Single sein: Zwischen Freiheit und Beziehungsfrust
Inhalt
- Wandel der Rollenbilder
- Zwischen Sehnsucht und Zögern
- Partnerschaft im Prüfmodus
- Freiheit mit Nebenwirkungen
- Wischen oder wagen?
- Experte: "Singlekultur heute"
Allein aufwachen, aufstehen, in den Tag starten – und das ohne den drängenden Wunsch nach direktem Austausch, nach zärtlicher Zweisamkeit. Dabei aber ziemlich zufrieden … Kennen Sie? Dann sind Sie wahrscheinlich weiblich. Während sich zwei Drittel der ungebundenen Männer eine langfristige Partnerschaft wünschen, sind alleinlebende Frauen mit 44 Prozent deutlich weniger auf verbindliche Beziehungen aus, wie eine Studie einer bekannten Partnerbörse ermittelt hat.
Soziologin Eva-Maria Schmidt von der Uni Wien bestätigt den Befund und führt ihn u. a. auf den Wandel des Geschlechterverhältnisses zurück. „Frauen legen im Vergleich zu früher mehr Wert auf Unabhängigkeit, etwa ökonomisch, und sind in dieser Rolle auch akzeptierter.“
Wandel der Rollenbilder
„Sozial gut eingebunden, erleben viele Frauen ihr Singlesein heute stärker als selbstbestimmte Lebensform“, sagt auch Andrea Wohlfahrter, die als psychosoziale Beziehungs- und Sexualberaterin (andrea-wohlfarter.at) arbeitet. Damit steige ihre Bereitschaft, allein zu leben, „solange eine Beziehung keinen echten Vorteil in Bezug auf Lebensqualität und emotionale Sicherheit bietet“. Männer hingegen setzen vergleichsweise häufiger auf den „rettenden Beziehungsanker“, der ihnen Alltagsstruktur und Nähe liefert und – gesellschaftlich wie auch persönlich gesehen – mit Status und sozialer Stabilität verknüpft ist.
Singlesein wird dann zur bewusst gewählten Lebensform, wenn es nicht als Übergang empfunden wird, sondern als stimmige, selbstbestimmte Entscheidung.
Ganz unabhängig vom Geschlecht wird die Suche nach dem Herzensmenschen vor allem in jungen Jahren aber immer komplexer und widersprüchlicher – und erklärt zumindest teilweise, warum ein Drittel der 18- bis 39-Jährigen noch nie in einer festen Beziehung war.
Zwischen Sehnsucht und Zögern
Digitale Möglichkeiten erweitern zwar den Kreis potenzieller Partnerinnen und Partner, erhöhen jedoch gleichzeitig den Entscheidungsdruck. Ständige Vergleichbarkeit und digitale Überforderung wirken als „Beziehungsbremsen“. Dazu kommt: „Ausbildung, prekäre Lebensverhältnisse und gesellschaftliche Krisen verlängern das Gefühl, ‚noch nicht angekommen‘ zu sein“, sagt Wohlfahrter. Der Wunsch nach Nähe sei groß, aber der Mut zur Festlegung oft noch nicht vorhanden.
In der Generation „40 plus“ dreht sich das Beziehungskarussell wieder nach ganz eigenen Regeln, legt dabei aber immer öfter auch die eine oder andere erwünschte Pause ein. „Heute gibt es oft mehrere Phasen, die man alleine verbringt“, erzählt Schmidt. „Erlebtes macht vorsichtiger: Nähe wird nicht generell gemieden, aber sorgfältiger gewählt“, ergänzt Wohlfahrter.
Partnerschaft im Prüfmodus
Einig sind sich die Expertinnen, dass Ansprüche und Erwartungen an Partnerschaften in den letzten Jahren deutlich gestiegen sind und sich weiter ausdifferenziert haben. Der Drang nach Selbstverwirklichung und Selbstoptimierung erhöht den liebestechnischen Stresslevel: Beziehungen werden zunehmend bewertet, geprüft und reflektiert. Und immer wieder hinterfragt. An der Überzeugung, dass es „die eine“ oder „den einen“ für immer tatsächlich gibt, wird aber unbeirrt festgehalten, wie die Soziologin feststellt. Das ist emotional anstrengend und – ja – oft enttäuschend.
Freiheit mit Nebenwirkungen
Eine Entwicklung, die Psycho- und Paartherapeut Wolfgang Wilhelm kritisch beobachtet: Unsere Gesellschaft frönt dem Unabhängigkeitsfetisch mit vielen negativen Folgen wie sinkender Geburtenrate, Kommerzialisierung und zunehmender Einsamkeit, wie er betont: „Bindung und Nähe sind nicht etwas, was man einfach nach Belieben ein- und ausschalten kann und konsumiert, wie es einem gerade passt. Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen, es ist Bereicherung und Verantwortung gleichermaßen.“
Wischen oder wagen?
Perfektes Match? Wer auf der Suche nach einer Beziehung ist, tummelt sich meist am riesigen Online-Partnermarkt. In der Praxis erfülle sich deren Heilsversprechen allerdings oft nicht, weiß Kai Dröge vom Institut für Sozialforschung an der Universität Frankfurt: „Obwohl alle Daten passen, alle Persönlichkeitseigenschaften auf Kompatibilität geprüft und alle ‚No-Gos‘ des Beziehungsalltags sorgfältig ausgeschlossen wurden, wird trotzdem nicht Liebe daraus.“ Coach Wolfgang Wilhelm sieht die App-Liebeslage ähnlich: „Wir Menschen sind zu komplex und zu vielschichtig für stupide Onlineprofile. Wir selbst und auch unsere Gegenüber sind es wert, kennengelernt zu werden.“
Experte: "Singlekultur heute"
Neues Normal: Sind Singles akzeptiert?
Zuerst einmal ist es gut, dass heute die Zweierbeziehung mit Trauschein nicht mehr die einzige anerkannte Beziehungsform ist. Und ja: Singles werden seitens der Gesellschaft nicht mehr defizitär betrachtet und sind ebenso akzeptiert wie polyamouröse Beziehungen.
Männer wollen Beziehung, Frauen genießen das Alleinsein – stimmt die Analyse?
Studien zeigen, dass Männer ihr Bedürfnis nach Nähe und Zärtlichkeit oft nur im Kontext von Sexualität kennen, während Frauen deutlich öfter körperliche Nähe und Zärtlichkeit auch mit Freundinnen im Alltag ausleben.
Warum tun sich heute gerade die Jungen in Partnerschaften besonders schwer?
Alltag und Belastungen: Eine Beziehung zu führen will gelernt sein. Schwierige Situationen gehören nun mal dazu. Dafür brauchen wir auch Frustrationstoleranz, aber das ist eine Kompetenz, die heute nicht sehr hoch im Kurs steht.
Auf Partnersuche: Was raten Sie?
Die beste Voraussetzung für eine neue Beziehung ist es, zu lernen, mit sich selbst glücklich zu sein. Wir sollten unseren Partner nämlich wollen – aber nicht brauchen!