Wenn Leben zu Content wird: Wie Social Media uns verändert

Mehr Schein als Sein: Social Media eignet sich perfekt dazu, sich etwas vorzumachen und andere zu täuschen. Aber ist das wirklich so schlimm? Und ab wann wird es eigentlich zum Problem?
Autor: Sarah Füßlberger, 01.02.2022 um 20:12 Uhr

Idyllische Naturszenerien, intensive Sportsessions im Gym, noble Dinner-Abende oder süße Pärchen-Shootings. Wer sich täglich auf Instagram, TikTok und Facebook tummelt, könnte meinen, das Leben sei eine einzige Aneinanderreihung von Highlights.

Kunstfigur mit vielen Likes

Grundsätzlich spricht nichts dagegen, sich in sozialen Medien von seiner besten Seite zu zeigen sowie die schönsten Momente zu teilen, Emotionen auszulösen, Likes zu generieren. Verführerisch ist, dass wir dabei bestimmen, was wir von uns zeigen und damit ein Stück weit kontrollieren, wie wir gesehen werden wollen. Durchaus mit Erfolg, wie die Kommentare und Likes unter eindrucksvoll inszenierten Selfies immer noch beweisen. Über den Umweg einer digitalen Existenz eine Kunstfigur zu kreieren, deren Leben mehr Glamour verspricht als jenes abseits des Internets mit allen auch weniger schillernden Augenblicken, verlockt viele, bei ihren Inszenierungen des Guten zu viel zu tun. Die Gefahr ist dann groß, uns um Highlights zu bringen, die von bleibenderem Wert sind als der persönliche Content, den wir posten.

Wie Insta-tauglich ist mein Leben?

Nicht zu unterschätzen ist der Druck, der auf uns lastet, wenn wir erst einmal damit begonnen haben, eine glamouröse digitale Identität zu besitzen und unsere Follower daran gewöhnen, täglich mit großen Inszenierungen bespielt zu werden. Auf Dauer strengt es an, unsere täglichen Erlebnisse und Eindrücke auf Insta-Tauglichkeit prüfen zu müssen. Mehr in den sozialen Medien zu leben als im eigentlichen Leben. Es so weit geht, dass man das Gefühl hat, dass es einem falsch ausgelegt werden könnte, wenn man nicht an allen Ereignissen dieser Welt offen Anteil zeigt oder nicht ständig seinen Partner hinterm digitalen Vorhang für Storys, Reels oder Gallerys hervorholt.

Braucht eine Beziehung Präsenz im Netz?

Bei allem Engagement sollte stets klar sein: Man kann sich zu seinem Privatleben in der virtuellen Welt äußern, muss es aber nicht. Auch wenn man online dazu nichts oder wenig preisgibt, ist eine Beziehung nicht weniger ernsthaft als eine von Paaren, die ihre Liebe offen zur Schau stellen.

Ungeachtet der feierlichen Bekanntgabe eines „monthly anniversarys“ (Monatstag einer Beziehung) inklusive der Zusatzinformation, dass man „forever together“ sein wird, kann man durchaus auch ohne diese Botschaft genauso lange zusammen sein. Man kann sich über Ereignisse oder Geschenke freuen, auch wenn man nicht Tausende daran teilhaben lässt – vielleicht sogar mehr, weil man den Moment erlebt und sich nicht den Kopf zerbricht, wie man diese Situation am besten in Szene setzen könnte, sodass sie bei den Followern Begeisterung auslöst.

Frau sitzt bei einer Tasse Cappucino vor ihrem Notebook und tippt eine Nachricht auf ihrem Smartphone | Credit: iStock.com/anyaberkut

Ein Post ist nicht das Leben

Genau aus diesen Gründen sollten wir auch umgekehrt nicht anderen in den sozialen Medien in die Falle gehen. Und ihre Posts als das sehen, was sie sind - Aufnahmen flüchtiger Augenblicke. Solange sie uns inspirieren, etwas aus unseren Chancen zu machen und unseren Horizont zu erweitern, ohne dabei das Leben der anderen zu idealisieren oder falsche Rückschlüsse zu ziehen, sind soziale Medien eine Bereicherung. Damit das auch so bleibt, ist es wichtig, sich immer wieder abzugrenzen, indem man sich nicht mit Vergleichen quält oder meint, anderen nacheifern zu müssen.

Wie viel Glück der anderen können wir ertragen?

Hand aufs Herz: Was denken Sie sich beim Anblick eines Selfies, dass eine Bekannte von Ihnen überglücklich mit einem gutaussehenden und sympathischen Mann bei einem romantischen Candle Light Dinner in einem noblen Lokal zeigt? Als Frau vielleicht Sätze wie: „Die hat’s gut! Klar kann sie sich das leisten bei den Eltern. So einen lieben Mann hat die gar nicht verdient.“ Oder voller Bewunderung: „Wenn ich nur auch so gut aussehen könnte und dazu so einen Freund haben!“

Was das Bild nicht verrät: Dass es auch Tief- und Rückschläge im Leben besagter Bekannten gab. Sie vielleicht bislang nur unglückliche Beziehungen hatte, zu Zeiten, als Sie gerade glücklich waren. Was nur ihre engsten Freunde wissen: Der Beruf ist stressig und hektisch. Geld ist knapp, das schöne Abendessen eine Freude, die sie sich nur selten leisten kann.

Mag sein, dass es ihr wichtig ist, diese Wahrheit in den sozialen Medien bestmöglich hinter der Fassade der smarten und glücklichen Frau in coolen Klamotten zu verbergen. Einen exquisiten Lebensstil vorzuspielen, der ihre finanziellen Möglichkeiten übersteigt.

Frau kommentiert einen Post in den sozialen Medien | Credit: iStock.com/grinvalds

Wie viel Selbstbewusstsein braucht es, um der Selbstinszenierung zu widerstehen?

Dass sich ein Mensch so sehr darum bemüht, sich gänzlich anders darzustellen als er ist, sagt allerdings auch etwas über ihn aus. Zum Beispiel, dass sein Selbstbewusstsein wenig ausgeprägt ist, er denkt, nur dann liebenswert und interessant zu sein, wenn er sich auf diese Weise inszeniert. Ist so jemand wirklich zu beneiden? Für die Betreiber sozialer Medien ist das unerfüllte Bedürfnis vieler nach Beachtung, Bewunderung und Anerkennung ein einträgliches Geschäft. Auch das sollte man bei aller Relevanz, die unserem Image in der digitalen Welt zukommt, nicht außer Acht lassen.

Nicht löschen - abgrenzen!

Kein Grund, sich deshalb zur Gänze aus der Welt des schönen Scheins zurückzuziehen und demonstrativ alle seine Benutzerkonten zu löschen. Es hilft bereits ein wenig Abstand zu den Bildern und das Bewusstsein, in welcher der beiden Welten, in denen wir uns parallel bewegen, am Ende des Tages die wirklich wichtigen Dinge geschehen.

Zur Autorin

Im Rahmen ihres Philosophie-Studiums geht Passion Author Sarah Füßlberger den Dingen gerne auf den Grund. Für www.weekend.at widmet hinterfragt sie die vielfältigen Entscheidungen, die wir Tag für Tag mit Blick auf unsere Lebensweise mehr oder weniger bewusst treffen.