst große Herrscher und Adelige? Weit gefehlt, dort wohnten die sogenannten „Nachtkönige“, deren Aufgabe es war, die Jauchegruben der Stadt zu säubern. „Im Mittelalter war die rechte Seite der Altstadt keine feine Gegend“, erzählt Reichl-de Hoogh. Hier wohnten die Handwerker, Bischöfe und Höherrangige hielten sich bevorzugt am linken Salzachufer auf.

Für einen Samstagvormittag liegt eine eigenartige Ruhe in der Luft. Wir genießen es, die Stadt ohne laute Touristen zu erkunden. Unsere nächste Station ist der Bruderhof, den wir durch einen großen Torbogen betreten. „Hier befand sich früher das Hauptquartier der Feuerwehr, die bei Einsätzen mit Blaulicht die Linzergasse hinunter donnerte“, erzählt die Fremdenführerin. Bis zur Trockenlegung ab 1632 war die Gegend übrigens nicht viel mehr als Sumpf und Moor – sogar Malaria kursierte. In einem versteckten Eck befindet sich der Eingang zum Sebastiansfriedhof, der 1603 neu gestaltet wurde und wo u. a. Familie Mozart ihre letzte Ruhestätte fand. Knochen der berühmten Familie sind in diesem Grab allerdings keine mehr, Nannerl wurde zum Beispiel im Friedhof St. Peter beigesetzt. „Sie wäre heute eine Lady Gaga“, lächelt Reichl-de Hoogh. „Ihr Talent war herausragend, am Klavier hatte sie weitaus mehr drauf als ihr Bruder.“

Auch Platzl und Steingasse statten wir einen Besuch ab. Wir hören u. a. von Mozarts Techtelmechtel mit der Bäckerstochter Ottilie und, dass dort, wo heute Foot Locker Sneakers verkauft, früher die Andräkirche stand. Das Gotteshaus wurde bei einem Stadtbrand beschädigt und 1861 abgetragen. Teile der Kirche wurden in den Fassaden der umliegenden Häuser verbaut, zum Beispiel die Kreuzwegsteine in einer Wand neben der Trafik gegenüber. In der Steingasse machen wir vor „Das Kino“ halt, in der linken Hausmauer befindet sich eine große Schramme. Hier wollten in der Nachkriegszeit tatsächlich US-Soldaten mit einem Kleinpanzer passieren und blieben prompt stecken. Das amüsierte die Salzburger, denn wo wollten „die doofen Amis“ hin? Vermutlich zu den „Nachtdamen“ und Wirtshäusern am hinteren Ende der Steingasse. Bis heute zeugt die „Schramme“ von dieser lustigen Anekdote aus der Besatzungszeit. Unsere Tour beenden wir mit einem Blick auf die Häuserfassaden auf dem Rudolfskai und die linke Altstadt. Unser Fazit: Klasse, lustig und informativ! Teilnehmen lohnt sich auf alle Fälle!

Falls Sie auch Lust auf eine Sightseeingtour für Salzburger haben: Treffpunkt täglich um 10.00 Uhr beim Haupteingang des Schloss Mirabell, der Preis beträgt zehn Euro und eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Infos:www.fairtours.at,www.salzburgguides.at

Autor: Simone Reitmeier , 15.05.2020