Der neue "Elsberg": Das Sterben hat begonnen
Inhalt
- Artensterben: "Wir sind der Asteroid"
- Hang zur Selbstzerstörung
- "KI wird zu unkritisch gehypt"
- Rückgang der Menschheit
Ein Riesenkalmar taucht aus den Tiefen des Meeres auf und attackiert vor den Augen entsetzter Touristen einen Walhai. In der Adria treiben massenhaft tote Fische. In Südamerika verdorren Böden, die Sojaernte fällt großflächig aus – eine der wichtigsten Grundlagen für die Fleischproduktion Europas. Was passiert, wenn scheinbare Einzelphänomene plötzlich geballt auftreten und das globale Netzwerk der Natur zu kollabieren droht?
Österreichs Bestseller-Autor Marc Elsberg (Blackout, 2012) zeigt in seinem neuen Thriller „Eden“ auf, was geschieht, wenn dieses Netzwerk zu reißen droht und die Fundamente des Seins ins Wanken geraten. Wir haben mit dem gebürtigen Wiener über sein neuestes Werk, Künstliche Intelligenz und das sechste große Artensterben gesprochen.
Artensterben: "Wir sind der Asteroid"
Herr Elsberg, Ihre Bücher thematisieren oft Krisenszenarien in Verbindung mit neuer Technologie. Worum geht es in Eden?
Elsberg: Diesmal spielt Technik eine Nebenrolle. KI kommt zwar vor, ist aber nicht der Auslöser. Im Mittelpunkt steht unsere Natur und wie wir als Menschen in ihr leben. Wir haben, bewusst oder unbewusst, das sechste Artensterben ausgelöst. Bei den Dinosauriern war es ein Asteroid, heute sind wir selbst dieser Asteroid. Und wenn wir nicht aufpassen, werden wir zu den nächsten Dinosauriern. Was zum Beispiel passiert, wenn das Plankton weiter zurückgeht oder Böden stärker an Fruchtbarkeit verlieren. Eden erzählt von den Netzwerken des Lebens und davon, was passiert, wenn sie kippen.
Also schleichende Kettenreaktionen, die der Mensch auslöst?
Elsberg: Richtig. Ein Beispiel: Fällt in Südamerika die Sojaernte aus, kollabiert die Fleischindustrie in Europa. Ohne Soja wachsen Rinder, Schweine, Hühner und Fische nicht schnell genug, um wirtschaftlich rentabel zu sein. Der Verlust einer einzelnen Art wirkt sich auf das gesamte Ökosystem aus. Es kommt zu Knappheit, Teuerungen und schlussendlich zu sozialen Verwerfungen.
Wir sind der Asteroid und wenn wir nicht aufpassen, dann werden wir auch die Dinosaurier.
Für wie wahrscheinlich halten Sie solch ein Szenario?
Elsberg: Wir haben immer wieder Fälle, in denen Ökosysteme regional kollabieren. Das hat fast immer direkte wirtschaftliche Folgen. Der Rückgang von Plankton in den vergangenen Jahrzehnten ist wissenschaftlich nachgewiesen. Das ist keine Spekulation, es gäbe noch unzählige weitere Beispiele. Die Frage ist nur, wann Kipppunkte im großen Maß erreicht werden und zu einer globalen Bedrohung werden.
Hang zur Selbstzerstörung
Man könnte meinen, der Menschen hat einen Hang zur Selbstzerstörung …
Elsberg: Das glaube ich nicht. Manchmal sind es einfach auch blöde Zufälle, bei denen man die Auswirkungen noch nicht kennt. Dennoch haben wir mittlerweile kein Wissens-, sondern ein Kommunikationsproblem. Das Wissen haben wir seit Jahrzehnten, wir wollen es aber nicht wissen und sind zu bequem, um anders zu handeln. In Zeiten von Social Media, in denen jeder seine eigene Sichtweise ständig bestätigt bekommt, wird das noch schwieriger. Ausreden zu finden ist oft leichter, als Auswege zu gehen. Deshalb ist die Hauptfigur in Eden auch jemand, der mit Kommunikation zu tun hat.
"KI wird zu unkritisch gehypt"
In Eden spielt Künstliche Intelligenz eine Rolle. Wie stehen Sie persönlich dazu – Fluch oder Segen?
Elsberg: Beides, es kommt darauf an, wie wir damit umgehen. Momentan wird KI oft zu unkritisch gehypt, und wir laufen Gefahr, dass sie ähnlich wie das Internet zur Machtkonzentration in den Händen weniger führt, die das dann auch missbrauchen können. Wir müssen uns fragen, wie wir diese Technologie regulieren und mit neuen Infrastrukturen umgehen.
Nutzen Sie KI beim Schreiben Ihrer Bücher?
Elsberg: Beim Schreiben nicht, da KI erstaunlicherweise noch immer nicht strukturieren kann. Bei längeren Texten liefert sie nur Mittelmaß, vergisst Details und verliert den Faden. Ich müsste fünfmal drübergehen, das ist nicht effizient. Ich nutze KI zur Recherche, da beschleunigt sie wirklich einiges, oder als Sparringpartner, um meine eigenen Gedanken zu präzisieren.
Ich könnte ChatGPT also keinen echten „Elsberg“ verfassen lassen?
Elsberg: Sie können es ja probieren, funktioniert nicht. Zum Glück für mich! Kürzere Texte wie E-Mails oder Artikel kann es scheinbar ganz gut. Bei langen Texten bekommt es die Komplexität aber noch nicht hin. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis wir Autoren überflüssig werden.
Ich möchte Abenteuergeschichten schreiben, die nicht in einer beschönigten, sondern in der echten Welt spielen.
Rückgang der Menschheit
Stellen Sie sich abschließend bitte vor, wir schreiben das Jahr 2040. Was könnte Thema Ihres neuen Bestsellers sein?
Elsberg: (lacht) Wenn ich das wüsste, wäre ich sehr reich! KI wohl nicht, das wird Alltag sein. Ich denke, Umweltthematiken werden die Menschheit noch massiv beschäftigen. Ob Klimaaspekte oder Artensterben, das wird so viel mehr an Wucht und Dynamik gewinnen, dass man nicht daran vorbeikommt. Genauso wie gesellschaftliche Ungleichheiten. Und in 150 Jahren müssen wir uns womöglich mit dem Rückgang der Menschheit beschäftigen.
Das klingt nach Stoff für einen Elsberg-Thriller ...
Elsberg: Wir wissen bereits, dass China bis Ende des Jahrhunderts seine Bevölkerung halbieren wird, sofern nicht unvorhergesehene Wunder geschehen. Europa wird bis dahin auch stark schrumpfen, ohne Einwanderung um etwa ein Drittel. Danach wird nach heutigen Berechnungen die gesamte Weltbevölkerung massiv schrumpfen. Da sind wir dann bei Science Fiction, und das schreibe ich ja nicht (grinst).
Zum Autor Marc Elsberg: Der gebürtige Wiener (59) zählt zu den erfolgreichsten Bestseller-Autoren Österreichs. Sein Spezialgebiet: Science-Thriller und Dystopien. International bekannt wurde Elsberg mit „Blackout“ (2012), seither schrieb er sechs weitere Bücher.
"Eden - Wenn das Sterben beginnt"
Erscheinung: 25. Februar 2026
Blanvalet Verlag