Wut im Bauch – Warum uns die Aggression im Griff hat

Schreien, toben, rot anlaufen – selbst der friedfertigste Mensch geht immer öfter an die Decke. Hand aufs Herz – wann sind Sie das letzte Mal ausgerastet? Im ­Straßenverkehr? Drängeln, Hupen, Anschreien und beleidigende Gesten sind hier praktisch an der Tagesordnung. Eine aktuelle Studie zum „Verkehrsklima 2020“ belegt zudem, dass wir immer aggressiver werden: 42 Prozent maßregeln einen drängelnden Hintermann auch mal mit einem Tritt auf die Bremse, 45 Prozent reagieren sich bei Ärger sofort am Lenkrad ab – und ein Fünftel bekennt sich zu Raserei.  

Asoziales Netz.
Vor allem aber www ist der Erfindungsreichtum an Beleidigungen und Drohungen schier unfassbar. Doch warum tun Menschen ihre Hetztiraden im Netz so ungehemmt kund? Sie sind damit wieder in guter Gesellschaft, sprich in einer Gemeinschaft, wie Psychologe Holger Eich erklärt: „Wer andere bedroht, ihnen den Tod wünscht oder gar zu deren Mord aufruft, meint so Anerkennung, Ruhm und Sympathie zu erlangen. Im Shitstorm gegen die Einzelnen findet man sich wieder in einer Gruppe Hassender, die wiederum für den Dazugehörigen Identität und ,Wir-Gefühl‘ bieten.“ Eine aktuelle Studie belegt übrigens, dass 73 Prozent aller heimischen Internetnutzer schon eine Hassrede im Netz erlebt haben. Und noch erschreckender: Die User scheinen sich an Hass im Netz zu gewöhnen, Hasskommentare bekommen nicht selten virtuellen Applaus.

Die Zeit des Zorns.
Doch wie entsteht diese maßlose Wut? Laut Holger Eich wird der Grundstein dafür in der Kindheit gelegt: „Gewaltfreiheit ist ein Lernprozess – wir lernen, dass man seine Gefühle anders als durch Trotz und Wut ausdrücken kann. Und wir lernen, eigene Bedürfnisse zurückzustellen und auf etwas zu verzichten – das ist nicht einfach, aber die meisten lernen es.“ Aber leider eben nicht alle. Wobei Eich relativiert: „Wut ist berechtigt, jeder erlebt sie. Es bringt nichts, diese zu unterdrücken oder als Todsünden zu verdammen. Und man muss auch nicht alles psychotherapieren. Jeder hat seine Strategie, die mit der Wut verbundene Erregung und Hormonlast zu reduzieren, sei das joggen, gemeinsam schimpfen, häkeln oder Musik laut spielen/hören.“

Der Schritt zur Gewalt.
Wenn Wut in Aggression umschlägt, dann ist es mit Rationalität allerdings oft nicht weit her. Dann wird der Teil des Hirns direkt hinter der Stirn, das ACC, deaktiviert. Dieser Bereich ist dafür zuständig, Probleme zu melden und zu lösen. Stattdessen übernimmt das impulsive Verhalten. Wer nun Gewalt als erfolgreiche Strategie aus seiner Kindheit oder früheren Erlebnissen verinnerlicht hat, für den fehlt nicht mehr viel, die Grenze zur Gewalt zu überschreiten.
Lesen Sie hier das gesamte Interview mit Holger Eich!

Autor: Alexandra Nagiller, 11.11.2020